Mallorca : Ein Hotel Museum für Joan Miró

Der spanische Künstler fand sein Glück an der Cala Major. Dort lebte er in engem Kontakt mit der Natur. Nun erstickt die Bucht in Beton. Ein Miró-Enkel hält dagegen.

Daniel Sprenger
Lückenlos zugebaut. Die Cala Major, unweit von Palma, war in den 60er Jahren ein Idyll für Kenner. Auch Hollywood-Star Errol Flynn wohnte hier.
Lückenlos zugebaut. Die Cala Major, unweit von Palma, war in den 60er Jahren ein Idyll für Kenner. Auch Hollywood-Star Errol Flynn...Foto: Daniel Sprenger

Als sich Joan Miró 1956 auf Mallorca niederließ, wollte er nicht in die Hauptstadt Palma. Die fand er zu städtisch, zu laut. „Mein Großvater sagte: ,Ich möchte auf einen Hügel, von wo ich den Lauf der Sonne sehen kann, den Mond und die Sterne‘ “, erzählt Joan Punyet Miró. Auch Vögel, Kaninchen, Käfer, Bienen und Schnecken hätte er beobachten wollen. Der enge Kontakt mit der Natur sei dem Künstler wichtig gewesen, bekräftigt sein Enkel. Das habe ihn inspiriert zu seinen farbenfreudigen Gemälden mit oft naiven Motiven und verspielten Skulpturen und Collagen.

Miró fand sein Paradies in Cala Major, dem äußersten westlichen Vorort Palmas, der damals eine kleine Künstlerkolonie war. Der Robin-Hood-Darsteller Errol Flynn wohnte dort am Meer, Maler, Dichter und Komponisten lebten in Villen. Ansonsten habe es nur urwüchsige Natur und ein Nobelhotel gegeben, eröffnet von Fürstin Gracia Patricia.

Dass Grace Kelly hier ein Hotel einweiht, erscheint in Anbetracht der heutigen äußeren Umstände so wahrscheinlich, als würde Karl Lagerfeld in Marzahn eine Boutique aufmachen. Denn Anfang der 1970er Jahre setzte eine Bauwut ein, die das idyllische Hügelland bis auf den letzten Quadratzentimeter unter Stein begrub. Wo Miró die Natur suchte, findet der heutige Besucher fast schon absurd anmutende Negativbeispiele ungezügelter Verstädterung.

Wo der Künstler von Schönheit träumte, umfängt den Touristen Beton-Brutalität mit irritierender Wucht. Zwölf- bis 14-stöckige Blöcke stehen unmotiviert herum, als hätten ihre Erbauer von Stadtplanung und organischem Wachstum nie etwas gehört. „Mein Großvater war verzweifelt, diese furchtbaren Gebäude in die Höhe schießen zu sehen. Es war für ihn der Horror“, erzählt der Enkel.

Im ersten Moment ist es kaum zu glauben, dass ausgerechnet hier ein der schönen Kunst gewidmetes Hotel eröffnet. Doch Punyet Miró hat gemeinsam mit seinem Jugendfreund Javier Vich dessen früheres Hotel „Dalí“ völlig neu gestaltet – und daraus das „Joan Miró Hotel Museum“ gemacht. „Wir waren ein Drei-Sterne-Hotel aus den 60er Jahren“, sagt Hotelier Vich. „Wir mussten sowieso renovieren. Die Idee, etwas Besonderes zu machen, kam zum richtigen Zeitpunkt.“ Der Umbau sei nun deutlich teurer geworden als geplant, doch für das Projekt habe sich die Investition gelohnt.

"Bitte nicht stören, ich bin inspiriert"

Der Künstlerenkel sieht die Sache etwas poetischer: „Das Hotel ist die einzige Möglichkeit, die Schönheit an diesem Ort wiederherzustellen.“ Zusammen mit der Stiftung Pilar und Joan Miró, die nur etwa 300 Meter entfernt hinter Betonriesen liegt, bilde das Hotel eine Einheit. „Wir haben jetzt ein Museum, das ein Hotel hat – und ein Hotel, das ein Museum hat. Niemand dachte, dass so etwas auf Mallorca möglich ist.“

Punyet Miró führt durch das „Hotel Museum“, in dem 28 Originalwerke hängen. „Es sind Leihgaben aus meiner Privatsammlung“, sagt der 48-Jährige, der auch die erklärenden Texte darunter verfasst hat. „In den Bildern geht es um Segler, Piraten, Musik, Licht und mediterrane Kultur.“ Die „Krabbenesserin“ und der „Leuchtturmwärter“ etwa hängen im Speisesaal. Die maritimen Motive seien gewählt worden, da dort auch Seafood serviert werde.

In der Lobby, hinter der Rezeption, hängen weitere Bilder, die aber allein nicht reichen würden, das Hotel zu etwas Besonderem zu machen, sagt Punyet Miró. In allen Details müsse sich das spezielle Design wiederfinden: „Man soll sich in Mirós Welt hineinversetzen, die ganze Zeit.“ Und so gibt es denn auch keine simplen „Do not disturb“-Schilder, sondern Türanhänger mit der Aufschrift „Bitte säubern Sie mein Zimmer, ich bin zur Inspiration hinausgegangen“ oder „Bitte nicht stören, ich bin inspiriert“. Nahezu jeder Gast lasse diese originellen Stücke mitgehen, als Lesezeichen.

Mehr als 100 Reproduktionen von Miró-Werken befänden sich zudem im Haus, sagt Vich. In jedem Zimmer prangt ein großer Nachdruck hinter dem Bett. Und es gibt sogar einen „Miró-Cocktail“ aus Wein, Minze und Zucker. Der Geschmack variiert zwischen Sangria, Mojito und Piña Colada, während das Rot, Grün und Gelb (natürlich Mirós Lieblingsfarben) ineinander verschwimmen.

Punyet Miró blättert in einem der Werkkataloge, die in der Bar auf jedem Tisch liegen. Er zeigt auf ein Foto: „Da bin ich zehn und Miró ist 85. Ich erinnere mich an Farben, Gemälde und Kreativität überall. Als Kind kann man sich ganz leicht in Mirós Werk hineinversetzen. Picasso sagte: ,Alle Kinder werden als Künstler geboren, schwierig ist, das ganze Leben einer zu bleiben.‘ Miró hatte Erfolg und blieb sein ganzes Leben lang Künstler.“

Ein Bunker und Schutzraum für die Kunst

Und er blieb sein ganzes restliches Leben in Cala Major, auch wenn ihn immer mehr Beton umgab. Kurz vor seinem Tod 1983 verfügte er die Einrichtung der Stiftung, die den Erhalt seines weitläufigen Anwesens zum Ziel hat. 40 Gemälde ließ die Familie bei Sotheby’s versteigern und konnte so einen gewaltigen sternförmigen Museumsbau des spanischen Stararchitekten Rafael Moneo beauftragen. Das Gebäude ähnelt einem Bunker, ein Schutzraum für die Kunst in einer kunstfeindlichen Umgebung. Und doch dringen Vogelstimmen von außen hinein. „Das mochte Miró am meisten: Ruhe und Vogelzwitschern. Er stand immer um sechs Uhr auf, um den Vögeln zu lauschen.“

Dicke Pinien umschließen die Finca Son Boter, die er 1959 als zweites Atelier erstand. „Es ist ein typisches mallorquinisches Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert und wurde ohne Architekten gebaut.“ Für sein erstes Studio hatte der Künstler statt auf Natursteinromantik auf moderne Linienführung gesetzt.

Der befreundete Architekt Josep Lluís Sert entwarf für Miró ein lichtdurchflutetes Atelier: „Es wurde vor 60 Jahren gebaut und ist immer noch sehr modern und radikal. Viele Einflüsse kommen von Le Corbusier und Bauhaus.“ Im geschwungenen Dach lässt sich die Form eines Möwenflügels erahnen. Im Inneren stehen Dutzende Leinwände mit teils fertigen, teils unvollendeten Werken Mirós. Nichts wurde nach seinem Tod verändert – und so wirkt es, als sei der Meister nur einmal kurz hinausgegangen.

Zurück im Hotel ist die Aussicht in vielen Zimmern von den aufragenden Betonklötzen verstellt. Das Ziel der beiden Hoteliers ist es, an einem der hässlichsten Orte Mallorcas einen Glanzpunkt zu schaffen. „Der einzige Grund dafür, das Hotel hier zu eröffnen und nicht in Barcelona oder New York, liegt darin, dass wir gegen diesen Horror ankämpfen wollen“, sagt Punyet Miró und fügt hinzu: „Das Erbe und der Auftrag Mirós ist der Kampf gegen die Hässlichkeit.“

Seite 1 von 2Artikel auf einer Seite lesen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben