Fernost : Buddha trägt Gold

Mandalay ist Birmas Zentrum traditioneller Handwerkskunst, Bagan das Dorf der Pagoden. Wer dort hinreist, sollte viel Zeit mitbringen.

Gerd W. Seidemann

Es schmerzt. Allein das Zuschauen bereitet Unbehagen. Dem Besucher werden die Arme schwer und er fasst sich unwillkürlich ans eigene Kreuz. Ohne Unterlass schwingt der dürre, sehnige junge Mann in der stickigen Werkstatt den schweren Vorschlaghammer und lässt ihn auf das lederummantelte Päckchen niedersausen, das auf einem Feldstein im Boden angebracht ist. Gezählte 36 Mal pro Minute rummst der Hammer. Schweiß fließt dem Schläger in Strömen am nackten Oberkörper runter. Eine Stunde lang bis zur ersten Ablösung. Erst nach sechs Stunden sind aus mehreren Goldblechschichten, die jeweils durch feinstes Bambuspapier getrennt sind und stündlich umgeschichtet werden, hauchdünne Plättchen geworden. Wir sind nach dem 20-minütigen Flug von Heho am Inle-See direkt in vorindustrieller Zeit, bei den Goldschlägern von Mandalay gelandet. Erschreckend und faszinierend, was es hier zu sehen gibt.

Birmanen brauchen Gold. Viel Gold. Zwar jeder immer nur einen Hauch, doch das, so oft es das Budget erlaubt. Wer die abertausend Pagoden und Buddhastatuen allüberall in Birma glänzen sieht, möchte meinen, das Land sei im Goldrausch. Dabei gehört die Spende in Form eines mikrogrammschweren Goldplättchens für ein paar Cent zum buddhistischen Leben hier wie die Oblate zum christlichen Abendmahl. Wer spendet, verbessert sein Karma, darf nach seiner Wiedergeburt auf ein besseres Leben hoffen. Wohin das führt, lässt sich etwa in Mandalays Mahamuni Pagode studieren: Das größte Heiligtum, eine vier Meter hohe Buddhafigur aus Bronze, ist so über und über mit Gold beklebt, dass ihre ursprüngliche Form fast nicht mehr zu erkennen ist. Die Herstellung von Blattgold ist also ein einträgliches, wenn auch grausames Geschäft.

Mandalay, mit knapp einer Million Bewohnern zweitgrößte Stadt Birmas und bis zum Einzug der Briten letzte Hauptstadt eines unabhängigen birmanischen Königreichs (1860 bis 1885), gilt als Zentrum traditioneller Handwerkskunst. Neben den Goldschlägern findet man meist an den Rändern der Stadt ähnlich archaisch arbeitende Betriebe: Seidenweber, Steinmetze, Holzschnitzer, Bronzegießer, Stickerinnen und – ganz bedeutend in Birma – Hersteller von Marionettenfiguren. Für manchen deutschen Touristen eher von Bedeutung: Hier wird auch das „Mandalay Bier“ gebraut, das meist in riesigen Flaschen serviert und selbst von bayerischen Mitreisenden mit einem Zungenschnalzer delektiert wird.

Mandalay ist aus heutiger Sicht eine „Retortenstadt“. Es ist nicht aus einer Ansiedlung, aus einem Dorf gewachsen, sondern nach einer Prophezeiung Buddhas und auf Anordnung eines Königs entstanden. In der Ebene um den Mandalay Hill, ein unspektakulärer Hügel von 240 Meter Höhe, sollte nach der Vorhersage eine „großartige Stadt, eine Metropole des Buddhismus“ entstehen. König Mindon beschloss 1857 nicht nur, ein neues Königreich zu gründen, sondern gleich eine neue Hauptstadt dazu. Der damalige Königssitz in Amarapura wurde in großen Teilen demontiert und mittels Elefantentransport zum Mandalay Hill verlegt. Feuersbrünste und der Zweite Weltkrieg haben von der alten Struktur jedoch wenig übrig gelassen.

Heute platzt Mandalay aus allen Nähten und gilt für hiesige Verhältnisse als wohlhabend. Nicht zuletzt durch die Lage an der historischen „Burma Road“ und am Irrawaddy blüht das Transportwesen. Mandalay ist einer der Hauptumschlagplätze für den Warenverkehr mit China. Auch uns zieht es zum Fluss – und darüber hinaus. Unser Ziel: Mingun Bahtodawgyi, eine unvollendete Pagode der Superlative. Im Auftrag von König Bodawpaya begann dort 1790 der Bau dessen, was die größte Pagode der Welt werden sollte. Wie so oft in der Geschichte Birmas griff eine Astrologe ein: Sobald der Bau vollendet sei, werde der König sterben, weissagte er. Das konnte diesem kaum gefallen, also wurden die Arbeiten nach wenigen Jahren eingestellt. 1819 starb der König – wohl zu seiner eigenen Überraschung – dennoch. Von der geplanten 150 Meter hohen Pagode blieb allein der Sockel, der mit 50 Metern Höhe heute als der größte Backsteinberg Asiens gilt.

Mit einer Barkasse legen wir am Ufer von Mandalay ab und tuckern eine Stunde stromaufwärts. Schon von weitem ist das mächtige Pagoden-Fragment zu erkennen. Trotz der frühen Morgenstunde werden wir dort schon erwartet. Wie an allen Orten des Landes, wo eventuell ein Tourist auftauchen könnte, eilen im Sauseschritt fliegende Händler heran, waten dem Boot entgegen. Früchte, Postkarten, auf Stoff gedruckte Bildchen, Hütchen, Armbänder – so ziemlich alles wird hochgereckt, was der Reisende nicht wirklich gebrauchen kann. Kinder aller Altersstufen bilden hier wie überall einen durchaus freundlich schnatternden Pulk. Kaum erkennen sie, dass Deutsche an der Pagode angelandet sind wollen einige mit Sprüchen imponieren, die sie bei anderen Touristen schon oft gehört haben: „Ja, ja, kenn’ ich schon, hab’ ich schon!“ Den lachenden Gesichtern der Besucher glauben sie zu entnehmen, dass sie etwas Freundliches zum Besten gegeben haben, gute Voraussetzungen also, das Geschäft voranzutreiben. Die kleinen Verkäufer sind beharrlich, aber selten penetrant. Wem das alles dennoch lästig erscheint, sollte nicht vergessen, dass die kleinen Verkaufsgenies nicht unerheblich zum Überleben ihrer Familien beitragen, wenn sie etwa einen Postkartensatz für einen Dollar losschlagen.

Nahezu fassungslos steht der Besucher dann vor dem Ziegelhaufen, der einmal eine Pagode werden sollte. Leider darf er seit einigen Jahren nicht mehr bestiegen werden: Absturzgefahr.

Der Irrawaddy bringt uns schließlich per Schiff stromabwärts nach Bagan. An den Ufern reiht sich Kloster an Kloster, Pagode an Pagode, kleine und mächtige. Der Verkehr auf dem Fluss ist mäßig. Schlepper ziehen riesige Flöße aus Teakholz gen Süden, Frachtschiffe transportieren Lastwagen, Trecker und Teerfässer nordwärts. Auf Sandbänken grünt schnellwachsendes Gemüse, das vor dem nächsten Hochwasser geerntet sein muss.

Schließlich erreichen wir Bagan. In der heute nahezu baumlosen Ebene erhebt sich ein Wald von Pagoden. Der frühere Baumbestand wurde dem Brennen der Ziegel für die Pagoden geopfert. Jemand will sie gezählt haben: 2216 sollen es heute sein und täglich werden es mehr. Die Regierung hat angeblich den Ehrgeiz, eines nicht zu fernen Tages die magische Zahl 7777 zu erreichen. Viele beten, dass die heutigen Machthaber diesen Tag nicht mehr erleben.

Reisender, kommst Du nach Bagan, bring viel Zeit mit. Fahrrad oder Pferdekutsche? Schön wär’s gewesen, von einem Wunderwerk zum nächsten zu trödeln. Doch auch zum Leidwesen der Kutscher und Radverleiher nehmen wir einen Kleinbus. Uns bleibt nur Zeit für Höhepunkte wie die Ananda Pagode, ein Meisterwerk der Mon-Architektur. Die extrem steilen Stufen hinauf zur Plattform der Shwe San Daw erweisen sich zwar als ungeeignet für nicht Schwindelfreie, doch der Blick entschädigt für die Mühe. Es herrscht eine fast heilige Stille hier oben. Trotz der zahlreichen Besucher. Selbst die kleinen Souvenirverkäufer haben die Sprache verloren, deuten bei Blickkontakt nur auf ihre Angebote. Auf die Ziegelmauer setzen, die Beine baumeln lassen. Und noch einmal Birma auf sich wirken lassen. Das Land der Pagoden, der liebenswerten Menschen.

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