Reise : Feinsinnig notiert: Zugreportagen aus aller Welt

Franz Lerchenmüller

„Was mach ich hier?“, scheint er sich gelegentlich selbst verwundert zu fragen, irgendwo auf der Strecke zwischen St. Moritz und Zermatt, Tokio und Kyoto, Sydney und Perth. Ausgerechnet ihn, den gefeierten Jungautor und Journalisten hat die Dänische Staatsbahn erwählt und ein Jahr lang auf die zwölf interessantesten Züge dieser Welt geschickt, um für ihr Hochglanzmagazin darüber zu berichten.

Es sind überwiegend Luxuszüge – Jensen muss nicht mit Hunderten in einem dieser immer überfüllten indischen Dritte-Klasse-Waggons schwitzen. Er genießt den Überfluss – aber weder verfällt er ihm kritiklos, noch verliert er sich in blasierter Fliegenbeinzählerei. Gerade die Feinheiten – Fußbodenheizung in der Dusche, die Spezialitäten in japanischen Brotbüchsen – nimmt er begeistert zur Kenntnis, interessiert sich aber weit mehr für all die unterschiedlichen Menschen, denen er begegnet, und verliert nicht den Blick für die so ganz andere Realität vor den schusssicheren Scheiben in Südafrika, China oder Peru.

Fast noch beeindruckender als die Berichte aus den Zügen sind hingegen die später geschriebenen Zwischenkapitel. Da zieht ein gerade mal 37-jähriger Autor Bilanz eines jetzt schon erstaunlichen Reiselebens und plaudert unterhaltsam über das Essen in Flugzeugen, die Qual der Einzeltische oder den katholischen, den protestantischen, den hinduistischen und den buddhistischen Typ des Autofahrers.

Es muss ein pures Vergnügen sein, einen so klugen, belesenen, überhaupt nicht aufdringlichen Mitreisenden im Zug neben sich zu haben. Zumindest im Kopf können Leser das jetzt nachvollziehen. Franz Lerchenmüller



— Kristian Ditlev Jensen:
Von japanischen Brotbüchsen, indischen Göttern (...) und der Köstlichkeit des langsamen Reisens. Hoffmann und Campe 2008, 221 Seiten, 19,95 Euro

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