Reise : Ferien für einen Tag

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„Große Ferien“ – ein geradezu magischer Begriff, vor allem für Familien mit Kindern. Der Urlaub ist seit langem gebucht, die Koffer zumindest im Geiste schon gepackt. Ob Nord- oder Ostsee, der hohe Norden oder Alpen, Mittelmeer oder manchmal auch noch weiter weg. In jedem Fall steigt kurz vor Schulschluss das Reisefieber bei allen, die entsprechende Pläne haben. Trübsal bei jenen, die – aus welchen Gründen auch immer – daheim bleiben? Das muss nicht sein. Kleine Fluchten, für einen Tag, für ein Wochenende, sind doch fast für jeden drin. Unsere Autoren und Autorinnen haben Tipps, wie der Sommer im Berliner Umland zum Erlebnis werden kann.

Picknick am Bernsteinsee

Ein eintägiger Blitzurlaub will gut vorbereitet sein, denn nichts soll die Erholung stören, und gleichzeitig will man den Tag ja auch ein bisschen festlich begehen. Also schon am Tag zuvor ein nettes Picknick einkaufen, möglichst Dinge, die man besonders mag, im Alltag jedoch nicht auf den Tisch stellen würde – eine Box mit Kokosnussstückchen vielleicht, Schinkenchips oder schwarzen Johannisbeersaft. Dann ist es ganz wichtig, nicht zu weit zu fahren. Denn was ist ein Tag an der Ostsee wert, wenn man dafür fünf Stunden hinterm Steuer sitzen muss? Nur Stress und null Erholung. Hingegen der Bernsteinsee in Velten hat genau die richtige Entfernung. Wer aus Berlin-Mitte kommt, ist mit dem Auto in 35 bis 40 Minuten dort. Am See gibt es auch einen großen bewachten Parkplatz, so dass man nicht erst lange rumkurven muss. Es besteht die Wahl zwischen Sand- und Rasenstrand, und wer keine Gelegenheit hatte, das Picknick zu kaufen, hat an warmen Tagen gute Chancen, am Kiosk selbstgebackenen Kuchen oder ein erfrischendes Eis kaufen zu können. Mit einem spannenden Roman kann man es sich auf dem Rasen gemütlich machen und den Wasserskifahrern weiter hinten beim Üben zuschauen. Wer es dann noch schafft, das Handy auszuschalten, für den kommt die Erholung wie von selbst. Zum Abschluss des Tages empfiehlt sich der Besuch in einem Gartenlokal mit Lampions, in dem es Pizza Quattro Stagioni und Chianti gibt. Elisabeth Binder

Die Kraft unterm Kirchlein

In Alt Placht blickt man aus dem Kirchenfenster und fühlt sich eins mit Gott und der Welt. Man sitzt ja mittendrin – im Wunder der Schöpfung. Rundherum urwüchsige Natur. Mächtige Linden umstellen das Kirchlein, ganz so, als wollten sie es beschützen. Hugenottische Einwanderer hatten es um 1700 hier, auf halber Wegstrecke zwischen Templin und Lychen, im romantischen Fachwerkstil ihrer Heimat gebaut.

Jetzt, wenn sich andere über Autobahnen quälen und später am Strand schlapp aufs Handtuch sinken, fahren wir mal wieder dorthin – um gratis Energie zu tanken. Schließlich ist es ein Kraftort. Das Gotteshaus mit dem nachtblauen Holzturm wurde auf den Resten einer mittelalterlichen Kirche erbaut. Aber davor könnte der Ort ein Kultplatz gewesen sein. Das zumindest hatte vor Jahren der inzwischen verstorbene Pfarrer Horst Kasner, Vater der Bundeskanzlerin, vermutet. Unter der Erde, so seine These, kreuzten Energieströme und bewirkten, dass sich manche Menschen hier besonders wohlfühlen. Andere wiederum, so hatte er beobachtet, flohen schnell wieder ins Freie. Das Energiefeld muss halt zum Individuum passen. Einfach mal ausprobieren, das Kirchlein ist täglich geöffnet. Wer’s drinnen nicht aushält, steigt aufs Rad und fährt weiter durch die Uckermark. Da erholt er sich in jedem Fall. Informationen im Internet: www.uckermark-kirchen.de Hella Kaiser

Verschollen in Arkadien

Bis hierhin und nicht weiter. Wir stecken in einer Sackgasse. Genauer: in einer grünen Nische, wie eben erst und gleich wieder. Also zurück, neuer Versuch. Ganz recht, ein Irrgarten. Kein sehr großer, kein sehr schwieriger, aber allerliebst. Also genau so wie die ganze Anlage von Schloss Mosigkau, im gleichnamigen Ortsteil von Dessau gelegen, etwa acht Kilometer südwestlich der Stadtmitte. Es ist eine Perle des Rokoko, eines der wenigen, fast intakten Ensembles dieser Ära in Mitteldeutschland. Ein nicht zu großes Hauptgebäude, prächtig ausgestattet und mit einer vorzüglichen Gemäldesammlung, meist flämische und holländische Meister des 17. Jahrhunderts. Dazu ebenfalls aparte Nebengebäude samt Orangerie und nicht zuletzt der verzaubernde Garten, die Verspieltheit des Rokoko überformt durch die Prinzipien des Englischen Landschaftsgartens.

Anna Wilhelmine von Anhalt-Dessau, Tochter des Alten Dessauers, ließ sich Schloss und Garten von 1752 bis 1757 als Sommerdomizil errichten. Als Teil des Gartenreichs Dessau-Wörlitz gehören sie zum Unesco-Weltkulturerbe, sind also in moderater Entfernung umgeben von einer Vielzahl möglicher Ausflugsziele wie das Georgium, das Luisium, Oranienbaum und eben Wörlitz. Ein anhaltinisches Arkadien, praktisch um die Ecke (Gartenreich.com). Andreas Conrad

Besuch bei der alten Dahme

Wer von Berlins Wasserlagen schwärmt, meint meist Spree und Havel – und vergisst die Dahme, obwohl sie doch groß und breit durch Köpenick fließt. Wie sie dorthin kommt, lässt sich auf einer zwei- bis dreitägigen Radtour erleben: Mit dem Regionalzug (umsteigefrei alle zwei Stunden) nach Luckau. Mitten im Wald beginnt die Dahme ihren Weg durch ein Städtchen und durch den ganzen Landkreis, die nach ihr benannt sind. Wer’s beim Radeln lieber ruhig angeht, nimmt sein Nachtquartier in der schlichten, aber originellen Bachmühle (www.bach muehle-dahmetal.de). Wald, Wiesen, Mohnblumen, Weite. Und wenig Menschen, denn der beschilderte Weg ist kaum bekannt. Am Tropical-Island-Raumschiff vorbei geht’s nordwärts nach Märkisch Buchholz, wo der Dahme-Umflut-Kanal das Flüsschen schiffbar macht und mit der Spree verbindet. Trotz einiger Schleusen wirkt das Idyll naturbelassen und geheimnisvoll. Der Radweg folgt den teils versumpften Ufern in einigem Abstand. In Prieros endlich weitet sich der Fluss zum Streganzer See. Der gefiel schon dem ersten DDR- Präsidenten Wilhelm Pieck; sein damaliges Domizil inmitten der Wälder ist jetzt ein Hotel (www.hotel-waldhaus-prie ros.de) mit viel Platz, solider Küche und schöner Terrasse.

Wer mag, kann beim Fleischer am Anger von Prieros noch richtige Handwerkswurst kaufen und sie mitnehmen auf die letzte Etappe: Dolgensee, Ziestsee, Krüpelsee, Zeuthener See, Langer See. Nach insgesamt 130 Kilometern ist man wieder in Berlin – mit dem schönen Gefühl, von weither zu kommen. Nähere Informationen im Internet: www.dahmeradweg.de Stefan Jacobs

Stromabwärts bis München

Ein wenig Bewegung in freier Natur, gleichzeitig entspannen und etwas lernen. So die Vorstellung über einen Tagesausflug. Eine erfolgreiche Unternehmung muss jedoch vor allem den Kindern Spaß machen. Also darf bei einem sommerlichen Vergnügen auf gar keinen Fall Wasser fehlen. Radeln und Baden ist die geeignete Mischung. An Gelegenheit dazu mangelt es im Berliner Umland wahrlich nicht. Wir haben uns für den Südosten entschieden, Richtung Elbe-Elster. Start und Ziel in Bad Liebenwerda – mit dem Regionalexpress gut erreichbar –, wo die Schwarze Elster zunächst die Gelegenheit zu einer wenig kraftraubenden Kanupartie stromabwärts bis München bietet. Also, München in Brandenburg. Bis dahin bringt ein Bootsverleiher aus Neumühl auch die Fahrräder. Das ist außerordentlich praktisch. Dann wird endlich geradelt, überwiegend durch freies Feld und weite Flur bis zum Freibad Tröbitz, wo sich die Erhitzten in die Fluten stürzen können, bevor es ernst wird bei „Louise“, der zum Museum ungestalteten Brikettfabrik in Domsdorf. Die geistige Nahrung wird anschließend unterfüttert durch eine zünftige Rast. Wenn die Kraft der Kinder und die Nerven der Eltern es noch zulassen, auch gern in Rückersdorf, wo bei Captain Hook („Erlebnisgastronomie“) am Rückersdorfer See Piratenschmaus und ähnliche Delikatessen geboten werden. Letztlich muss man nur noch aufpassen, dass auf der Etappe zurück nach Liebenwerda niemand vor Erschöpfung vom Rad fällt. Mehr im Internet: elbe-elster-abc.de Gerd W. Seidemann

Auf Bahntrassen im Oderbruch

Was ist das denn? „Bahntrassenradeln“? Gibt’s im Oderbruch als bequeme Radelvariante: Die 160 Kilometer lange Route führt meist auf stillgelegten, gut ausgebauten Bahnstrecken von Fürstenwalde nach Wriezen, vorbei an Schlössern, denkmalgeschützten Gutshöfen und Seen, durch Alleen und typische Oderbruchdörfer. Eine reizvolle Tagesetappe ist der etwa 45 Kilometer lange Abschnitt zwischen Gusow und Müncheberg, beide Orte sind mit der Niederbarnimer Eisenbahn zu erreichen. In Gusow lockt gleich zu Beginn ein stattliches Schloss aus dem 17. Jahrhundert mit Zinnfigurenmuseum. Weitere Stationen sind die Seelower Höhen, Ort der wohl größten Schlacht des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden und das verträumte Neuentempel, 1247 vom Templerorden gegründet. Danach geht es am Platkower Mühlenfließ entlang zur Komturei Lietzen, einer gepflegten Gutsanlage mit romanischer Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Schließlich radelt man über Hasenfelde, Heinersdorf und Behlendorf – auch dieser Ort mit sehenswerter historischer Gutsanlage – nach Müncheberg, dem „Tor zur Märkischen Schweiz“. Die Strecke ist gut ausgeschildert und in rund fünf Stunden zu bewältigen. Übernachtungsmöglichkeiten bieten etwa Schloss Gusow oder das Seehotel Luisenhof in Falkenhagen. Informationen beim Tourismusverband Seenland Oder-Spree, der auch Radweg-Pauschalen mit Übernachtungen anbietet, www.seenland-os.de, sowie beim ADFC in Potsdam, Gutenbergstraße 76, Telefon: 03 31 / 280 05 95, Internet: brandenburg.adfc.de Ulrike Wiebrecht

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