Fluggastkabine : Die Enge über den Wolken

Airlines wollen Geld verdienen – und sparen. Auch am Platz für die Passagiere. Wie man dennoch bequem ans Flugziel kommt.

Jan Ahrenberg
Kleine haben’s gut. Große müssen für einen bequemen Platz im Flieger meist mehr bezahlen und Business-Class buchen.
Kleine haben’s gut. Große müssen für einen bequemen Platz im Flieger meist mehr bezahlen und Business-Class buchen.Foto: Caro / Rodriguez

Billig fliegen – schön und gut. Doch ein Schreckgespenst fliegt mit: Economy- Class-Syndrom heißt es. Wenn man den Diskussionen im Internet trauen darf, ist es ein Wunder, dass überhaupt ein Fluggast seinen Zielort lebend erreicht. Der Tenor: Die knappen Abstände zwischen den preisgünstigeren Reihen im Flugzeug zwingen die Gäste in eine Sitzhaltung, bei der das Blut nicht mehr richtig zirkuliert. Blutgerinnsel und in der Folge Thrombosen drohen. Wer vorbelastet ist, kann die Gefahr mit Stützstrümpfen und Blutverdünnern wirksam gen null minimieren, erklärt der Mediziner Holger Lawall von der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung. Trotzdem: Manch ein Fluggast fühlt sich auf dem Weg in die Ferien wie in einer Legehennenbatterie.

Der Trend ist klar: Jedes Fitzelchen Komfort lassen sich immer mehr Fluggesellschaften bezahlen. „Das Layout der Fluggastkabine wird wesentlich vom Geschäftsmodell der jeweiligen Airline bestimmt“, sagt Ralf God, Leiter des Instituts für Flugzeug-Kabinensysteme an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Bei Billigfliegern, die ihr Geld kaum noch allein mit Flugtickets, sondern mit dem Verkauf von Wurstsemmeln und Instantkaffee verdienen, werde kein Raum verschenkt. „Ryanair geht sogar so weit, die Sicherheitskarten auf die Rückenlehnen zu kleben, um sich die Zeitungstaschen zu sparen“, weiß God.

Das war nicht immer so: „Noch nach dem Zweiten Weltkrieg waren Flugreisen absoluter Luxus“, erinnert God. Die damals gängigen Turboprop-Maschinen flogen vergleichsweise niedrig und langsam – das Gewicht der Zuladung spielte eine untergeordnete Rolle. „Erst mit den Düsenflugzeugen öffnete sich die Luftfahrt für ein breiteres Publikum“, sagt God. Bei deren Einführung Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre änderten sich die Vorzeichen in der Passagierluftfahrt dramatisch: „Statt Luxus standen nun Geschwindigkeit und Effizienz im Fokus.“ Die Passagierkabine wurde zu einer schlanken Röhre, in der für die Anordnung der Sitze wenig Spielraum blieb.

Der Spielraum für die Passagiere endet nach 75 Zentimetern

In jüngerer Zeit  forschen Airlines akribisch nach Konzepten, wie sie mehr Sitze in ihren Flugzeugen unterbringen können, um Kosten zu senken. Auch das Gewicht der Sitze selbst kommt auf den Prüfstand. „In der Europakabine der Lufthansa etwa sind Modelle eingebaut, die im Wesentlichen nur noch mit Stoff bespannte Metallgestelle sind. Die sehen fast wie Gartenstühle aus“, stellt God fest. Dem Komfort, so der Experte, tue das jedoch keinen Abbruch. Dafür sind sie 3,8 Kilo leichter als die alten Modelle.

Bei 120 Sitzen in der Economy-Class eines Airbus A320 bringt das eine Gewichtsersparnis von knapp einer halben Tonne. Nach Angaben des Unternehmens lassen sich durch die Gewichtsreduktion pro Maschine 43 Tonnen Kerosin im Jahr einsparen, erklärt Klaus Gorny, Sprecher des Unternehmens. Und entsprechende Emissionen. Bei der Gewichtsreduktion in der Kabine sieht er noch viel Spielraum, um die Luftfahrt wirtschaftlicher und umweltfreundlicher zu gestalten.

Der Spielraum für die Passagiere endet dagegen oft nach rund 75 Zentimetern an der Rückenlehne des Vordermanns.  Andrew Wong vom Ratgeberportal Seatguru sieht das komfortable Reisen über den Wolken als eine Art Gesamtkunstwerk aus den unterschiedlichsten Komponenten: Unterhaltungssysteme am Platz gehören ebenso dazu wie der Kabinenservice oder die verfügbaren Steckdosen für Laptops und eine eventuelle Wifi-Anbindung. „Bei den Sitzabständen hingegen unterscheiden sich die Airlines auf Kurzstreckenflügen innerhalb Europas kaum“, weiß der Experte.

Meist kommt eine Boeing 737 oder ein Airbus A320 zum Einsatz. Beide verfügen über nur einen Mittelgang, zu dessen Seiten sich jeweils drei Sitze befinden. Entsprechend vorhersehbar sei das Kabinenlayout. Die üblichen knapp 74 bis 79 Zentimeter Sitzabstand seien zwar nicht großzügig – auf Flügen von zwei bis drei Stunden aber akzeptabel. Die absolute, gerade noch zulässige Schmerzgrenze liegt bei 71 Zentimetern. Die reize zum Beispiel Ryanair aus, weiß Wong.

Gleich nach dem Kauf online einchecken und den Platz reservieren

Wer Extrakomfort auf Kurzstrecken sucht, muss sich mit der Reservierung des Sitzplatzes beschäftigen. Die Wahl der Fluglinie spielt eine eher untergeordnete Rolle – zumindest bei vergleichbaren Preisen. Denn begehrte Plätze hinter der Kabinenwand und vor dem Notausgang, die oft ein wenig mehr Beinfreiheit bieten, sind schnell vergeben. „Zudem sind die Airlines inzwischen so clever, eine zusätzliche Gebühr für diese Sitzplätze zu verlangen, oder sie sind Vielfliegern vorbehalten“, erklärt Andrew Wong. „Noch verfügbare Plätze in diesen Reihen kann sich meist nur sichern, wer frühzeitig zuschlägt.“ Am besten gleich bei der Onlinebuchung. Ist dies nicht möglich, etwa weil man sein Ticket bei einem Buchungsportal erworben hat, sollten die Passagiere gleich nach dem Kauf online bei der Airline selbst einchecken und den Platz ihrer Wahl reservieren.

„Hierbei lohnt es sich immer, vorher den Kabinenplan des betreffenden Flugzeugs anzuschauen“, sagt Wong. An manchen „Fensterplätzen“ fehle zum Beispiel das Fenster. Und nicht immer sind die Sitze am Notausgang oder an der Stirnwand die besten. „Mal fehlt in einer normalen Reihe ein Sitz, oder es ist kein Vordersitz vorhanden – so bekommt man mehr Raum, von dem man vorher gar nicht wusste, dass er existiert.“ Wong nennt diese Sitze „secret seats“, verborgene Plätze.

Nach ihnen kann man natürlich auch auf Langstrecken Ausschau halten.Aber gerade hier ist die Konkurrenz ungleich größer: Wer will schon sechs, acht oder zehn Stunden eingezwängt wie eine Sardine verbringen? Umso wichtiger ist der Vergleich der Airlines: Zwischen rund 79 und 81 Zentimeter bewegen sich die Abstände hier in der Regel. Doch es gibt Ausnahmen: Klassenprimus Thai Airways zum Beispiel wartet selbst in der Economy-Class mit luxuriösen 83 bis 86 Zentimetern auf, so Wong. Und auch die Sitzbreite bestimmt den Komfort: Die Vorteile von geräumigen 47 Zentimetern gegenüber schmalen 43 Zentimetern werden nicht nur beleibtere Personen spüren.

Wird es künftig mehr Platz über den Wolken geben?

Besonders ärgerlich: Einige Airlines experimentieren bereits mit einem zehnten Sitz in einer auf neun Plätze ausgelegten Reihe. Das lässt den Platz für die Hüften weiter schrumpfen. Allerdings gibt es auch Konzepte zur Linderung der schlimmsten Auswüchse. „Eine Fluggastkabine gehört zwar zu den teuersten Grundstücken der Welt, und deshalb wird um jeden Quadratzentimeter gerungen“, erklärt René Dankwerth, Vizepräsident der Forschungs- und Entwicklungsabteilung beim Sitzhersteller Recaro Aircraft Seating. „Doch beim Thema Komfort und Ergonomie gibt es noch Spielraum.“ So seien zum Beispiel die Armlehnen moderner Passagiersitze vorne schmaler als hinten und unten schmaler als oben, sodass sie den Gästen mehr Bewegungsfreiheit gewähren.

Um den Raum optimal auszunutzen, sei es zudem sinnvoll zu prüfen, auf welchen Strecken überhaupt eine Liegefunktion benötigt wird. „Air France setzt zum Beispiel auf Kurzstrecken bereits Sitze ein, die ergonomisch geformt sind und einen größeren Neigungswinkel besitzen“, sagt Dankwerth. „Die Silhouette der Sitze ist schlanker. Das spart Gewicht und schafft Platz für Knie und Füße.“ Bereits heute, das habe eine Studie gezeigt, sind 5,4 Kilogramm leichte Sitze realisierbar – ohne Sicherheits- oder Komfortverlust. „Allerdings ist deren Einsatz bislang noch nicht wirtschaftlich, sie sind in der Herstellung einfach zu teuer.“

Wird es künftig mehr Platz über den Wolken geben? „Das hängt von der technologischen Entwicklung ab“, sagt Dankwerth. „Sollten sich in ferner Zukunft Überschallflugzeuge in der Passagierluftfahrt durchsetzen, wird es eher enger.“ Da dann aber auch Langstrecken in kürzester Zeit zu überwinden sind, sei das verschmerzbar. „Es ist aber auch das Gegenteil möglich: Setzen sich Solarflieger durch, dann geht es wohl wieder langsamer am Himmel zu.“ Längere Reisezeiten erhöhen dann den Druck auf die Airlines, die Kabinen komfortabler zu gestalten.

Für die Zukunft entwirft jedoch Ralf God von der Universität Hamburg-Harburg ein mögliches Szenario: „Die Menschen werden immer größer und schwerer. Das werden auch die Airlines beim Kabinenlayout berücksichtigen müssen“, sagt God. Er schränkt aber ein, dass sich die Airlines wie alle Unternehmen an den Märkten orientieren. „Und die liegen künftig in Asien: In puncto Enge sind Chinesen und Japaner sicher noch etwas leidensfähiger als wir Europäer.“  (dpa)

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