Bosporus : Fish ’n‘ Ships

Der Bosporus ist Istanbuls ständig pulsierende Hauptschlagader. Wer Wasser und Schiffe mag, erlebt hier großes Kino.

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Volkssport in Istanbul. Angeln im Bosporus von der Galatabrücke aus, die das Goldene Horn überspannt.
Volkssport in Istanbul. Angeln im Bosporus von der Galatabrücke aus, die das Goldene Horn überspannt.Foto: imago/Jochen Tack

Blassblau ist der Morgen, und der Bosporus spiegelt den Himmel. Mauersegler stürzen sich vom Dach des Hotels. Magere Katzen strecken ihre nachtkalten Glieder. Am Kai von Ortaköy kehrt Leben ein. Dann wühlt die erste Fähre den Strom auf wie einen Whirlpool. Vom Goldenen Horn her kommt ein riesiger Tanker gefahren und pflügt das Wasser gen Schwarzes Meer. Seine Bugwelle sieht aus wie ein gewaltiger weißer Bart. Forderndes Tuten pustet die Schwächeren beiseite. Hinter den hoch aufgestapelten Containern verschwindet Istanbuls asiatisches Ufer mit seinen Palästen.

So früh herrscht eher noch Ruhe auf dem Bosporus. Mehr als 200 Meter lange Schiffe und Gefahrgutfrachter dürfen ihn erst nach Sonnenaufgang und nur bis zum Sonnenuntergang passieren. Zu gefährlich ist die Passage bei Dunkelheit. Die Fischerboote haben sich schon längst vor dem ersten Morgengrauen zur Ernte abseits der Fahrrinne in Grüppchen zusammengefunden. Wenn der Verkehr zunimmt auf Istanbuls Wasserstraße, sind die Männer wieder am Kai, um ihren Fang auf den Märkten in Üsküdar und Galatasaray zu verkaufen.

Nihan Turan ist der Cheflotse für Verkehr auf dem Bosporus. „Alle 22 Männer, die Schiffe durch den Strom geleiten, sind Kapitäne auf großer Fahrt.“ Außer ihnen gibt es noch die Hafenlotsen für das Goldene Horn, wo sich das Bosporuswasser zwischen die Stadtteile Galata und Sultanahmet drängt. Nihan Turans Arbeitsplatz befindet sich in Inci Burnu in einem kleinen Tower. An der Mole liegt das orangefarbene Boot der Wasserschutzpolizei, das die Lotsen zu den Schiffen bringt. Inci Burnu liegt in Kadiköy am Bosporus-Südeingang auf der asiatischen Seite. Vom Tower aus sehen Nihan und seine Kollegen nicht nur den Leuchtturm und den einst von Deutschen erbauten prächtigen Bahnhof Haydarpasa, sondern vor allem die Schiffe, die vom Schwarzen Meer kommen, anlegen oder weiter das Marmarameer durch die Dardanellen bis in die Ägäis durchfahren. Umgekehrt genau so.

Der Bosporus - wie an der Elbe, kurz vor dem Hamburger Hafen

Der Bosporus. „Rinderfurt“, sagten die alten Griechen. „Straße von Konstantinopel“ wurde er auch genannt. Die Meerenge hatte schon viele Namen. Hochwasser vom Schwarzen Meer her soll einst diesen Wasserweg gespurt haben. Eine Sintflut, sagen andere. Auf der einen Seite pulsiert Europa. Am anderen Ufer dehnt sich mit Anatolien schon Asien aus. Fähren kreuzen zwischen den Kontinenten, fahren von Istanbul nach Istanbul. Fischerboote schaukeln auf den Wellen. Unzählige Frachtschiffe und Tanker, die im Jahr Millionen Tonnen Öl transportieren, nutzen die einzige Wasserstraße zwischen den Meeren. Dazu Kreuzfahrer, Segler, Barkassen, Jachten.

Wer in Istanbuls ältestem Fischrestaurant „Tarihi Ali Baba“ stadtauswärts in Sariyer am europäischen Ufer sitzt, sieht sie alle kommen. Als würden sie über den Berg gezogen, tauchen sie aus dem Schwarzen Meer auf. Ein aufregender Augenblick, der alle in den Bann zieht. Immer wieder. Niemand kann sich diesem starken Gefühl entziehen. Es ist ähnlich wie an der Elbe, kurz vor dem Hamburger Hafen. Das immer währende Kommen und Gehen kleiner und vor allem großer, riesiger Schiffe hat etwas Faszinierendes.

Schon 20 Stunden vor dem Einlaufen in den Bosporus muss auch jedes größere Schiff sein Kommen melden. Dort, am breiten Schlund zum Schwarzen Meer, wo das Wasser bis zu 60 Meter tief ist, befindet sich eine der drei Lotsen-Stationen, die den Verkehr regeln. Auf der Höhe von Yeniköy ist die Navigation besonders prekär, denn am Knie des Bosporus lauert ein permanenter, heftiger Strudel. Schneller als manches Schiff fährt, strömt dort das Wasser aus dem Schwarzen Meer, meist beschleunigt durch den aus Nordost wehenden Poyras. In 40 Metern Tiefe fließt das salzhaltige Mittelmeer in entgegengesetzter Richtung. Von dort her kamen sogar mal Delfine bis nach Istanbul. Süßwasser- und Meeresfische haben im selben Wasser jeweils ihr eigenes Revier.

„Nur die Russen sprechen Russisch“

Nicht weit von Istinye, an der schmalsten Stelle zwischen Kandilli und Bebek, ist mehr als Augenmaß gefordert. Nach dem bisher letzten großen Unglück 1994, als ein Öltanker und ein Frachter Nase an Nase kollidierten und ausgelaufenes Öl über Tage ein Feuer auf dem Bosporus tanzen ließ, dürfen Schiffe, die länger als 200 Meter sind, nur noch nacheinander durch die Meerenge fahren. „Wir verständigen uns auf Englisch“, erzählt Nihan Turan. „Nur die Russen sprechen Russisch.“ Insgesamt zwölf Mal muss ein Kapitän auf dem Bosporus seinen Kurs ändern. Abweichend von internationaler Regelung in der Schifffahrt herrscht hier Linksverkehr. „Wer sich gar nicht auskennt, wird von uns vom Schwarzen Meer bis in die Ägäis geleitet.“

Lotse an Bord – für türkische Schiffe mit mehr als 150 Meter Länge ist das Pflicht. Für alle anderen eine ernst zu nehmende Empfehlung. „Besonders für Schiffe über 500 Tonnen“, lässt Nihan Turan wissen. Schiffen mit Lotsen wird auf jeden Fall Vorrang eingeräumt. Vor den mehr als 5000 Öltankern, die übers Jahr Istanbul passieren, haben alle größten Respekt. Nicht erst seit dem Unfall im Jahr 1994. Alles in allem gibt es 50 000 Schiffsbewegungen pro Jahr. Dazu die scheinbar waghalsig kreuzenden Dieselfähren und die winzigen Wassertaxis.

Am besten kann man sich dem Schiffstheater direkt am Ufer hingeben. Etwa in einem der Hotels auf der asiatischen Seite, denn der Blick auf den europäischen Teil der Stadt bietet einen unvergleichlich schönen Hintergrund. Oder man setzt sich einfach auf eine Bank mit anderen Istanbulern, die offenbar – wie die Hamburger – von „ihren“ Schiffen stets fasziniert sind. Nach Einbruch der Dunkelheit schaukeln die mit bunten Lämpchen aufgetakelten Ausflugsschiffe vorbei. Musikfetzen verebben auf dem Wasser. Morgenwecker sind die kreischenden Möwen, und mit etwas Glück sieht man im Bett liegend einen riesigen Schornstein vorbeiziehen. Alle gleiten scheinbar langsam und lautlos vorbei. Dabei fahren die Großen schon mal mit zehn Knoten. Ihr Bremsweg wäre kilometerlang.

Früher lebten die Dörfer am Ufer von Fischerei und Brennholzhandel

Wer die alten Fähren als Taxi für sich entdeckt hat, kann während der Überfahrt schwarzen Tee schlürfen und am Sesamkringel knabbern. Cheflotse Nihan Turan empfiehlt Gästen die „große Bosporusfahrt“, die vom Goldenen Horn bis nach Anadolu fast schon ans Schwarzen Meer und immer dicht am Ufer entlang führt. Da kommt mancher ins Träumen angesichts der herrlichen Yalis, dieser traumhaften Holzpaläste aus osmanischer Zeit mit ihren ausgedehnten Gärten.

Früher lebten die Dörfer am Ufer von Fischerei und Brennholzhandel. Boote mit frischem Gemüse und Speiseeis fuhren noch in den 1970er Jahren von Yali zu Yali, wo die obere Gesellschaft ihre Sommer verbrachte und nach Herzenslust im Strom badete oder mit ihren Segelbooten kreuzte wie schon die Osmanen 100 Jahre vor ihnen. Heute machen die meisten wohlhabenden Istanbuler Ferien in Bodrum, und im Bosporus baden bestenfalls die Halbwüchsigen.

Für eine Istanbul-Reise ist der Bosporus der perfekte rote Faden: Man nehme das richtige Hotel in Wasserlage und mindestens einen Drink zur „blauen Stunde“. Niemand sollte auch die Fischmärkte verpassen, wo unbedingt ein „Balik Ekmek“ dazu gehört. Den Backfisch im Brötchen gibt es frisch zubereitet auf die Faust, gereicht von schaukelnden Booten. Nihan Turan empfiehlt, mal den Barsch zu kosten, ein Blaufisch, den das Schwarze Meer in den Bosporus spült. Ein Muss – natürlich – die fotogene Galata-Brücke, wo jeden Tag Hunderte Angler Tausende Ruten über die Brüstung halten. Manche haben bis zu zwölf Haken an einer Schnur und warten auf hungrige Makrelenschwärme.

Wir steigen vor dem Abend gern dem Leanderturm aufs Dach. Von Üsküdar (Asien) aus verkehren Pendelboote zu der winzigen Insel. Tagsüber war das Café Ara unsere Wahl, wo die herrlichen Schwarzweißfotos aus den 1950er Jahren von Ara Güler, des türkischen Fotografen armenischer Abstammung, hängen: Dampfschiff bei Nacht auf dem Bosporus. Dampfschiff kreuzt Frachtschiff. Rußgeschwärzte Häuser in Karaköy. Das alles gibt es so nicht mehr. „Man muss jetzt schon genau hinsehen“, hat uns Ara Güler mit auf den Weg gegeben. Die Stadt auf den sieben Hügeln verändere sich stetig. Aber von Üsküdar oder vom Leanderturm aus gebe es immer noch einen prima Blick auf den Sonnenuntergang gegen die Silhouette Istanbuls. Und auf die Schiffe, die kommen und gehen.

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