Exklusive Fernreisen : Luxus mit Choreografie

Bei Tui will man erlesene Urlaubserlebnisse nicht dem Zufall überlassen.

Gerd W. Seidemann
Keine Angst vor großen Tieren. Sei es der Gepard in der Savanne oder der reiche Safarigast – Michael Poliza weiß sie zu nehmen.
Keine Angst vor großen Tieren. Sei es der Gepard in der Savanne oder der reiche Safarigast – Michael Poliza weiß sie zu nehmen.

Wie bitte? „Michael Poliza Experiences“? Was einem so ungelenk über die Zunge holpert, soll jetzt Reisekunden ins Schwärmen versetzen. Die brandneue „Premiumerlebnismarke“, die von Tui in Kooperation mit dem Fotograf und Weltenbummler Michael Poliza auf die Schiene gesetzt wird, soll dem Anspruch auf das ultimative Reiseabenteuer gerecht werden. Als Zielgruppe hat Europas größter Reiseveranstalter Menschen im Visier, die (sehr viel) mehr Geld als Zeit haben. Ihnen soll von Poliza und seinem Team ein Reiseprogramm auf den Leib geschneidert werden, das sich mit aufeinander aufbauenden Versatzstücken zu einer emotionalen Monsterwelle auftürmt, die dann mit all ihrer Wucht den Gast in außergewöhnliche Sphären fremder Welten schleudert. Unvergessliches sehen, spüren, erleben, das alles in möglichst kurzer Zeit bei größtmöglichem Komfort, oft garniert mit „Überraschungseffekten“. Im Fokus steht bei diesen Reisen zunächst Afrika mit Safaris in Botsuana, Namibia, Kenia und Südafrika. Es sollen folgen Tansania, Antarktis und Kanada.

Doch wer ist Michael Poliza, dessen Name auf den ersten Blick ungeeignet erscheint, Etikett einer neuen Marke zu sein, die vor allem Emotionen wecken und einen bereits gut besetzten Markt durchdringen soll? Der 58-Jährige war TV-Kinderstar („Tadellöser und Wolff“), erfolgreich in der IT-Branche, reiste mit seinem Schiff „Starship Millenium Voyage“ um die Welt und ist anerkannter Fotograf. Der Name Tui wird in den Hintergrund treten, obwohl mehr als 90 Prozent der Deutschen den Veranstalter aus Hannover kennen, während ebenso viele Menschen im Land mit dem Namen Poliza nichts anzufangen wissen. Ein ambitioniertes Projekt.

Der Zufall soll den Weltenbummler Poliza mit dem Reisegiganten zusammengeführt haben. Ersterer schneidert bereits seit ein paar Jahren in kleinem Rahmen Reisen der besonderen Art für Freunde, Bekannte und deren Bekannte. Der Zweite hat die Vision, „ganz besondere Erlebnisreisen“ zu kreieren. Irgendwie fanden das zweifellos detailreiche Know-how des Globetrotters und die Marktkraft des Reiseriesen zueinander – der Zeugungsakt der neuen Marke gewissermaßen. Nahezu 15 Monate ging das ungleiche Pärchen schwanger. Nun erscheinen beide Eltern glücklich. Die Empfänger der Geburtsanzeige und Betrachter des Neugeborenen hingegen schauen sich etwas ratlos an, wissen nicht, ob sie Glückwünsche aussprechen, betreten schweigen oder hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand von einer Miss- oder gar einer Totgeburt sprechen sollen.

Denn: Nach einer vermutlich eher nüchternen als stürmischen Hochzeitsnacht zwischen Reisezwerg und -riese ist nach der fast elefantös langen Trächtigkeitsdauer ein Produkt präsentiert worden, das im Ansatz „interessant“ erscheint, in der Praxis jedoch möglicherweise am anvisierten Kunden (sehr viel Geld, sehr wenig Zeit) vorbeigehen kann. Die Detailversessenheit bei der Planung jeder Reise könnte dabei zum Stolperstein werden. „Wir wollen es perfekt machen, einfach alles muss stimmen“, sagt Michael Poliza. „Bei einer Safari, wie wir sie uns vorstellen, muss zum Wunschtermin des Kunden nicht nur eine ganz bestimmte Lodge, die wir kennen und als besonders ansehen, als Unterkunft zur Verfügung stehen. Es muss beispielsweise gleichzeitig auch der Hubschrauber, das Kleinflugzeug samt uns bekannten Piloten verfügbar sein.“ Auf den zehn- bis zwölftägigen Reisen müssen die Bausteine in Qualität und Verfügbarkeit also nahtlos ineinander passen. „Passt das nicht, kann die Reise nicht stattfinden“, sagt Poliza. „Wir wollen keine Kompromisse eingehen, eine B-Reise möchten wir nicht verkaufen.“ Kann das nicht sehr schwierig werden, ein so ausgeklügeltes Programm und sehr anspruchsvolle Menschen mit eng getakteten Zeitvorstellungen unter einen Hut zu bringen? „Das hat bisher geklappt, ich bin da ganz optimistisch“, sagt Poliza. Seiner Erfahrung nach sei das keineswegs unmöglich.

Doch welcher berufstätige Mensch mit sehr viel Geld und notorisch wenig Zeit, die er sich zudem erfahrungsgemäß langfristig genau einteilt, sagt dann: „Okay, machen wir es halt eine Woche später.“? Zunächst müssen nämlich die Anfragen im Reiseland gestellt werden: Ist die erlesene Lodge mit ihren wenigen Betten am gewünschten Datum zu buchen? Ist der Buschpilot verfügbar? Ist das Wetter zu dem Zeitpunkt überhaupt stabil? „Diese Fragen werden jedoch in der Regel binnen 24 bis 36 Stunden geklärt“, sagt Poliza. Dann herrsche Klarheit. Das Ziel: Der erlesene Gast soll unbehelligt von gemeinen Touris sein Erlebnis haben können, soll möglichst schnell, ohne nerviges Warten an Rezeptionen, auf Transfers und überhaupt ohne die Last bürokratischer Klippen in Regionen vordringen, die vom normalen Safarikunden nicht berührt werden.

„Wir planen keine Reisen, wir choreografieren sie“, betont Poliza. Es gehe um eine neue Definition von Luxus, nicht etwa um goldene Wasserhähne, Kaviar und Champagner bis zum Abwinken, sondern um das exklusive Erlebnis. Beispiel: Der rasche Flug in die Savanne zum – Überraschung! – wie von Zauberhand blütenweiß eingedeckten Tisch unter der einzeln stehenden Schirmakazie, wo das Dinner mit Blick auf den Kilimandscharo eingenommen wird. „Die Gefühle, die sich da einstellen, werden für die zwei, drei Gäste unvergesslich sein.“ Nein, mit Dekadenz habe das nichts zu tun, sagt Poliza. Es sei eine „Optimierung des Erlebnisses“. Doch trotz aller Erfahrung könne natürlich nicht garantiert werden, dass der Löwe, der Gepard bei einem eng getakteten Reiseablauf immer zur richtigen Zeit am rechten Platz im besten Fotografierlicht auftauchen werde. Allerdings helfe seine Erfahrung dabei, so nahe wie möglich an die Verwirklichung dieser Ansprüche zu gelangen, versichert Poliza. „Andererseits: Natur lässt sich nicht erkaufen.“

Ist das alles überhaupt bezahlbar? Gemäß der alten Weisheit, wer nach dem Preis fragen muss, kann es sich ohnehin nicht leisten, werden die Reisen zwar für so manchen, jedoch beileibe nicht für jedermann erschwinglich sein. Die „ultimative Kenia-Safari“ mit zehn Nächten gibt es ab 19 990 Euro pro Person, mit allem inklusive außer der Anreise zum Startpunkt Nairobi. Eine Reise nach Südafrika (zehn Nächte) kostet ab 11 995 Euro pro Person (Startpunkt Kapstadt), mit „fast allen Essen und Getränken inklusive“. Ein Besuch auf der Internetseite mp-experi ences.de lohnt sich übrigens auch für alle, die nicht im Traum daran denken können, je auf so eine Reise gehen zu können. Denn die eingestellten Poliza-Fotos sind fast so gut wie das Erlebnis an Ort und Stelle. Und günstiger allemal.

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