Frankreich : Verführung am Nachmittag

Paella, Flamenco, Stierkampf und reichlich Vino: Fünf Tage im Jahr kommt einem das französische Nîmes höchst spanisch vor.

Mika Biermann
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Mit Pauken und Trompeten. Während der Feria in Südfrankreich geht’s vor allem in der antiken Arena bunt und lautstark zur Sache....

Am Nachmittag wird Aphrodite aus Schaum geboren – und bekommt einen Becher Sangria in die Hand. Aphrodite ist sechzehn Jahre alt und heißt eigentlich Félicie. Félicie springt zurück in die Gischt, die Schaummaschine vor der Bar Victor Hugo sprudelt, aus den Lautsprechern dröhnt „It’s raining men“. Dicht an dicht drängen sich die Menschen auf dem Boulevard. An den Ständen dampfen Riesenpfannen mit Paella, gespickt mit Garnelen. Fliegende Händler bieten Leuchtsticker und Blumengirlanden an. Vor den eigens aufgestellten Toilettenbuden auf dem Kirchplatz steht ein Pulk Frauen an. Es ist Donnerstag, der erste Tag der jährlichen Pfingstferia von Nîmes.

Viviane stampft mit dem roten Lackschuh auf den Betonboden der Bodega. Sie ist fünfzig und biegsam wie ein Teenager. Der junge Mann im durchgeschwitzten Hemd stampft ebenfalls. Beide tanzen eine Sevillana, eine Spielart des Flamenco, und zeigen den oft und immer wieder schwierigen Beginn einer Beziehung. Die Begegnung und die Verführung haben sie schon hinter sich, auch die Szenen des Streits, gleich kommt die Versöhnung. Es ist die Freitagnacht der Feria.

Bodega bedeutet im Spanischen „Weinkeller“, in Nîmes hingegen eine improvisierte Kneipe an einem dafür mehr oder weniger geeigneten Ort, sei es ein Friseursalon oder die Eingangshalle eines Fünf-Sterne-Hotels. Die kleine Bodega Cal y Toros in einer Nebenstraße ist eigentlich ein Lagerraum und während der Feria das Hauptquartier der örtlichen Flamencoschule. Von einem Plakat an der Wand schaut das liebste Kind der Stadt mit großen Augen ins Gedränge: der Matador Nimeño II., dem 1989 von einem Miura-Stier die Halswirbel gebrochen wurden. Er hat sich in seiner Garage erhängt, als klar war, er würde nie wieder eine Muleta, das rote Tuch des Stierkämpfers, halten können.

Viviane wirft das blonde Haar zurück. Ihr Vater ist einer der zerlumpten Republikaner gewesen, die einst über die Pyrenäen nach Frankreich kamen. Ihretwegen werden heute in den Bodegas von Nîmes typisch spanische Spezialitäten wie Manzanilla, Tortilla und Chorizo angeboten, ihretwegen sind Zarzuela, Mojito, Corrida in dieser Region Südfrankreichs keine Fremdwörter.

Sonnabendnachmittag. Hinter den steinernen Bogengängen des besterhaltenen Amphitheaters der einstigen römischen Welt hört man Raunen, Stöhnen, Klatschen, Schreien. 1813 ließ Baron Rolland, Regierungspräsident des Gard, das verfallene Bauwerk restaurieren und machte es dem Publikum zugänglich, da „das Gefallen an Stierkämpfen in diesem Land furiose Formen annimmt, und kein besserer Platz dafür gefunden werden könnte als die Arena“.

Die Ränge sind dicht besetzt. Zuschauer hocken auf Mauervorsprüngen und lassen die Beine baumeln. Etwas weiter hinten, auf dem Schoß ihres Vaters, beobachtet die achtjährige Nuada das Ritual aus buntem Tuch, schwarzem Fell und rotem Blut mit kindlichem Ernst. Gegner dieses Schauspiels fordern, Minderjährigen den Zutritt zu verweigern. Aber vorerst wächst die Jugend von Nîmes mit dem Stierkampf so selbstverständlich auf wie mit dem Fußball.

In der Innenstadt ist derweil der Andrang so groß, dass die schmaleren Gassen unpassierbar geworden sind. Obwohl es bereits nach Mitternacht ist, sind alle Tische besetzt. In Zelten schaufeln Köche gelben Paellareis auf Plastikteller, in den Restaurants wird ein mit Stierblut angedickter Fleischeintopf, die Gardianne, serviert. Viele begnügen sich mit einem Kebab, der an vielen Ecken am Spieß dreht, und für die ganz dünnen Portemonnaies brät Selim vor seinem zum Festsaal umfunktionierten Spielsalon scharfe Würstchen, die er zu Dumpingpreisen mit einem Brocken Weißbrot und einer Dose Bier verkauft.

Die Bodegas sind ebenso gerammelt voll, die riesigen wie die winzigen, die improvisierten wie die, in die man nur mit Einladung an den Türstehern vorbei hineinkommt. Überall wird getanzt. Techno wummert neben sanften Tönen von Edith Piaf, Sauflieder mischen sich mit Flamenco, auf den Konzertpodien der Plätze produzieren sich Jonny Clegg, Superbus, Roultaboul et les Banaboo. Erst gegen vier Uhr dünnt die Menge langsam aus. Hier und da liegen Pärchen im Park auf dem Rasen. Hinter den Doppelglasfenstern der Hotels betten sich die Touristen. Die Bogengänge der Arena zeichnen sich vor dem Himmel ab, der hell werden will. Das Fest hält einen Augenblick inne.

Morgens steht die Arena in einem Kranz aus Müll. Auf den Hauptstraßen waten die wenigen Nachteulen durch einen Brei aus Plastikbechern, Wurstenden, Flaschenscherben, Dosen, Servietten, Sprühkonfetti, Prospekten, Brotrinden. In den Gassen der Altstadt ist es ruhig geworden, die Bodenfliesen sind klebrig wie Fliegenfänger.

Im Erste-Hilfe-Container auf der Avenué Fauchères ist nahezu Ruhe. Lediglich ein Mädchen mit einem Weinkrampf und ein Volltrunkener müssen noch versorgt werden. Frederic studiert Betriebswirtschaft in Arles, heute Nacht hat der freiwillige Helfer Pflaster geklebt, Kaffee verabreicht und Singles getröstet. Geduldig, freundlich, und vor allem: nüchtern.

Reinigungswägelchen kreiseln über Asphalt, Müllmänner schwingen Plastikbesen. Sie vollbringen ein Wunder: In drei Stunden wird alles sauber sein, als hätte nie ein Stummel auf der Straße gelegen. In drei Stunden, um neun, wenn die ersten Katergeplagten sich zu Croissants und Milchkaffee auf die Terrassen der Kneipen in die Sonne setzen.

Es ist Sonntagmorgen, und die Stadt ist bereit, sich noch einen Tag, noch eine lange Nacht in das festliche Chaos zu stürzen. Jérome sitzt auf einem Stuhl hinter der Absperrung auf der Esplanade Charles de Gaulle, die Jacke der Wachgesellschaft bis zum Hals zugeknöpft. Er hütet die Kabel und Scheinwerfer einer verlassenen Konzertbühne. Und er ist traurig. Weil Montag alles vorbei ist.

Jérome liebt Nîmes. Wegen Fanfonne, der heimischen Stierzüchterin. Wegen des kleinen Innenhofs seines Mietshauses, in dem eine Palme wächst. Wegen des Klimas, das schon die römischen Centurios lockte, sich hier niederzulassen und die Beute ihres Ägyptenfeldzuges in Weinstöcken anzulegen. Aber am meisten liebt er seine Stadt wegen ihrer Feria.

Natürlich hat sich das Fest in den fünfzig Jahren seines Bestehens geändert. Alle sagen es. Früher war’s familiärer, dörflicher, spanischer. Es waren weniger Touristen da. Die Stiere waren größer, der Pastis billiger. Aber das hat man vor dreißig Jahren wohl auch schon gesagt.

Dienstagmorgen. Alltag. Es wird wieder mehr gearbeitet, um mehr zu verdienen, wie es der kleine Präsident gesagt hat. Nîmes ist wieder eine gewöhnliche Kleinstadt. Auf den Straßen fahren Autos, ein Anzugträger kommt aus der Sparkasse, eine Großmutter im Park wartet, dass ihr Hund sein Geschäft erledigt. Die Arena steht an ihrem Platz, als sei nichts passiert. Während Techniker anfangen, die Bühne abzubauen, macht auch Jérome Schluss. „Das war’s“, sagt er. „Aber ein Jahr geht schnell rum. Ein bisschen Geduld. Bis zur nächsten Feria...“

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