Frankreich : Atlantik auf der Zunge

Jean Renoir malte hier, Filme wurden gedreht und Rezepte kreiert: Die Insel Noirmoutier ist ein Ziel für Gourmets.

Marlies Gilsa
Frankreich Foto: Bildagentur Huber
Eleganz am Hafen. Noirmoutier en L'Ile ist der Hauptort der Insel. -Foto: Bildagentur Huber

Ob es das Licht ist? Die stillen weißen Dörfer? Oder die feinsandigen Strände am Bois de la Chaise? Irgendetwas muss es dem Filmemacher Claude Sautet besonders angetan haben, dass er 1972 auf Noirmoutier „César und Rosalie“ mit Romy Schneider drehte. Auch Agnès Varda hat hier gefilmt – und Stars wie Jane Birkin oder Juliette Gréco standen vor der Kamera. Dabei ist die kleine Atlantikinsel bei Nantes auf den ersten Blick nicht übermäßig fotogen. Kein Vergleich jedenfalls mit den wilden Landschaften der nördlicheren Bretagne.

26 Kilometer lang und an der engsten Stelle nur 500 Meter breit ist Noirmoutier. Und: flach wie ein Crêpe. Hier und da ragt ein Leuchtturm oder eine Windmühle auf. Sonst prägen Kartoffeläcker und Salzwiesen das Bild der Insel. Und das hat eine lange Tradition. Bereits im fünften Jahrhundert haben Benediktinermönche hier mit der Salzgewinnung begonnen. Heute bedecken die Salzgärten fast ein Drittel der Insel.

Aber natürlich gibt es auch Strände: Am offenen Atlantik breiten sich weite Dünen aus, zum Festland hin öffnen sich kleinere Buchten. Die Plage des Dames, Les Sableaux oder die besonders malerische L’Anse Rouge zum Beispiel.

Vorn am Wasser liegt goldgelber Sand, hinten breitet sich der Bois de la Chaise aus, ein schattiger Wald mit knorrigen Steineichen, Pinien und Mimosen, die im Februar voll gelber Bällchen sind. Hier stehen die schönen alten Villen der Pariser, die traditionell mit Kind und Kegel in die Sommerfrische kommen. Ihnen gehören auch die weißen Badehäuschen, die die Buchten einrahmen. „Sie werden von Generation zu Generation vererbt und müssen von den Besitzern immer vorbildlich gestrichen werden“, sagt Marie Bruley vom Tourismusbüro. Geschieht dies nicht, reagiert die Gemeinde streng: Die Holzhäuschen werden „einkassiert“. Wer keine Hütte hat, zieht sich eben am Strand um. Aber diskret, natürlich, wir sind in Frankreich.

Der Wind bläst, die Möwen kreischen, die Wellen spülen über den Sand: Nicht viel anders wird es hier ausgesehen haben, als Jean Renoir vor über hundert Jahren hierherkam. „Ein bewundernswertes Eiland“, schwärmte der Künstler, als er hier mehrere Bilder malte. „Schön wie der Süden. Mit einem ebenso schönen Meer wie das Mittelmeer.“ Die Dörfer sehen allerdings ganz anders aus. Ob Le Vieil oder L’Epine – immer reihen sich schlichte ein- oder zweistöckige weiße Häuser aneinander. Einziger Schmuck sind die blauen Fensterläden mit den hübschen Gardinen, die auf Noirmoutier noch per Hand gewebt werden.

Ansonsten scheint in den menschenleeren Straßen die Zeit stehen geblieben zu sein. Nur im Hafen von L’Herbaudière und im Hauptort Noirmoutier en L’Ile geht es lebhafter zu. Rings um die mächtige Burg und die benachbarte, festungsartige Kirche locken Geschäfte, Cafés und Restaurants, eins geschmackvoller als das andere. Erste Adresse ist Le Grand Four. Nicht nur, weil der „Große Ofen“ – wie der Name wörtlich übersetzt heißt – mit seiner von Weinlaub überwucherten Fassade und der einladenden Terrasse wie ein Gemälde von Renoir aussieht. Auch die raffinierte französische Küche sollte man hier probieren.

Überhaupt muss man sich Noirmoutier auf der Zunge zergehen lassen. Spezialität sind natürlich Fisch und Meeresfrüchte. Bis nach Asien werden die großen Wolfsbarsche verkauft, auch die in den Austernbänken gezüchteten großen Muscheln landen auf den renommiertesten Tafeln Frankreichs.

Als besondere Delikatesse gelten Palourdes, Venusmuscheln. Dass ihr Aroma so geschätzt wird, mag auch mit dem Abenteuer des Muschelsuchens zusammenhängen, das auf der Insel eine Art Volkssport ist: Immer wenn Ebbe ist, machen sich die Noirmoutrins zum Passage du Gois auf, einem vier Kilometer langen, mit Steinplatten gepflasterten Weg, der jahrhundertelang einzige Verbindung zum Festland war. Rechts und links der Straße stehen sie dann, ja, auch die zierlichen Französinnen, knietief mit Gummistiefeln im Matsch und suchen nach den begehrten Meerestieren.

Idealer Begleiter zu Fisch und Muscheln sind die Primeurs. „Nein, das ist kein junger Beaujolais“, lacht die freundliche Kellnerin im Grand Four. „Damit sind unsere Frühkartoffeln gemeint.“ Ab April geerntet, werden sie zum Teil wie kostbare Trüffel gehandelt. Wer würde vermuten, dass ausgerechnet das Feinschmeckerland Frankreich Deutschen den Genuss des Knollengemüses lehren kann? Hier mag man über Kartoffeläcker die Nase rümpfen – auf der kleinen Atlantikinsel werden sie liebevoll gepflegt und gehegt. Schon allein die Namen: Charlotte oder Lady Christl werden sie zärtlich genannt. Königin unter den Knollen ist die Bonnotte, die klein, fest im Fleisch und leicht süßlich im Geschmack ist.

Doch was wäre sie ohne eine Prise des weißen Golds, des Meersalzes, das sich neben den Salzsümpfen zu weißen Bergen auftürmt! Besonders begehrt ist das Fleur du Sel, die Blume des Salzes, die ihren intensiven Geschmack durch die starke Sonneneinstrahlung bei gleichzeitiger sehr geringer Luftfeuchtigkeit erhält. In kleinen Säckchen abgefüllt, ist es auch beliebtes Mitbringsel. Inzwischen gibt es sogar aromatisierte Varianten mit Rosmarin, Thymian oder Curry. Aber die wahren Kenner lehnen sie ab. „Das sind bloß Moden, die kommen und gehen“, meint Marie Bruley.

Die Insel hat ihren eigenen Charme – und braucht keine Experimente.

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