Freiberg : Das Rätsel der goldenen Buchstaben

Fein herausgeputzt, wie es sich gehört: Das sächsische Freiberg feiert seinen 850. Geburtstag.

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Ein Brunnen für Otto. 1897 wurde er auf dem Obermarkt in Freiberg eingeweiht – seither ein beliebter Treffpunkt im Zentrum.
Ein Brunnen für Otto. 1897 wurde er auf dem Obermarkt in Freiberg eingeweiht – seither ein beliebter Treffpunkt im Zentrum.Foto: picture alliance / ZB

Ein Besuch im sächsischen Freiberg sollte nicht in der „Stadtwirtschaft“ beginnen. Zu groß ist die Gefahr, dort hängen zu bleiben. In dem Gasthaus an der Burgstraße gibt’s böhmische Speisen und Getränke, gelassen serviert in mitteleuropäischer Gemütlichkeit, ein bisschen Kneipenkitsch hier und viel hölzernes Mobiliar dort. Auf Kreidetafeln ist die Ausschankgeschwindigkeit der einzelnen Biersorten notiert, kann also stündlich korrigiert werden wie der Spritpreis an der Tankstelle.

Es gibt, jenseits der „Stadtwirtschaft“, in Freiberg/Sachsen das eine oder andere zu sehen. Zum Beispiel auf dem Obermarkt, der wohl zu Recht als einer der ausladendsten und ansehnlichsten Marktplätze weit und breit gepriesen wird, wenn da nicht die öde Absperrung wäre, welche die Parkplätze umzingelt. Die Kids stört das nicht; sie klettern auf den bronzenen Löwen am Denkmal Ottos des Reichen herum. Diesen Beinamen hatte der Markgraf spätestens weg, nachdem er erfolgreich nach Silber schürfen und in der Nähe der Bergwerke Freiberg gründen ließ. 850 Jahre ist das her und wird das ganze Jahr über als Stadtjubiläum gefeiert. Vielleicht auch, um uns Besuchern zu zeigen: Wir können nicht nur Weihnachtsmarkt und Räuchermännchen.

Als wolle das Gemeinwesen an den Reichtum anknüpfen, hat sich Freiberg im Zentrum herausgeputzt. Auf dem Weg zum Untermarkt spazieren wir an grellweiß getünchten Bürgerhäusern vorbei, viele schmal und unter hochaufragenden roten Dächern, in denen sich drei, vier Reihen von Dachgeschossen quetschen. Manche sind von Ziegeln so eingefasst, dass sie wie Augenpaare wirken, die hinter halb geschlossenen Lidern schläfrig auf den Ort da unten blicken, der sich gerne Silberstadt nennt.

Die Silberstadt könnte auch auf „Erkerstadt“ hören. An vielen Ecken und vor vielen Fassaden sind sie angebracht, mal schmucklos und mal so prächtig wie ein Renaissance-Erker unweit des Obermarktes, der „Schöne Erker“. Solche Anbauten waren in Freibergs Gründerzeit der Ausweis von Wohlstand und Aufstieg; wer von Adel war oder Silberschätze hütete, ließ sich ein Zusatzkämmerlein vor die Fassade flanschen, um von dort aus den Stadtbürgern beim Krepeln zuzugucken. Auch daran hat sich, theoretisch, bis heute nichts geändert. Unter dem Prachterker bietet eine holländische Ladenkette Billigsttextilien an.

Vor der Petrikirche sitzen sonnenhungrige Damen auf der Ruhebank. Wahrscheinlich schwänzen sie den Aufstieg in den Kirchturm, vielleicht sogar eine Besichtigung des Kircheninneren, in dem es protestantisch-schmucklos zugeht, bis auf die Barockkanzel und eine Interpretation des Gekreuzigten, die – ungewollt komisch – an einen Außerirdischen mit Doppeldecker erinnert. Vor Sankt Petri ist die Gaststätte Ex-Petri, zu der es die Kolleginnen und Kollegen vom Dezernat Stadtentwicklung nur ein paar Fußsekunden haben, weil sie im gleichen Haus arbeiten.

Stadtbesucher, die ihre quengelnden Kinder zur Ruhe bringen wollen, sollten sich mit ihnen vor dem Haus Petersstraße 46 aufbauen und die 98 goldenen Buchstaben in die richtige Reihenfolge bringen, die dort auf einer Gedenktafel seit 1579 in einem geheimnisvollen Durcheinander stehen. Die Kryptografie ist, so viel kann hier verraten werden, frommen Ursprungs und hat mit der Verehrung des Hauseigentümers für Martin Luther zu tun, dessen Lehre etwa 1586 zur offiziellen Konfession in Freiberg erhoben wurde.

Einer seiner Nachfolger, der amtierende Dompfarrer von Freiberg, predigt sonntags in durchaus lutherischer Manier – mosert wortreich über allzu weltliche Tendenzen im aktuellen Protestantismus oder erzählt, wie er damals in Leipzig kein Kind von Traurigkeit war. Hörenswert, selbst für jene Besucher, die nicht der Frömmigkeit halber den Weg in den Freiberger Dom gefunden haben, sondern um Silbermann-Orgeln, Bergmanns- und die Tulpenkanzel zu erleben.

Bis zum Dom sind es nur ein paar hundert Meter – aber links und rechts der wenigen Straßen durchziehen zahlreiche schmale Gassen die Altstadt, wo sich halbwüchsige Liebespaare kichernd in den Schatten klemmen. Typisch ist die Kaufhausgasse – ein Kopfsteinweg, zu beiden Seiten von vielleicht armbreiten Trottoirs vor den mittelalterlichen Handwerkshäusern gesäumt, krümmt sich kaum merklich aufwärts und scheint sich zu verjüngen, bis Sonnenlicht dort durchbricht, wo die Gasse in die Akademiestraße mündet.

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