Frankreich : Notgedrungen im Paradies

Sanary-sur-Mer war die Hauptstadt der deutschen Literatur im Exil. Wie die Stadt in der Provence ihr kulturhistorisches Erbe pflegt.

Manfred Flügge
Sanary
Der Hafen von Sanary-sur-Mer. Auf der Promenade findet jede Woche ein provenzalischer Markt statt. -Foto: Flügge

Als Johanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen, unter der „mittäglichen Sonne“ ins südliche Frankreich reiste, musste ihre Kutsche kurz vor Toulon eine einsame und beängstigende Talschlucht durchfahren, auf der wenige Jahre zuvor Räuberbanden ihr Unwesen getrieben hatten. Aber gleich hinter der kurvenreichen Passage, welche das Flüsschen Reppe in die Hügel geschnitten hat, die „Gorges d’Ollioules“, entdeckte die Reisende aus Deutschland ein kleines Paradies, das Hinterland der Bucht von Sanary. „Wir kamen näher und sahen mit unaussprechlicher Freude die ersten Orangenbäume in den Bauerngärten, sich beugend unter der Last der goldenen Früchte und dabei mit Blüten besät. So plötzlich waren wir aus dem Eingang der Hölle ähnlichen Felsenschlund in das dem Elysium ähnliche Land unserer schönsten Träume versetzt, so dass uns alles wie Feenzauber erschien.“

Auch der heutige Reisende kann sich dieser zauberhaften Gegend, die immer wieder mit dem Paradies verglichen wurde (das doch niemand kennt), aus dem Hinterland annähern und dabei etwa von dem Felsendorf Évenos, mit einer bemerkenswerten Burgruine, einen herrlichen Rundblick genießen. Man schaut auf die Bucht von Toulon, mit dem größten Militärhafen Frankreichs, vom Hinterland abgeschnitten durch den Mont Faron und den Mont Caume, mit gut 800 Metern der höchste Berg des Departements Var, auf das bewaldete Kap Sicié, den südlichsten Punkt dieses Küstenabschnitts am Mittelmeer, und vor allem auf die unvergleichliche Bucht von Sanary.

Den Ort selber kann man aus der Ferne nicht entdecken, auch nicht von der Eisenbahnstation, die auf halber Strecke zwischen Sanary-sur-Mer und Ollioules liegt und von der kein Bus in den Ort führt. Am besten ist, man reist mit dem Auto an. Auch sollte man die Hauptsaison tunlichst meiden. Im Frühjahr blühen Mimosen und Mandelbäume, im Herbst kann man bis in den November hinein baden. Tauchen kann man auch, ganz nach dem Vorbild von Jacques Cousteau, der aus Sanary stammte und in den 40er Jahren in dieser Bucht seine ersten Unterwasserfilme drehte. Ein kleines Museum im Turm von Sanary erinnert an den Kapitän und seine Freunde.

Der über 20 Meter hohe viereckige Turm, im Mittelalter zur Verteidigung des Hafens gebaut, ist die Keimzelle des Ortes. An seine massiven Mauern haben sich Häuser angelehnt, darunter das berühmte Hôtel de la Tour. Hotelgäste können auf die oberste Plattform steigen und den Blick auf den Hafen genießen. Das Restaurant des Hotels ist berühmt für seine Bouillabaisse und für den Fisch im Salzmantel. Jeden Mittwoch ist die Hafenpromenade ein einziger provenzalischer Markt mit allen Köstlichkeiten der Region.

Seinen Ruhm verdankt der Ort mit dem Yacht- und Fischerhafen, der palmenbestandenen Promenade, der Badebucht von Portissol und den ausgedehnten Villenvierteln seiner besonderen Rolle in der Kulturgeschichte. Zwar hatten schon in den zwanziger Jahren einige Maler wie Masson, Kisling oder Levy und Autoren wie Aldous Huxley den Reiz des Ortes entdeckt, nach 1933 aber wurde Sanary zur „Hauptstadt der deutschen Literatur im Exil“ wie Ludwig Marcuse schrieb. Er hatte sein Haus in der Berliner Eichkamp- Siedlung verlassen müssen und verbrachte sechs Jahre in Sanary, ehe er nach Los Angeles weiterflüchtete. Die Liste der Namen, die heute eine Gedenktafel am Tourismusbüro aufführt, ist beeindruckend – und noch nicht einmal vollständig: Thomas und Heinrich Mann, die Kinder der Manns, Lion und Marta Feuchtwanger, Franz Werfel und Alma Mahler Werfel, ferner Bert Brecht, Franz Hessel, Friedrich Wolf, Bruno Frank, Ernst Toller, René Schickele, Walter Bondy und viele andere. Manche blieben nur für ein paar Wochen im Hôtel de la Tour, andere mieteten Villen für Monate oder Jahre.

Die Stadt Sanary bemüht sich seit langem um dieses besondere Erbe. Bürgermeister Ferdinand Bernhard engagiert sich persönlich. Das ist in diesem politischen und touristischen Umfeld keineswegs selbstverständlich. Es finden Kongresse, Tagungen, Ausstellungen, Konzerte und Theateraufführungen statt, die sich mit dem Exil befassen. Im Office du Tourisme erhält man ein Faltblatt, das die Wege zu den einzelnen Villen der Emigranten zeigt. Alle Häuser sind mit Gedenktafeln versehen, wenn auch nicht zu besichtigen.

Man sieht den ältesten Mühlenturm der Stadt, in dem die Werfels zwei Jahre lang wohnten. Die zwölf Fenster gewährten einen herrlichen Blick von der Felskante aufs Meer hinaus, erwiesen sich aber als Problem bei Kriegsbeginn, als Verdunkelung angeordnet wurde.

In der Nähe liegt die Villa La Tranquille, die Thomas Mann mit seiner Familie im Sommer 1933 bewohnte; das ursprüngliche Haus wurde in der Besatzungszeit zerstört, ein sehr ähnliches wurde an derselben Stelle mit demselben Namen errichtet. Als man für die Serie „Die Manns“ in Sanary drehte, wich man auf das Haus von René Schickele aus, die Villa Ben Qui Hado (provenzalisch für: die schön gelegene), die einen herrlichen Blick über die Dächer der Stadt erlaubt. Der Wohnturm, in dem Franz Hessel 1941 starb, die Villa Valmer, die Residenz der Feuchtwangers und das heimliche Zentrum des Exilortes, die Balkonwohnung von Friedrich Wolf direkt über der Promenade – die Emigranten wohnten in traumhaften Orten, „notgedrungen im Paradies“, wie es Ludwig Marcuse formulierte. Denn die Bedrohung aus Nazideutschland wuchs und wuchs, bis sie 1940 zur Besetzung des Landes führte und zur Internierung der Emigranten oder zur abenteuerlichen Flucht in die Neue Welt.

Wer nach Aix-en-Provence fährt, kann drei Kilometer vor der Stadt die ehemalige Ziegelei von Les Milles besichtigen, in der die französische Republik die Emigranten als „feindliche Ausländer“ internierte. Mit diesem Kapitel der Geschichte tat man sich bisher in Frankreich sehr schwer; aber bis 2009 soll Les Milles in eine große Gedenkstätte umgewandelt werden.

In Sanary kommt auch der kulturhistorisch weniger interessierte Gast auf seine Kosten. Das Stadtbild wurde nicht durch Neubauten verschandelt, man bummelt durch die engen Gassen der Altstadt mit ihren Boutiquen und feinen, kleinen Restaurants. Bootstouren entlang der Küste bieten sich an, bis zu den „Calanques“ von Cassis, kleinen Fjorden, an deren Steilwänden sich Kletterer tummeln. Man fährt zu den Badestellen an den Stränden der Nachbarorte Bandol und Six-Fours, macht Ausflüge zur Insel Porquerolles oder nach Marseille. Über seine Erlebnisse kann man auf den Terrassen des Café de Lyon, des Café de la Marine oder des Nautique plaudern. Eben dort, wo auch schon große Maler und Autoren die blaue Stunde genossen haben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar