Budapest : Fiedeln für die Toleranz

Klassik, Klezmer, Roma-Melodien und mitreißende Balkan-Beats: Eine Tour durch die Musikszene Budapests.

Patrizia Schlosser
Musikanten, überall. Dieser Herr erfreut die Kunden in der zentralen Markthalle mit seinen Geigenklängen. Foto: picture-alliance/lonely planet
Musikanten, überall. Dieser Herr erfreut die Kunden in der zentralen Markthalle mit seinen Geigenklängen. Foto:...Foto: picture-alliance / Lonely Planet

Die Muse dieser Stadt muss eine übermütige Lady sein. Zum nostalgischen Hut trägt sie Abendkleid und die neuesten Sneaker. Mal lacht sie, mal weint sie. Manche halten sie für ein bisschen verrückt, denn sie kann sich nicht zwischen Klassik, Roma-Melodien, jüdischer Musik, Jazz und modernen Rhythmen entscheiden. Mit ihrem Musenkuss geht sie verschwenderisch um: An jeder Ecke Budapests singt sich ein Straßenmusikant die Seele aus dem Leib.

Judith, die Sängerin der Band „Klesmeresz“, steckt ihren roten Lockenkopf zwischen dem Bühnenvorhang hervor. Elegante Ehepaare und leger gekleidete Jugendliche blicken erwartungsvoll auf die kleine Bühne des jüdischen Lokals „Spinoza Ház“. Dann geht es los: Mit Geige, Klarinette, Trommeln und Kontrabass spielt die siebenköpfige Band mal euphorisch und schwungvoll auf, dann wieder wird die Musik langsam und klagend. Das Tanzbein juckt, und gleichzeitig ist der Körper schwer von Melancholie – Klezmer eben.

„Jahrzehntelang gab es überhaupt keine Klezmer-Bands mehr, aber jetzt spielt wieder ein gutes Dutzend in Budapest“, sagt Richard. Eigentlich kommt der Kontrabass-Spieler von „Klesmeresz“ aus der Klassik. Vor fünf Jahren gründete er die Band mit anderen Klezmer-Begeisterten. Bereut hat er es nie. „Jede Musik ist gut, aber an Klezmer gefällt mir, dass es mir so viel Freiheit lässt“, erklärt er. „Es ist kreativ, und ich kann viel improvisieren.“    Die bittersüßen Klänge haben ihren Ursprung im Osteuropa des 15. Jahrhunderts. Klezmer hießen damals jüdische Wandermusikanten. Heute erleben die schwermütig-beschwingten Melodien eine kleine Renaissance, nicht nur in Ungarn. Ferenc Javori, Gründer der inzwischen weltberühmten „Budapest Klezmer Band“, nennt Klezmer gar den „Blues des 21. Jahrhunderts“.

Im jüdischen Viertel rund um die Große Synagoge hat sich in den vergangenen Jahren eine lebendige Klezmer-Szene entwickelt. Doch viele Häuser in den schmalen, verwinkelten Straßen stehen leer. Die heruntergekommenen Fassaden der Jugendstilhäuser sind stumme Zeugen einer düsteren Vergangenheit. Wo heute Cafés und Restaurants wie das „Spinoza Ház“ regelmäßig zu Konzerten laden, lag während der Nazi-Herrschaft das Ghetto Budapests. Rund 60 000 Juden wurden hier zusammengepfercht.

Der aktuelle politische Rechtsruck in Ungarn lässt die Ghetto-Vergangenheit präsenter denn je erscheinen. „Antisemitismus ist auch heute in Budapest keine Seltenheit“, bestätigt Attila Kiss, Besitzer der Kneipe „Szimpla Kert“ inmitten des jüdischen Viertels. Doch die Künstler lassen sich nicht einschüchtern. „Hier gibt es eine fantasievolle Kulturszene, die wächst und das Viertel belebt“, sagt Attila Kiss – „auch wenn die Politik das nicht fördert.“  

Aus Ruinen erwächst erfrischend Neues – das gilt auch für den „Gödör Klub“. Wer hinein will, muss erst in eine Grube hinabsteigen. Ende der 90er Jahre sollte hier im Stadtzentrum das neue Nationaltheater gebaut werden. Geblieben ist die Grube der Baustelle, „gödör“ auf Ungarisch. Heute spielen in der Grube angesagteste Musiker wie die Budapester Gypsy-Bands „Amala-Kanchi Dosh“ und „Parno Graszt“.

Mit Akkordeon, Gitarre und Trommeln heizen die jungen Roma-Musiker ihrem Publikum ein. Hände klatschen, Füße wippen im Takt, doch wer sich aufs Parkett wagt, sollte die passenden Tanzschritte beherrschen. Mit einfachem Herumhopsen ist es nicht getan. Die Männer tanzen eine Art entfesselten Schuhplattler. Wild und ausgelassen wirbeln sie über die Tanzfläche. Die Frauen machen kleine Trippelschritte, lassen den Rock kreisen und ihre schwarzen, langen Haare fliegen.

Raus aus dem aufgeheizten Club, ein paar Meter in die nahe Fußgängerzone – und schon tönt die nächste Melodie herüber. Ein junger Mann mit E-Gitarre und einem kleinem Ghettoblaster singt Popsongs, um 23 Uhr, mitten in der fast menschenleeren Fußgängerzone. Und er ist nicht der Einzige. In fast jeder Fußgängerunterführung und vor den Metroeingängen sitzen Straßenmusikanten. Am „Deák Ferenc tér“ singt ein dickes Mädchen mit hoher, klarer Stimme ein trauriges Lied. Ihr weißer Hund kauert zu ihren Füßen und nagt unbeeindruckt an einem Knochen. Vor dem Metroeingang „Astoria“ spielen zwei Jungs wütenden Garagenrock. Das kinnlange, strähnige Haar fliegt von einer Seite zur anderen. Kurt Cobain lässt grüßen.

Natürlich wird in Budapest auch auf der Donau musiziert. Neben den unzähligen Schiffrestaurants, in denen von Tisch zu Tisch gehende Musikanten den Touristen das Geld aus der Tasche fiedeln, gibt es das gänzlich unromantische „A38“. Das große, graue Schiff liegt vertäut am nachtschwarzen Budaer Ufer, weit weg vom touristischen Zentrum. Früher war es mal ein ukrainisches Lastschiff, heute werden in seinem Bauch Konzerte gegeben.

Alte Männer mit Zopf und ausgewaschenen Jeans und junge Partygänger wiegen gleichermaßen den Kopf: Auf der Bühne des „A38“ leuchtet hell der Glatzkopf der ungarischen Schlagzeuger-Legende Gergö Borlai. Seine Arme wirbeln durch die Luft. Mit drei Jahren hat er angefangen, Schlagzeug zu spielen, mit zwölf war er bereits so gut, dass er bei der Elite der ungarischen Musiker mitmischen durfte. Kein Saxofon, keine Trompete, nichts, was gemeinhin mit Jazz verbunden wird, ist zu hören, und doch macht der Schlagzeuger, begleitet von einem Bassisten und einem Keyboarder, Jazz der reinsten Form: spontan, spielerisch, frei. Ein wilder, mitreißender Rhythmus entsteht, die Leute pfeifen und johlen, Gergö Borlai grinst.

Progressive Musik hat Tradition in Budapest: Jeden August strömen hunderttausende Besucher auf eine Donau-Insel zum europaweit bekannten „Sziget-Festival“. Tausend Bands und Künstler toben sich dann auf mehr als 50 Bühnen aus. Von Rock über Balkan Beats bis zu Metal gibt es hier alles zu hören. Überhaupt ist Budapest eine Stadt der Musikfestivals. Beim renommierten jüdischen Kulturfestival zum Beispiel treffen sich jedes Jahr die besten Klezmer-Musiker.

„Ich war lange Zeit nicht besonders an Budapest interessiert, aber jetzt habe ich es wiederentdeckt“, sagt Ferenc. Der hagere Geigenspieler mit den melancholischen Augen ist für zwei Bach-Konzerte von München nach Budapest gereist. Seine Eltern sind aus Ungarn nach Deutschland ausgewandert. Heute fährt ihr Sohn wieder in die alte Heimat, um Konzerte zu geben.

Wer die Spuren des klassischen Musik- erbes der Stadt sucht, wird schnell fündig. Am beliebten Platz „Liszt Ferenc tér“ sitzt eine Skulptur des Komponisten, um die Ecke steht die von ihm mitgegründete Musikakademie. Bei geöffneten Fenstern sind die Fingerübungen der Musikstudenten zu hören.

Nicht weit entfernt erhebt sich die Staatsoper, ein Neorenaissance-Prachtwerk aus dem 19. Jahrhundert. Decken und Wände im Inneren sind über und über mit barocken Ornamenten bedeckt. Der rote Samtteppich schluckt alle Schritte, das Licht ist gedämpft.

Weniger altehrwürdig, dafür experimenteller ist das nahe Operettentheater. Hier wird erfolgreich das Klezmer-Musical „Menyasszonytanc“, Brauttanz, aufgeführt. Der Gründer der „Budapest Klezmer Band“, Javori, hat es geschrieben, und seine Band begleitet die Aufführungen. Das Stück thematisiert die Konflikte zwischen der rumänischen, jüdischen und ungarischen Bevölkerung und wirbt für Toleranz. In der Musik funktioniert das gut. (dpa)

Auskunft: Ungarisches Tourismusamt, Wilhelmstraße 61, 10117 Berlin. Telefonnummer: 030 / 24 31 460, im Internet: www.ungarn-tourismus.deGERGÖ BORLAI]SPINOZA HÁZ]SZIMPLA KERT]GÖDÖR KLUB]

0 Kommentare

Neuester Kommentar