Flusskreuzfahrt : Der Rhein kann so nüchtern sein

Ade, Loreley-Romantik: Wer von Köln aus flussabwärts schippert, staunt über flaches Land.

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Holland in Sicht! Volendam am IJsselmeer gehört zur Gemeinde Edam in der Provinz Nordholland – für die „Bellriva“ ein weiter Weg unter vielen Brücken hindurch.
Holland in Sicht! Volendam am IJsselmeer gehört zur Gemeinde Edam in der Provinz Nordholland – für die „Bellriva“ ein weiter Weg...Foto: Marlis Heinz

Glück gehabt. Keine auf Grund gelaufenen Frachtschiffe, kein Schleusenstreik hat unsere Rheinfahrt behindert. Nur eine kleine Karambolage gab es. An der war nicht die Loreley schuld, sondern der Wind. Der Kapitän hatte auch nicht gedankenversunken zur schönen Blondine hinaufgeschmachtet, sondern schon seit Stunden gegen die heftigen Böen angesteuert, die der großen Wasserfläche sogar Wellenkämme bliesen. Aber genau genommen ist bei dieser Rhein-Kreuzfahrt ohnehin alles anders. Und richtig auf dem Rhein findet sie auch nicht statt.

Von Köln aus flussabwärts? Wer von diesen Reiseplänen erzählt, wird mitunter mitleidig gewarnt: „Da ist der Rhein aber nicht mehr so schön.“ Irgendwie stimmt das sogar. Vorbei ist es mit all der putzigen Idylle, mit Fachwerkstädtchen am Ufer, Weinbergen an den Hängen und Burgen in der Höhe. Sobald der Kölner Dom in der Ferne verschwindet, bestimmt wuchtige Industrie das Bild. Container. Tanks. Rohrleitungen.

Aber die Gäste auf der „Bellriva“ schippern ohnehin zunächst in ihre erste Nacht an Bord hinein, packen Koffer aus, ergattern sich Sitzplätze im Restaurant, buchen Ausflüge.

Die „Bellriva“, Baujahr 1971, ist eine gepflegte kleine alte Dame unter den Passagierschiffen. Sie hat weder Whirlpool noch Beautysalon und die Kabinen der untersten Kategorie sind arg schmal. Doch die Kellner kennen schon am zweiten Tag das Lieblingsgetränk jedes Passagiers und die Reisenden jeden Winkel ihres schwimmenden Mittelklassehotels.

Wo es langgeht, sagt der alten Dame Thomas Topf, der erste Kapitän. Als Chef ist es für ihn die erste Saison, doch den Rhein kennt er wie seine Westentasche. Auf diesem Fluss hat er, mit 30 als Seiteneinsteiger zur Schifffahrt gekommen, den Beruf gelernt, erst mit Fracht, dann mit Passagieren. Für den Rhein und seine Nebenflüsse hat er alle Patente. Und so fährt er jedes Jahr zwischen März und Oktober von Köln nach Basel und zurück und dann von Köln bis Rotterdam und zurück. In der Domstadt wechselt bis auf ein paar „Durchfahrer“ der größte Teil der Passagiere. Den Kapitän kann die Loreley nicht mehr becircen und der Nebel im Norden raubt ihm nicht den Durchblick. Trotzdem erklärt er, dass der Rhein überall seine schwierigen Passagen hat. Bis Mannheim sind es die oft starken Strömungen, dann kommen ein paar enge Kurven, erst um Duisburg herum ist leichter zu manövrieren.

Was macht für ihn als Schiffer das Spezielle an der Nordroute aus? „Die großen Wasserflächen und das flache Land sind nicht ohne für ein Flussschiff, das nur 1,60 Tiefgang hat, aber acht Meter hoch und um die hundert Meter lang ist. Wenn da starke Winde kommen, beginnen die heftig zu schieben. Das ist mindestens so eine Herausforderung, wie den Felsen der Loreley zu umschiffen. Und man sieht, in Rotterdam zum Beispiel, auch mal wirkliche Ozeanriesen.“ In der Regel, so der Kapitän, sei das Publikum auf der Nordroute ein paar Jahre jünger. Es gebe mehr Passagiere, die sich für Schiffs- und Hafentechnik, für Polder und Pumpen, für Schleusen, Brücken und Kanäle interessierten und die ihn zu technischen Details der „Bellriva“ löcherten.

Aber auch dieses etwas geringere Durchschnittsalter verhindert nicht, dass am Abend in Amsterdam die Mehrzahl der Passagiere im Salon sitzt und auf Kommando des Bordmusikers brav „Die Hände zum Himmel“ streckt und bei „Tulpen aus Amsterdam“ schunkelt. Die dazu passenden Zwiebeln haben die Reisenden schließlich schon in der Kabine gebunkert, mehr interessiert sie offenbar nicht. Die wenigsten stürzen sich in die bunte Kneipenszene der Stadt. Könnte man aber. Und wer Angst hat, sich zu verirren, der greift sich an der Rezeption einfach eines jener Zettelchen, das jedem Taxifahrer sagt, wo die „Bellriva“ angelegt hat: „De Ruyterkade Steiger 18b“, nebst Telefonnummern. Die Besatzungsmitglieder jedenfalls, sofern sie nicht in Salon oder Bar zu sausen haben, schlendern durch die nächtliche Stadt, in Amsterdam und später auch in Antwerpen. Deshalb gilt die Nordroute bei der jugendlichen Mannschaft auch als die beliebtere. Szeneclubs statt Drosselgassen-Schenken.

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