Mallorca : Strophen des Mittelalters

Das Ende der Welt ist nah in der Heiligen Nacht. Das verkünden Kinder in den Kirchen Mallorcas. Der schaurige Sibyllengesang ist Weltkulturerbe.

Stephanie Eichler

Die Gemeinde zittert. Ein Elfjähriger steht am Altar und wird ein schwieriges Lied singen – ganz allein in der gut besuchten Kirche. Hoffentlich, so denkt der Kirchgänger bang, bricht das dünne Stimmchen nicht ein! Aber dann erklingt auch schon das rettende Zwischenspiel der Orgel; die erste Strophe ist geschafft. Das Lied mit den vielen Trillern und dem ungewohnt fremden Klang ist der mallorquinische „Cant de la Sibil.la“, der Sibyllengesang. Im November hat ihn die Unesco als immaterielles Weltkulturerbe ausgezeichnet – wie die französische Küche, die Echternacher Springprozession und die Pekingoper.

Für die Mallorquiner gehört der Sibyllengesang in der „Noche Buena“, der Heiligen Nacht, dazu wie für uns Deutsche die Geschenke, die es in Spanien traditionell erst am 6. Januar gibt, am Tag der Heiligen Drei Könige. Kinder üben das Lied der Sibylle in der Adventszeit ein, um es in den Kirchen der Insel vorzutragen. Die ungewöhnliche Weise wird seit dem 12. Jahrhundert in der Sprache Mallorcas, in Mallorquín, gesungen.

Nur wenige Stimmen meistern diese Herausforderung: Hoch oben im Kloster Lluc, dem religiösen Zentrum Mallorcas, ist ein Internat untergebracht. In dem dazugehörigen Chor, Els Blauets, werden die besten Sänger der Insel ausgebildet. Das Kloster liegt über fünfhundert Meter hoch im Tramuntana-Gebirge im Nordwesten der Insel. Eine asphaltierte Straße, die am Ende als Pfad auf einem alten Pilgerweg verläuft, führt hinauf. Rechts und links des Weges ragen schroffe Felsen empor, frisches Grün sprießt aus dem Boden und dutzende Schafe laufen herum, nur einen Hirten sieht man nicht. Es ist trotzdem fast wie an einer lebendigen Krippe, wären da nicht der eisige Wind und die grauen, tiefhängenden Wolken, die für den Dezember auf Mallorca typisch sind.

Vor ein paar Stunden hat die Unesco Mallorcas Sibyllengesang auf ihre Welterbe-Liste gesetzt, und oben im Kloster warten schon die Kamerateams auf den Chorleiter Ricard Terradas und seine Schützlinge. Jeder will gratulieren, denn kein Ort gilt als so eng mit dem Sibyllengesang verbunden wie die Klosterkirche, die einsam in den Bergen liegt. „Nur hier“ sagt Terradas, „ließen sich die Sänger den Mund nicht verbieten. Nur hier hatten die Bischöfe mit ihrem Versuch, die Sibil.la abzuschaffen, keinen Erfolg.“ Deren Amtskollegen in Portugal, Katalonien und Südfrankreich hingegen erreichten ihr Ziel, den Gesang ein für alle Mal zu verbieten. 1899 wurde in der Kathedrale von Toledo letztmals das Sibyllenlied bei einer Messen auf dem spanischen Festland gesungen. Selbst in den Kirchen Mallorcas erklang die Sibil.la ein, zwei Jahre lang nicht, mit Ausnahme vom Kloster Lluc.

Warum aber erregte der Gesang der Sibyllen verhältnismäßig spät soviel Missfallen beim Klerus? Kirchenvater Augustinus hatte sich doch schon im 4. Jahrhundert mit der Prophetin Sibylle auseinandergesetzt, obwohl sie keine christliche Gestalt war, sondern aus der griechischen Antike stammte. Der Gesang in der Kirche erregte die Gemüter, denn er wurde (und wird) wie ein Auftritt im Theater inszeniert: Die Sänger sind verkleidet, tragen Tunika und Barett und halten ein blankes Schwert in den Händen. „Im 16. Jahrhundert setzte die katholische Kirche Schauspieler mit Prostituierten gleich, weswegen auch die Darstellung des Sibyllengesangs als anzüglich galt”, erklärt der Chorleiter das Verbot.

Wie jeden Nachmittag versammeln sich auch heute Els Blauets, die Kinder des Chors, im Probenraum. Daniel, elf Jahre, Luis, zwölf, und Maria, 13 Jahre alt, sind die Besten. Schon seit Mitte Oktober proben sie den Cant de la Sibil.la – noch gemeinsam, aber in der Christmette wird nur einer singen dürfen: Der oder die Auserkorene wird in die Rolle der Prophetin Sibylle schlüpfen und das Ende der Welt ankündigen, von Fischen singen, die schrecklich schreien, von Wasser, das nicht aufhört zu kochen, und von Sonne und Mond, die sich verdunkeln. Wüste Drohungen gegen die Menschheit kommen da aus Kindermund. Und das ausgerechnet zu Weihnachten.

Wie sollte es anders sein: Früher war es nur Jungs erlaubt, das Lied zu singen, heute dürfen auch Frauen und Mädchen in die Rolle der Sibylle schlüpfen. Maria sang das Lied schon oft, in Christmetten und auf Konzerten. Sie sagt: „Die Zuhörer sollen Angst bekommen, denn es handelt davon, dass du achtsam durchs Leben gehen musst, sonst landest du im ewigen Feuer der Hölle!“ Ihr sei klar, dass die Menschen heute zwar nicht mehr an so etwas glauben, aber trotzdem müsse sie den Zuhörern deutlich machen, dass sie sich anstrengen sollen. So will es die Tradition.

Falls sich nach vielen Stunden des Probens herausstellt, dass nicht Maria, sondern Luis der beste Sänger ist, weiß Luis jetzt schon, dass er vor dem Auftritt starkes Lampenfieber haben wird. Allein vor so vielen erwartungsvollen Zuhörern. Er weiß: Nur singen wird dann helfen, die Aufregung verschwinden nach den ersten Tönen.

Aber jetzt will der Chor noch ein Foto machen, an diesem Tag, an dem die Unesco gewürdigt hat, wie stark der eigentümliche Gesang bei den Mallorquinern verwurzelt ist. Dank des Unesco- Status wird es nun einfacher sein, Fördergelder zu bekommen. Die Auszeichnung gilt außerdem als Gütesiegel einer touristischen Attraktion. Schwierig vorzustellen, wie in die Klosterkirche noch mehr Leute hineinpassen sollen: An Heiligabend platzt sie mit 300 Kirchgängern schon jetzt aus den Nähten. Doch schließlich gibt es ja noch die zahlreichen Weihnachtskonzerte während der Adventszeit und die vielen anderen Kirchen der Insel.

Warum wird die Sibil.la, die ein gar schreckliches Ende der Welt beschreibt, gerade zu Weihnachten, dem Fest der Zuversicht, vorgetragen? Diese Frage führt in das Städtchen Campanet: In einem alten Gemäuer neben der Kirche ist Mallorcas Zentrum für Musikgeschichte untergebracht. Es gibt keine Heizung. Joan Parets, Pfarrer und Direktor des Zentrums, sitzt an seiner Mesa Camilla, einem Tisch, unter dem in einer Schüssel glühende Kohlen liegen.

Parets erzählt, dass er am Heiligen Abend nie die Sibil.la singen durfte. Immer gab es ein Kind, das besser sang als er. Eine Genugtuung, dass er sich nun als Hüter des alten Gesangs fühlen kann. Unzählige Schriften über die Sibil.la hat der Pfarrer archiviert, und jedes Jahr kommen neue dazu.

Vor ein paar Jahrzehnten klapperte Parets alle Kirchen der Insel ab und ließ sich die Sibil.la vorsingen. Er stellte fest, dass auf Mallorca zwei Versionen verbreitet sind: Die verspieltere und schwierigere wird im Kloster Lluc sowie in den Kirchen im Landesinnern gesungen.
Der Experte hat eine einleuchtende Erklärung dafür, dass der Sibyllengesang zu Weihnachten und nur dann zur Aufführung kommt: „Der Kirche gefiel es schon immer, mit drastischen Mitteln zu arbeiten. Außerdem wird in der letzten Strophe auch eine Jungfrau erwähnt, die ein Kind gebären soll, das uns alle retten wird.“ Mit der Verleihung des Welterbesiegels steht jetzt auch diese Botschaft unter dem Schutz der Unesco.

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