Fernreisen boomen : Denn das Gute liegt so fern

Veranstalter bieten im kommenden Winter noch mehr exotische Reisen an und setzen weiter auf den Trend zum Luxus.

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Fein zum Tafeln – am Strand einer Nobellodge in Mosambik.
Fein zum Tafeln – am Strand einer Nobellodge in Mosambik.Foto: picture alliance

Vor jeder Sommer-, vor jeder Wintersaison ließen große Reiseveranstalter über Jahre verlauten: „Günstiger als im Vorjahr!“ Das ging so lange, dass der Urlauber schon frohlockte, irgendwann werde er bei Buchung einer Pauschalreise womöglich noch Geld dazubekommen. Das ist bekanntlich nicht eingetreten. Das Wort „günstiger“ ist auf dem Reisemarkt verschwunden, das marktschreierische Getute um „Turbo-Rabatte“, „XXL-Bonus“ und „Urlaubsgeld“ klingt auch arg gedämpft. Bei den Präsentationen der jeweils neuen Veranstalterkataloge wird heute vielmehr unisono herausgestellt, die Preise seien im Wesentlichen „stabil“.

Wer bei den aktuellen Winterprogrammen genau hinschaut, wird feststellen, dass es bestenfalls klitzekleine Abschläge beim jeweiligen Durchschnittsreisepreis für ein Land gibt, um das Wort von der Stabilität angesichts tatsächlich höherer Preise irgendwie zu rechtfertigen. An Mehrkosten der Pauschalreise kommt nur vorbei, wer alle, wirklich alle nur erdenklichen Preisvorteile als Früh-Frühbucher mitzunehmen versteht und zuweilen seine Ansprüche beim Hotelkomfort zurückfährt. Gewiss, die bekannten Krisenländer (Griechenland, Ägypten) beziehungsweise die, die sich anschicken, diesen wenig illustren Kreis allmählich zu verlassen (allen voran Tunesien), werden noch mit kräftigen Abschlägen angeboten, wobei die Marge für den Veranstalter eher gegen null tendieren dürfte.

Richtig Geld wird im traditionell weniger ertragreichen Winter auf der Fernstrecke und dort mit Luxusangeboten verdient. Wobei natürlich auch hier eine Rolle spielt, dass längst keine festen Kontingente mehr auf Flugzeugen eingekauft, keine Garantieverträge für Hotels mehr gegeben werden, was für die Veranstalter immer die Gefahr birgt, auf nicht genutzten Flugsesseln und Betten sitzen zu bleiben. Flexibilität bei den Kapazitäten und Tagesaktualität bei den Preisen sind die Gebote der Zeit.

Nun bedeutet Winterurlaub ja seit langem nicht mehr „Urlaub im Schnee“, sondern vielmehr Flucht in den dunklen Monaten, vornehmlich in Gefilde, die Sonne oder zumindest Außentemperaturen auf T-Shirt-Niveau versprechen. Reisen, die ausdrücklich Wintersport in irgendeiner Form zum Inhalt haben, spielen bei den Veranstaltern eine doch eher untergeordnete Rolle zwischen November und März. Die Winter-Zielgruppe sind weniger Familien, sondern eher gut verdienende Singles, Paare und, tja, sich jung fühlende Ruheständler mit Geld. Letztere werden in einem ewigen sprachlichen Eiertanz allerdings nie so genannt, sondern als „Best Ager“, „Generation 50 plus“ (!) oder „Silver Birds“ bezeichnet.

Weil auch Veranstalter Schlagzeilen lieben, wird mal wieder ein Trend ausgerufen – in schöner Übereinstimmung der Großen im Geschäft: die Fernreise. Vor zwei, drei Jahren wurde der Luxustrend beschworen, jetzt haben wir die Kombination von Fernreise plus Luxus. „Der Markt verlangt danach, die Nachfrage ist oft größer als das Angebot“, heißt es.

Reiseriese Nummer eins, Tui aus Hannover, reißt die Marktführerschaft an sich, verkündet gar ein „Jahrzehnt der Fernreise“. Erstaunlich: Bereits in diesem Sommer erzielte das Unternehmen mit einem Plus von vier Prozent eine neue Bestmarke bei Umsatz und Teilnehmern auf der Fernstrecke (über genaue Zahlen muss die deutsche Tui AG unter dem Dach des Mutterkonzerns in London allerdings schweigen). Dieser Schwung soll genutzt werden. Entsprechend bietet Tui im Winter „das größte Fernreiseangebot aller Zeiten“. In sieben Katalogen gibt es Angebote für 57 Länder, wobei die Anzahl exklusiver (Rund-)Reisemöglichkeiten vor allem im südlichen Afrika, in Asien und USA deutlich erhöht wurde.

Obwohl die zunehmende Reiseerfahrung der Deutschen allerorten beschworen wird, möchten sie im sicheren Schoß eines Veranstalters offenbar schon einiges organisiert haben. Bei Tui heißt das dann „Erlebnisreise“, was bedeutet: Um Besichtigungen, Ausflüge aller Art, Konzertbesuche muss sich der Kunde keine Gedanken machen – alles gibt’s auf Wunsch im Paket. Zum Fernreiseprogramm von Tui trägt übrigens nicht unerheblich der vom Konzern erworbene Veranstalter Boomerang Reisen aus Berlin bei.

Angesichts der Konkurrenz von Tui und den traditionell stark auf der Fernstrecke vertretenen Marken Dertour, Meier’s Weltreisen und ADAC Reisen der Rewe- Touristik lässt sich die Thomas Cook AG mit den Marken Thomas Cook Reisen und Neckermann Reisen nicht lumpen. Auch dort wird „das umfangreichste Fernreisenprogramm aller Zeiten“ in die Reisebüros geschickt und online gestellt. Jeweils fast 3000 Hotels bieten die beiden Veranstalter auf der Fernstrecke – rund 80 Prozent mehr als im vergangenen Winter. Erstmals sind mehr Hotels nur elektronisch verfügbar (auch über das Reisebüro) als in den gedruckten Katalogen zu finden.

Den Ansturm auf die Fernstrecke erklären Reisemanager damit, dass der Kunde Exotisches suche und nicht zum x-ten Mal auf die Kanaren wolle. Zudem sei bei vielen erspartes oder ererbtes Geld vorhanden. Ein Sprecher des Deutschen Reiseverbandes (DRV) sieht zusätzlich andere Gründe. 2009 buchten Deutsche wegen der Wirtschaftskrise vielfach eher nahe Ziele, nun sei ein Nachholeffekt eingetreten. Im Gegensatz dazu spricht mancher Branchenkenner davon, es sei ein „Jetzt-erst-recht“-Reflex der Kunden, weil die Euro-Krise in ihrem ganzen Ausmaß wohl noch bevorstehe.

Nun ist der zu verteilende Reisekuchen endlich, und man fragt sich, ob bei so vielen Fernreisenden die anderen Zielgebiete zu veröden drohen? Nein, heißt es beim DRV, die Deutschen reisten einfach mehr als früher. Von einem Trend zur Fernreise spricht der Verband nicht, die Zuwächse in absoluten Zahlen lieferten dafür keinen Beleg. Nun mag man den Veranstaltern nicht verübeln, dass sie ordentlich für ihren Trend trommeln, schließlich generiert eine Fernreise ein Mehrfaches einer x-beliebigen Mallorca-Reise. Peter Fankhauser, Vorstandsvorsitzender der Thomas Cook AG, bringt es auf den Punkt: „Wirtschaftlich ist das Fernreisegeschäft sehr interessant, auch wenn die Menge deutlich geringer ist.“

Noch lukrativer sind sogenannte Luxusreisen. Übereinstimmend werden von allen Veranstaltern Umsatzzuwächse von 20, 30 Prozent genannt, die Angebote aufgestockt. Dertour, Airtours, Michael Poliza Experience, die neue Edel-Abenteuermarke von Tui (wir berichteten), Thomas Cook Selection – alle buhlen um das Budget der Bessergestellten.

Dertour vergrößert sein Angebot um rund 60 neue Luxushotels. Selbst klassische Sonne-Strand-Veranstalter wie Thomas Cook und Neckermann setzen auf gehobenen Urlaub. Um 40 Prozent wird das Angebot in diesem Segment ausgebaut. Erstmals gibt es zwei Selection-Kataloge mit zusammen 389 Hotels. Neue Zielgebiete sind zum Beispiel Jordanien, Sansibar, Vietnam und Tansania.

Dabei haben die Veranstalter mit ihren Luxusreisen unterschiedliche Zielgruppen im Blick. Während Thomas Cook Reisen die Mittelschicht ansprechen will, sind die Angebote von Dertour deluxe oder Poliza etwas für den wirklich großen Geldbeutel. So beginnt bei Poliza die günstigste Reise bei 12 000 Euro. Ein zehntägiger Aufenthalt in einer Strandvilla auf den Malediven kann bei Thomas Cook auch schon mal 13 000 Euro kosten. Pro Nase.

„Es gibt eine Polarisierung bei der Nachfrage“, hat Fankhauser beobachtet: einmal in Richtung Budgetkäufer, und dann in Richtung Luxusreisen. „Die Schere zwischen billig und teuer geht beim Urlaub deutlich auseinander“, ergänzt DRV-Sprecher Schäfer.

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