Modernes Brünn/Brno : Ein Bilderbuch funktionalistischer Architektur

Zweckmäßig und schön: In der zweitgrößten Stadt Tschechiens stehen Bauten wegweisender Architekten. Schönstes Beispiel ist die Villa Tugendhat von Mies van der Rohe

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Zeitlos elegante Innenausstattung in der Villa des Ehepaars Tugendhat.
Zeitlos elegante Innenausstattung in der Villa des Ehepaars Tugendhat.Foto: Arthur Schnabl/Böhmen Reisen

Die Dame hatte es gern geräumiger. 237 Quadratmeter für das Wohnzimmer schienen angemessen, unterteilt lediglich von einer freien Wand aus honigfarbenem Onyx und einem schwarz-gelb geflammten Halbrund aus Ebenholz, das einen Esstisch mit Sitzen aus weißem Kalbsleder abschirmte. Und sie liebte es modern: Die gesamte Fensterfront ließ sich mithilfe eines Elektromotors komplett in den Keller senken, sodass die Terrasse aus weißem Travertin und das Panorama der Stadt Brünn gewissermaßen zu einem Teil der Wohnung wurden.

Funktionalismus wie aus dem Bilderbuch: Die Villa Tugendhat von außen.
Funktionalismus wie aus dem Bilderbuch: Die Villa Tugendhat von außen.Foto: Lerchenmüller

Das alles hatte auch schon damals, 1929, seinen Preis: Acht bis zehn gewöhnliche Mietshäuser, je nach Größe, hätte man dafür bauen können.

Doch die Dame, Grete Tugendhat, und ihr Mann Fritz mussten sich nicht sorgen. Beide entstammten reichen Fabrikantenfamilien, den Bauplatz hatten ihnen die Eltern zur Hochzeit geschenkt.

Auch der Architekt, der Deutsche Ludwig Mies van der Rohe, profitierte vom nie versiegenden Geldfluss: Er durfte edelste Hölzer, teuersten Stein und feinste Stoffe heranschaffen, und niemand sagte, nun ist aber mal gut – der Traum eines jeden Baumeisters. Nicht zuletzt deshalb wurde die Tugendhat-Villa ein Glanzstück Brünns und eine Ikone der funktionalistischen Architektur, jenes Baustils, in dem sich Zweck und einfache Schönheit harmonisch vereinigen sollten.

Im "Manchester des Ostens" gab es genug Geld und Lust auf Neues

Die zweitgrößte Stadt Tschechiens ist so etwas wie ein Bilderbuch des Bauens im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Im „Manchester des Ostens“ gab es damals genügend Bauherrn, die nicht nur Geld, sondern auch Lust auf Neues hatten. So mischte Dušan Jurkovic schon 1906 für seine bäuerlich-hoch moderne Vorzeigevilla Steinbögen, Spitzdächer und Fachwerkelemente mit geschnitzten Pfauen und blauen Giebeln aus der slowakischen Folklore.

Die Türmchen des Krematoriums von 1929 stechen in den Himmel wie viereckige Bleistifte. Und vielerorts in der Stadt existieren Schulen, Fabriken, ja ganze Straßenzüge in „viereckig und weiß“, wie Spötter den Funktionalismus kennzeichnen, und jedes dieser Werke wäre anderswo eine eigene Sehenswürdigkeit.

Selbst das Krematorium hat ein funktionalistisches Design.
Selbst das Krematorium hat ein funktionalistisches Design.Foto: Franz Lerchenmüller

Nun kann man sich die bekannten wie versteckten Kleinode einer Stadt natürlich mit etwas Zeit auf eigene Faust erarbeiten. Zeitsparender ist es, sich Spezialisten anzuvertrauen, Reiseführern wie Blanka Návratová und Arthur Schnabl etwa, die stolz sind auf Brünn und auch andere für die Stadt begeistern wollen.

Das weltweit einzige Roma-Museum zeigt die Geschichte des Volkes

Wer käme wohl von selbst auf die Idee, mit der Straßenbahn ins Arbeiterviertel Zábrdovice zu fahren und sich dort die Jugendstilkirche anzusehen? Stadtarchitekt Franz Holik hat sie 1909 entworfen, von der Konstruktion der weiten, säulenfreien Halle für 2000 Gläubige über die Schmuckbänder mit grün-silbernem Rankenwerk bis zu den schwarz-weißen Fliesen auf dem Boden.

Der anschließende Spaziergang am Flüsschen Svitava entlang zeigt, woher der ganze Reichtum der Stadt stammt: Viele hundert Meter weit zieht sich das Gelände der ehemaligen Waffenfabrik Zbrojovka, zu der auch der Traktorenhersteller Zetor gehörte.

Porträts am Roma-Museum.
Porträts am Roma-Museum.Foto: Franz Lerchenmüller

Industrie hatte Brünn reich gemacht. Ein Foto von 1918 zeigt einen Wald von Fabrikschloten – überwiegend Webereien damals. Auch die Arbeiter der Waffenschmiede hatten in den 20er-Jahren neue Wohnungen erhalten – „weiß und viereckig“ und erstmals mit Bad.

Heute wohnen in dem Viertel viele Roma. Das weltweit einzige Roma-Museum mittendrin zeigt anschaulich die Geschichte des Volkes vom Aufbruch in Indien bis zum heutigen, nicht immer einfachen Leben im Tschechien von 2016.

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