Aufwachen und gleich eine Runde schwimmen

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Gulet-Kreuzfahrt : Wo Aphrodite einfach verschwand
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Handelsstraße. Ausgrabungen der alten Hafenstadt Knidos.
Handelsstraße. Ausgrabungen der alten Hafenstadt Knidos.Foto: imago

Die Wissenschaft und die Vergangenheit erlebbar zu machen, ist das erklärte Ziel des Veranstalters – ohne die Gäste freilich mit Wissen vollzustopfen. Mindestens ebenso großer Wert liegt auf Entspannung und Genuss. Die Reisenden erwachen vom Plätschern der Wellen und gleiten für eine erste Runde Schwimmen ins wohlig-warme Wasser.

Manche lesen ihre Bücher unterm Sonnensegel, während graue Felsen langsam vorüberziehen und die Maschine leise murmelt. Drei Mal am Tag treffen sie sich zu exzellenten Mahlzeiten mit mehreren Gängen – die verwöhnten Chirurgen, Rechtsanwältinnen und Versicherungsmakler aus Kanada und Australien kommen voll auf ihre Kosten.

Es wird viel gelacht und geredet, und häufig spielen die archäologischen Erfahrungen bei den Gesprächen eine Rolle. Wichtiger freilich als die endgültige Klarheit, ob die Felsengräber von Dalian eher aus dem 5. oder dem 6. Jahrhundert vor der Zeitenwende stammen, ist das grundsätzliche Verständnis, das sich nach und nach einstellt: wie in der Region die verschiedenen Völker im Lauf der Jahrhunderte aufeinander folgten. Wie sie sich bei den Ideen, den Stilelementen und dem Baumaterial ihrer Vorgänger bedienten, oder aber alles zerstörten und verwarfen. Und was für eine faszinierende, aber auch schwierige Wissenschaft Archäologie letztendlich ist.

Der Sockel, auf dem die Göttin wohl thronte, steht noch da

Knidos, wahrscheinlich schon im 12. Jahrhundert vor Christi Geburt von den Dorern gegründet, wird zum Höhepunkt der Reise. Rund drei Quadratkilometer der reichen Stadt wurden ausgegraben: ein altes und ein neues Theater, fünf Kirchen, eine mehr als 100 Meter lange Prachtstraße, an der entlang sich die Verschläge von Geschäften reihten. „Sie waren richtige Shopping-Queens“, sagt Julian lächelnd, „und sie hatten Geld. Geld aus dem Handel mit Öl und Wein.“

Im 4. Jahrhundert vor Christus blühten Medizin, Astronomie und Kunst in Knidos. Gerade zu jener Zeit beauftragten die Einwohner der Insel Kos den Bildhauer-Star Praxiteles, ihnen eine Statue der Aphrodite zu schaffen. Praxiteles formte zwei, eine bekleidete und eine nackte. Die Stadtväter von Kos, prüde, wie sie waren, entschieden sich für die Dame im Hemd. Und Knidos kaufte die andere. In weißem Marmor schimmernd soll sie über der Stadt gestanden haben, in der Hand ein Tuch, der vermutlich erste lebensgroße Akt in der Antike.

Von allen Seiten, heißt es, war sie zu sehen, von weither kamen Neugierige, um einen Blick auf die Schöne zu werfen. Man prägte Münzen mit ihrem Bild und fertigte Kopien an. Und nur deshalb ist heute noch bekannt, wie sie aussah. Denn irgendwann verschwand sie, und im 7. oder 8. Jahrhundert nach Christi Geburt wurde Knidos endgültig verlassen und vergessen. Geblieben ist zwischen den Überresten einer byzanthinischen Wasserleitung und den Trümmern filigran gemeißelter korinthischer Säulen der Sockel, auf dem die Göttin thronte – vermutlich thronte.

Jetzt sitzt ein junges Paar versunken darauf und teilt sich eine Flasche Bier. Die Abendsonne gießt goldenes Licht über die weißgrauen Trümmer rundum und lässt ahnen, wie extravagant der Anblick der Göttin einst gewesen sein muss. „Vom Weltwunder zum Geheimtipp – so vergehen Ruhm und Größe“, sagt Julian Bennett, der es wahrlich wissen muss.

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