Türkei : Warum Istanbul auch für Kinder faszinierend ist

Ein Huhn weiß Rat. Prophezeiungen, Paläste und türkische Pizza.

Inge Roth
305332_0_ae86af5c.jpg
Tee, Tee! Unermüdlich sind die Verkäufer in der Stadt unterwegs. Foto: Picture-Allianceimagestate/Impact Photos

Ein hölzerner Karren Marke Eigenbau. Auf ihm ein Behälter, in dem Kaninchen mümmeln. Darüber hockt auf einer Stange ein Huhn. Seitlich erklimmen – ungeachtet der Jahreszeit – Weihnachtsmänner aus Plastik die Konstruktion, die auf der Anhöhe zum Topkapi-Palast im Istanbuler Stadtteil Sultanahmet parkt. Der Besitzer, ein freundlicher älterer Mann, lächelt einprägsam. Ihm fehlen sämtliche Vorderzähne. Er ist Wahrsager und das Huhn seine persönliche Assistentin. Nähert sich ein neugieriger Tourist, reicht der Hellseher dem Huhn eine Schüssel voller Zettel. Ob große Liebe, Krach mit der Schwiegermutter oder unerwarteter Geldsegen – ausgesprochen vielsagend und vielsprachig sind die Prognosen, die das Huhn herauspickt.

Mehr noch als die Schätze und Paläste Istanbuls sind es diese skurrilen, charmanten Begegnungen, die Istanbul zu einer Stadt machen, die auch Kinder begeistert. „Es ist unhöflich abzulehnen, wenn du einen Tee angeboten bekommst“, ermahnen wir unsere neunjährige Tochter Franziska zu Beginn der Reise. Daran hält sie sich tapfer, obwohl sie Apfeltee nicht ausstehen kann.

Allerdings ist uns da noch nicht bewusst, dass die Teequellen Istanbuls schier unerschöpflich sind. Nicht nur auf den Straßen sind die Teeverkäufer unermüdlich im Einsatz. Auch fast jedes Lokal und jedes Geschäft, wo man auch nur den Bruchteil einer Sekunde stehen bleibt, reichen Tee als Willkommensgruß des Hauses. So gehen wir nahezu zwangsläufig dazu über, Franziskas Gläser blitzschnell zu leeren, sobald wir uns unbeobachtet wähnen, oder kippen den Inhalt – wenn auch wir nicht mehr können – mit schlechtem Gewissen in einen Blumenkübel. Doch die Istanbuler sind geradezu unglaublich aufmerksam und wahrlich kinderfreundlich: Welche Freude, dass es dem Kind so schmeckt. Kaum geleert, stehen neue Gläser da …

Franziska findet Istanbul klasse. Vor allem kulinarisch. Sie liebt vor allem „Türkische Pizza“ und „Berlin Döner“ – in den siebziger Jahren in Berlin erfunden und in Deutschland schlicht als Döner bekannt. Wer sich ohne  Berührungsängste auf die Stadt einlässt, kann auch für wenig Geld an fast jeder Ecke vorzüglich essen. Besonders lohnt sich ein Ausflug zum Fischmarkt unterhalb der berühmten Galata-Brücke. Für nur wenige Euro gibt es dort fangfrische Sardellen und alles, was das Meer (noch) so hergibt. Heerscharen von Katzen umschmeicheln unsere Beine – und in Rekordtempo ist Franziskas Teller geleert. Wir Eltern können nur staunen über die wundersame Anziehungskraft der Erde am Goldenen Horn.

Wer sich bisher noch nicht so recht getraut hat, eine Städtetour mit Kind zu unternehmen, sollte Istanbul auf jeden Fall in Erwägung ziehen. Die Stadt ist kunterbunt und es gibt immer was zu sehen. Für Abwechslung ist also am laufenden Band gesorgt. Da sind die Tagelöhner, Verkäufer von glitzerndem Schnickschnack, fliegende Händler, die von Nüssen bis hin zum Kopierservice so ziemlich alles anbieten. Unsere Tochter sieht auch die Schattenseiten der Metropole mit ihren endlosen Armenvierteln, Obdachlosen und bettelnden Kindern. All dies sind ungeschönte Eindrücke, die sie beschäftigen. Viel Stoff für immer neue Fragen und zahlreiche Gespräche.

Mit allen Sinnen ist Franziska eingetaucht in diese Stadt. Ständig dabei: die Digitalkamera, mit der sie „ihr Istanbul“ einfängt. Zum Beispiel die drei Marktfrauen mit Kopftuch am Rande des Großen Basars. Als ob es eine Collage wäre, zeigt das Foto nur drei beleibte Oberkörper – haargenau über den abmontierten Unterkörpern von drei Schaufensterpuppen, die auf der Straße abgestellt wurden. Auf einem anderen Bild ist die Büste von Republikgründer Kemal Atatürk zu sehen – zwischen Gartenschläuchen, Kupferrohren und Schubkarren.

Gedränge in nicht enden wollenden Menschenmassen und schwer einzuschätzende Wegstrecken können ein Kind schon mal ermüden. Zum Glück fällt uns ein Spiel ein: Wer findet das Wort mit den meisten „ü“ oder „ö“? Natürlich Franziska. Das Siegerwort: „Saglic Müdürlügü“, was auch immer das heißen mag.

Für jedes Kind ist die Vorstellung, von einem Kontinent auf einen anderen zu wechseln, von größter Faszination. Eine Fähre setzt uns vom europäischen Stadtteil Eminonu auf den asiatischen Teil nach Üsküdar über, das bereits in der Antike den Brückenkopf zum Bosporus bildete. Die Begeisterung steckt an. Wo endet Europa, wo fängt Asien an? Mami, wo liegt China? Und überhaupt: Was bedeutet Orient?

Im Topkapi-Palast – jahrhundertelang der Wohn- und Regierungssitz der Sultane, zudem Inbegriff von Tausendundeiner Nacht – lernen wir, dass es den vielzitierten Bart des Propheten wirklich gibt. Ein wertvoller Behälter enthält einige der wohl berühmtesten Stoppeln der Welt. Wir erfahren die Herkunft des Begriffs „Diwan“ – der Raum, in dem der Sultan seine Gesandten empfing.

Wir Eltern schwelgen noch in Kindheitserinnerungen an Märchen von Zauberlampen und fliegenden Teppichen – schon laufen wir vor dem Palast den Teppichhändlern in die Arme. Sie sind zahlreich in Istanbul. Allesamt haben sie Verwandte in Wuppertal oder München. Und vor allem: Alle haben Zeit für ein Schwätzchen, auch wenn man nichts bei ihnen kauft. Bald schon witzeln wir über die Zahl der Kamele, die unsere blonde Tochter wohl später einbringen mag.

Mitten in der Nacht versuchen wir dem Ruf des Muezzin, der von den Minaretten der Blauen Moschee erschallt, den nötigen Schuss Lokalkolorit abzugewinnen. Doch dies fällt schwer, scheint es doch so, dass sich der Lautsprecher direkt unter unserer Zimmerdecke befindet. Nach dem Aufstehen genießen wir dafür umso mehr die Ruhe und das Frühstück im Innenhof unseres Hotels Empress Zoe nahe der Hagia Sophia.

Keine zehn Gehminuten von unserem Quartier entfernt steigen wir mit Franziska in die Unterwelt, und zwar in die beeindruckende Yerebatan-Zisterne. Sie versorgte einst das alte Byzanz mit Wasser. 336 Säulen tragen die Decke des gewaltigen unterirdischen „Versunkenen Palastes“, in dem 1963 der James-Bond-Film „Liebesgrüße aus Moskau“ gedreht wurde.

Zwei der Säulen fußen auf antiken Medusenköpfen. Von den Berührungen der Besucherhände sind sie über die Jahrzehnte ganz blank geworden. Kein Wunder. Denn Wünsche, die beim Streicheln der Köpfe geflüstert werden, so glauben viele, würden wahr.

Apropos Wünsche: Auf dem Rückweg begegnen wir wieder dem Wahrsager mit dem Huhn. Er erkennt uns und strahlt uns zahnlos an. Der Seher weiß bereits: Wir kommen wieder.

0 Kommentare

Neuester Kommentar