Frankreich : Wer die Nachtigall stört

Während einer Flussfahrt auf den Loire-Kanälen geht es ruhig zu. Kein Handy, kein Geplapper. Der Charme eines kleinen Schiffs.

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Foto: Inge Ahrens
Saubere Sache. Tausendsassa Richard kümmert sich auch um den Bordpool.

Knackfrisch ist der Morgen, glasklar der Himmel. Das Wasser des Canal de Briare im Burgund ist spiegelglatt, und zwischen den am Ufer Spalier stehenden Platanen zittern wie fröstelnd milchgelb die Himmelsschlüssel im Wind. Unser Reiseführer Jonathan springt an Bord der „Amaryllis“, ein Bündel Baguettes unterm Arm. Kapitän Stephan und Deckhand Richard sind längst dabei, alles zum Ablegen klar zu machen. Aus der Küche hört man die Hostessen Sarah und Emely mit dem Frühstücksgeschirr klappern.

Flieder. Kirschblüten. Glockenblumen und Magnolien. Eine kleine Reise längs der Loire auf ihren Kanälen wollen wir machen. Denn die Loire selbst, deren Wasserstand im Rhythmus der Jahreszeiten steigt und fällt, kann man gar nicht so einfach befahren. Der Fluss atmet gewissermaßen, und besonders im Frühjahr würden größere Boote unweigerlich auf eine der Sandbänke auflaufen. So hat man dem längsten aller französischen Flüsse Kanäle zur Seite gegraben. Vom Ende des 19. Jahrhunderts stammen auch die Péniches genannten Flussschiffe, die millimetergenau in die vielen Schleusen passen, in die wir die nächsten Tage ein- und auf anderer Ebene wieder auschecken werden.

Zu faul zum Gehen, keine Lust aufs Auto? Was kann es Besänftigenderes geben, als mit gerade mal fünf Stundenkilometern durch die Landschaft geschoben zu werden? Rapsfelder am Horizont. Ein winkender Mensch am Gartenzaun. Neugierige Limousinrinder und wiehernde Pferde laufen ein Stück mit uns mit. Radfahrer auf dem Weg am Kanal überholen uns locker. Wir sitzen im Sessel, liegen auf dem Sofa und lassen die heile Welt vorüberziehen. Und auch den wiederholten Regenguss. Die vielen Himmelsschlüssel, bei uns wie in Frankreich ein Symbol für die Öffnung des Himmels, nehmen es anscheinend allzu genau.

Kein Problem. Das Handy ist aus, das Notebook zu Hause und der körperwarme Pool am Bug auch im Regen ein Vergnügen. Drinnen warten köstliche Häppchen, die Küchenchef Marcelo zaubert. Es wärmt der Champagner. Tee darf es auch sein. Wer mit einer der fünf nostalgischen Binnenschiffe der Afloat-Flotte reist, muss sich um gar nichts kümmern. Man ist sehr privat, denn je nach Schiff haben bis zu zwölf Gäste Platz. Die werden umsorgt und fein bekocht, schlafen in herrlichen Betten und werden auch noch dem einen oder anderen Ereignis zugeführt. Manche Boote kann man chartern, in andere mietet man sich ein wie in einem Hotel. Gemächlich ziehen sie durch Burgund, das Rhônetal, die Provence, die Camargue oder das Languedoc. Rundumversorgt kann man so von April bis Oktober Frankreichs Schätze kennenlernen und es vor allem langsam angehen lassen.

Dinieren in einem Sterne-Restaurant? Eine Weinprobe in einem ausgezeichneten Weinkeller? Ein Schlösschen anschauen am Wegesrand? Oder nur ein wenig radeln am Kanal, eine Ortsbesichtigung vielleicht. Die Gäste bestimmen. All inclusive! Genauso wie Lunch und Abendmenüs, zu denen die besten Weine der Region gereicht werden. Marcelo Henriquez, der chilenische Küchenchef, ist ein Meister seines Fachs. Küchensterne außerhalb der „Amaryllis“? Unnötig.

Morgens erwachen wir am stillen Kai. Brot und Kaffee duften. Wir sitzen im lichtdurchfluteten Raum am Frühstückstisch und spüren das Ablegen kaum, brächte nicht das leise Rangieren mit gedrosseltem Motor ein leichtes Beben. Draußen am Bug steht Richard im peitschenden Regenschauer. Dann reißt der Himmel wieder auf und taucht die knospenden Bäume am Ufer in Phosphorgrün. Von Rogny fahren wir südwärts, bei Sancerre folgen wir dem Canal Latéral à la Loire und überwinden Schleuse um Schleuse, bis wir bei Digion von einer Kanalbrücke herab auf die Loire runterschauen und dann in den Canal du Centre einbiegen.

Längst haben wir aufgehört zu zählen, wie viele Schafe wir sahen, Reiher und Eichkätzchen, die Schleusen – perdu. Die Prozedur ist immer die gleiche. Sehr vorsichtig hineinfahren. Hinten Kapitän Stephan am Ruder, vorn kümmert sich Richard um die Tampen. Nur eine Handbreit Wasser dümpelt rechts und links von der „Amaryllis“. Vorn rauscht es wie ein Wasserfall vom Schleusentor runter. Je nach Wasserbecken kann es zehn Minuten oder länger dauern, bis die Wanne voll, die Staustufe erreicht ist. An den Fenstern des Schiffes ziehen moosige triefende Steine vorbei, aus denen Farn und winzige weiße Blüten sprießen. Richard hat den Tampen mit einem langen Haken dem Schleusenwärter gereicht. Dann sind wir oben, und das Schleusenwärterhäuschen taucht auf, mit ihm der Blumengarten samt Boulebahn im Gemüsebeet.

Idylle pur. Völlig unspektakulär. Bei so viel Grün erholen selbst die Augen sich. Wir wickeln uns in eine Decke und setzen uns draußen hin. Fahrtwind gibt es ja kaum, aber die Fliederbüsche können wir riechen, den Raps, und die fliegenden Pappelsamen kitzeln die Nase. Entspannung. Der Rücken gibt nach, und auch andere Verkrampfungen verflüchtigen sich.

Das Leben als ein einziger langsamer Fluss. Geht doch! Telefonieren? Bloß nicht. Und nicht so viel plappern. Auch bitte keine alles untermalende Musikberieselung. Wir hören den Nachtigallen zu. Deren Männchen sollen ja bis zu 250 Melodien draufhaben, um eine Partnerin ins Nest zu locken. Tags und auch nachts singen sie und geben nicht auf. Himmlisch. Und regnen tut es auch nicht mehr. Wir sind jetzt ganz verzaubert im französischen Frühling. Champagner, bitte!

Schiffe von Afloat in France im Charter von Orient Express auf verschiedenen Routen. Beispiel „Amaryllis“ mit vier Doppelkabinen: von Dijon nach St. Leger am 15. Juli 7 Tage/6 Nächte, 7300 Euro pro Person. Mehr im Internet unter orient-ex press.com und afloatinfrance.com

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