Fernreisen im Plakat : Früher war mehr Glamour

Ausstellung historischer Plakate zeigt in Berlin den Wandel beim Reisen.

Majestätisch über die Wogen gleiten und sich an Bord gepflegter Unterhaltung hingeben. Das war das neue Reisen.
Majestätisch über die Wogen gleiten und sich an Bord gepflegter Unterhaltung hingeben. Das war das neue Reisen.Foto: promo

Durch kaum etwas lässt sich Reiselust mehr anregen als durch Bilder. Das war schon so, als vom Tourismus heutiger Art noch niemand träumte oder gar schlechte Träume hatte. Es war auch in den frühen Jahren, als das Reisen zur Erholung oder zum Zeitvertreib allein Bessergestellten möglich war. Doch die Sehnsucht wurde nicht von Hochglanzfotos mit Wildtieren oder exotisch ausschauenden Menschen in fernen Ländern transportiert, es gab kaum spektakuläre Aufnahmen von außerirdisch luxuriösen Hotels. Vielmehr wurde eher das Transportmittel in den Mittelpunkt gestellt: der Ozeandampfer, der Zeppelin, Schnellzüge und Flugzeuge. Schließlich war bei den Reisen vor 60, vor 90 Jahren vielfach noch der Weg das Ziel.

Um das im wahrsten Wortsinn zu illustrieren, zeigt das Galeriegeschäft Zeitlos im Berliner Stilwerk an der Kantstraße zum Auftakt der Design Meile vom 13. Oktober an unter dem Titel „Safety, Speed, Comfort“ frühe Reiseplakate aus den Privatsammlungen von Joachim Apitz, Schondorf am Ammersee, und dem Berliner Marc Wegner. „Alles Originale“, wie Wegner betont. Denn auch bei Plakaten werde schon mal versucht, einen Nachdruck als Original zu verkaufen. Doch wer als professioneller Sammler unterwegs sei, könne durch Anfassen und Betrachten schnell den Unterschied merken.

Der 45-jährige Berliner Händler hat sich auf das Sammeln von Werbeverpackungen und -behältnissen (Blechdosen, Papierschachteln) spezialisiert, nicht zuletzt, weil er einst an der Hochschule der Künste (HdK) Berlin seine Diplomarbeit über die Kulturgeschichte von Zigarettenpackungen geschrieben hat. Den parallel zur Ausstellung hergestellten Verkaufskatalog will Wegner als Ergänzung und Erweiterung der Ausstellung verstanden wissen, deshalb der Untertitel „Fernreisen im Plakat 1870 bis 1970“.

Die im Stilwerk ausgestellten Plakate, von denen die meisten Stücke verkäuflich sind, verbildlichen die Anfänge moderner Reiselust und plötzlich erfüllbare Neugier auf Fernes und Exotisches. Diese attraktiven Ikonen eines aufkommenden Tourismus beschwören mit eleganter Raffinesse herauf, wie sich die feine Gesellschaft mobilisierte. Sie ließ technische und geografische Grenzen, traditionelle Ziele und Vehikel hinter sich zugunsten eines wesentlich beschleunigten, stilvollen Reisens und neuer Horizonte.

Die grafischen Kleinode in Größen zwischen 30 mal 60 und 140 mal 100 Zentimeter vermitteln mit ihrer verführerischen Bildsprache eine völlig neue Auffassung und Erfahrung technisch erzielbarer Geschwindigkeit. Die Mühen und Gefahren früherer abenteuerlicher Expeditionen wandelten sich in dieser Ära zu luxuriösem gesellschaftlichen Vergnügen. Mondänes Leben präsentierte sich nicht mehr in Kurorten, Opernhäusern und Schlössern. Reisen verlor die Schrecken von Gefahr, Schmutz, Beschwerlichkeit und Zeitverlust.

Die neuen, sicheren und komfortablen Möglichkeiten schneller Fortbewegung machten die innovativen Fahrzeuge wie prachtvolle Ozeandampfer, stilvolle Luxusschnellzüge, futuristischen Zeppeline und schnittige Propellermaschinen zu Bühnen glamouröser Auftritte und modischer Selbstinszenierungen einer vermögenden Klasse. Zahlreiche palastartige, prachtvolle Hotels schossen entlang der neuen Reiserouten und deren Anlegestellen aus dem Boden. Ein neuer Lebensstil entstand, dessen rasanter Chromglanz auch in Privatwohnungen seinen funkelnden Einzug hielt.

Der Rahmen der Galerie im Charlottenburger Stilwerk bietet die kongeniale Location für dieses spezifische Genre. Sie präsentiert eine sehenswerte Kollektion an originalen Möbeln, Einrichtungsgegenständen und Accessoires dieser Epoche zwischen Roaring Twenties und wirtschaftswunderfrohen Fiftys. Als besondere Glanzpunkte der Schau wird ein rares Zigarettendöschen gezeigt, ein Souvenir von der „Titanic“, deren tragischer Untergang einen weltweiten Umbruch der damaligen Technik auslöste und die Sicherheitsstandards des Reisens grundlegend verändern sollten. Die Ausstellung wird begleitet von einer Publikation und ist bis zum 9. Dezember zu sehen. (Tsp)

Design Galerie Zeitlos – Berlin, Kantstraße 17 in Charlottenburg im Stilwerk 3. Etage; Telefon: 030 / 31 5 1 56 31, Internet: zeitlos-berlin.de Öffnungszeiten: Montag bis Sonnabend, von 10 bis 19 Uhr. Begleitend zur Ausstellung haben die Sammler Apitz und Wegner einen Verkaufskatalog mit rund 250 Objekten erstellt. Neben Reiseplakaten von 1870 bis 1970 werden im Katalog auch ausgefallene Werbemittel wie Flugzeugmodelle, Werbeaufsteller, Prospekte und Produktverpackungen angeboten. Internet: safety-speed-comfort.com

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