Isla de Ons : Vielleicht schwimmt ein Delfin vorbei

Die Isla de Ons in Galicien ist vier Quadratkilometer klein. Nur im Sommer kommen Besucher – und preisen Natur und Ruhe.

Katja Bülow
Ein Leben land Fischer. Der 72-jährige Cesarioist der Insel treu geblieben. Er wohnt, wie wenige, noch immer das ganze Jahr über hier.
Ein Leben land Fischer. Der 72-jährige Cesarioist der Insel treu geblieben. Er wohnt, wie wenige, noch immer das ganze Jahr über...Foto: Katja Bülow

Fischer Cesario ist der Einzige, der auf der nordspanischen Atlantikinsel Isla de Ons ein Moped besitzt. Von seinem Feldsteinhaus im Südosten des Eilands fährt der fitte 72-Jährige auf einem Sandweg die Küste entlang – vorbei an kleinen Maisfeldern, langen weißen Stränden und von den Gezeiten flach geschliffenen Felsen, die sich langsam im grünblauen Meer verlieren. Schon von Weitem ist unten im Dorf das Knattern des alten Zweirads zu hören. Jeder weiß dann sofort: Cesario kommt, um an der Mole in sein Boot zu steigen oder auf ein Schwätzchen in eine der oberhalb gelegenen Bars einzukehren.

Der Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht und der karierten Schiebermütze auf dem Kopf genießt große Anerkennung bei den Insulanern. Weil er eigenwillig ist und allen Widrigkeiten zum Trotz genau so lebt, wie er es möchte. Weil er auf der Insel geblieben ist, während fast alle anderen gegangen sind. Viele kennen ihn seit ihrer Kindheit, jener Zeit, als das Eiland Ons noch das ganze Jahr über bewohnt und Tourismus ein Fremdwort war.

Heute ziehen die meisten Insulaner den Winter über aufs Festland und kommen dann ein paar Monate, vom Frühjahr bis zum Herbst, zurück, um die Insel gleichsam wie eine Alm auf dem Atlantik zu bewirtschaften. Sie vermieten Unterkünfte an Urlauber, die hierherkommen, um zu baden, zu wandern oder auszuruhen – hängen ihnen Zettel an die Zimmertüren, die auf die wenigen Tagesstunden verweisen, an denen ein laut ratternder Generator das Eiland mit Strom versorgt.

Und sie servieren hausgemachte regionale Köstlichkeiten, vor allem Fisch und Meeresfrüchte, damit kennt man sich hier aus. Palmira, die Wirtin des ältesten Restaurants am Ort, hat vor drei Jahren sogar den Preis für Galiciens besten Oktopus gewonnen, für ihren im Kessel gegarten „Pulpo en caldeira“.

Autos sind hier strikt verboten

Schön ist es auf diesem gerade mal vier Quadratkilometer großen Felseneiland, das zum Nationalpark der Galicischen Atlantikinseln gehört. Mit seiner üppigen Vegetation, dem Blick, den man von den Anhöhen aus über die benachbarten Inseln und in die fjordartige Ria de Pontevedra hinein hat, ist es ein Sehnsuchtsort wie aus dem Bilderbuch. Schmale Wege schlängeln sich über einen weiten, sattgrünen Bergrücken zum weißen Leuchtturm hinauf. Von dort aus geht der Blick hinüber zur steilen, von der Brandung des Atlantiks zerklüfteten Westseite des Archipels. Dort, über den schäumenden Wellen, ziehen ungezählte Seevögel ihre Kreise, schrauben sich hoch hinauf in die Lüfte.

Im Sommer bringen Fähren vor allem Gäste aus der Stadt Vigo und deren Umland. Die Leute sehnen sich danach, ein paar ruhige Stunden oder Tage in unverbauter Natur zu verbringen. Autos sind hier strikt verboten. Nur die Nationalpark-Mitarbeiter sind motorisiert, und zwei Mini-Trecker scheppern gelegentlich mit voll beladenem Hänger von der Mole zu den Häusern hinauf – Lastesel für alle Waren, die vom Festland kommen.

Wer sich zu Fuß auf Entdeckungstour begibt, der kann Kormorane beobachten, verschiedene Delfinarten, ab und zu auch Schildkröten... Es existiert eine ungewöhnlich große Artenvielfalt oberhalb wie unterhalb der Meeresoberfläche. Und in manchen Nächten passiert es sogar, dass sich der Atlantik in Strandnähe purpurrot verfärbt – ein Leuchten, das unzählige Mikroalgen erzeugen, sobald sie bewegt werden.

Rundherum Meerblick. Die Isla de Ons liegt geschützt im Nationalpark. Viele unterschiedliche Tierarten kann man hier beobachten, an Land und unter Wasser.
Rundherum Meerblick. Die Isla de Ons liegt geschützt im Nationalpark. Viele unterschiedliche Tierarten kann man hier beobachten,...Foto: Katja Bülow

Im Winter ist die Insel eine andere

Cesario freut sich trotz alledem jedes Jahr auf den Winter. Dann nämlich hat die Insel nur noch vier Bewohner: Ihn, seine Frau sowie den Bruder und die Schwägerin, die am anderen Ende der Isla de Ons, auf Galicisch Illa de Ons genannt, leben. Als regelmäßige Besucher kommen lediglich der Leuchtturmwärter und die Nationalparkangestellten, die im achttägigen Schichtdienst arbeiten und sich auf Spezialschiffen zum Einsatzort bringen lassen. Wenn den Insulanern irgendetwas fehlt, wenn Post oder Päckchen transportiert werden sollen, dann helfen sie gern mal aus.

Während der Fischer am Fuße der Mole steht und Köderfische für seine Krakenfallen vorbereitet, erzählt er von dieser Jahreszeit: „Dann bist Du hier ganz alleine, das ist toll. Und die Insel ist eine vollkommen andere.“ Schon im Sommer kann die Überfahrt bei stärkerem Wind eine abenteuerliche Schaukelpartie sein.

Die Fährmänner haben an solchen Tagen reichlich zu tun, um den bisweilen blass gewordenen Passagieren vom schwankenden Schiff auf den Anleger zu helfen. Im Winter gibt es oft wochenlang gar keine Verbindung zum Festland und damit auch keinen Arzt. Apotheke und Läden sind sowieso geschlossen. Cesario macht das nichts aus.

"Du musst von allem etwas haben"

Als er am Abend oben am Haus vom Moped steigt, erwartet ihn schon Victoria, seine Frau. Siebzig Jahre ist sie alt und steht mit einem schweren Sack in der Hand auf einer Holzleiter. Die Leiter lehnt am Hórreo, einem jener für Galicien typischen steinernen Speicher, in dem die Familien seit ewigen Zeiten ihre Vorräte aufbewahren. „Da hinten haben wir ein kleines Feld, auf dem bauen wir alles an, was wir brauchen. Kartoffeln, Paprika, Tomaten, Zwiebeln...“

Die Frau wischt sich kurz die Hände an der Kittelschürze ab, tritt zur Seite und gibt den Blick ins Innere des Bauwerks frei. Gut gelüftet und sicher vor Ratten und Mäusen hat sie ihre Schätze aufgestapelt. „Du musst von allem etwas haben. Wenn Du nichts hast, kannst Du nichts essen.“ So einfach ist das.

Vor der Küchentür reihen sich Eimer mit trockenem Brot für die Hühner, daneben steht eine schlichte Bank. Auf der nimmt sie Platz, streichelt einer Katze über den Rücken und erzählt von ihrer Kindheit. Davon, wie die Jungs und Mädchen an kalten Tagen zur Schule gerannt sind, um vor dem Unterricht den besten Platz am Ofen zu bekommen. Und davon, wie sehr alle zusammengehalten hätten, früher, als hier noch Hunderte lebten. „Wenn ein Fischer mal krank war, dann haben die anderen seine Familie mit versorgt.“

Einsam fühle sie sich trotzdem nicht. Victoria blickt zufrieden über das weite Blau des Atlantiks. Dann stellt sie mit fester Stimme klar: „Hier auf der Insel bin ich geboren, und hier möchte ich irgendwann auch mal begraben werden. Gleich da vorne am Meer. Das ist mein Zuhause.“

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