Reise : Für Hellas-Urlauber: Wie Griechenland funktioniert

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Ursula Spindler-Niros: Mein Blick auf Griechenland. Kontraste in einem bemerkenswerten Land.
Ursula Spindler-Niros: Mein Blick auf Griechenland. Kontraste in einem bemerkenswerten Land.Foto: promo

Die Griechen sagen „Ti na kánoume“, wenn wieder mal was schiefläuft. „Ti na kánoume?“ ist auch zum geflügelten Wort in der Krise geworden: „Was können wir da machen?“ Es ist eine Mischung aus Lethargie und Gelassenheit und die Redewendung zählt zum Grundwortschatz der Griechen.

Solche Sprachschnipsel streut Ursula Spindler-Niros in ihren griechischen Impressionen immer wieder ein. Die Autorin lebt seit über dreißig Jahren in Griechenland und hat nun ihre gesammelten Erfahrungen und Beobachtungen in einem abwechslungsreichen Feuilletonband veröffentlicht. „Mein Blick auf Griechenland“ nennt sie ihr Buch und stellt dabei „Kontraste in einem bemerkenswerten Land“ fest, so der Untertitel. Und sie meint damit nicht nur den scharfen Kontrast von Licht und Schatten im Sommer, sondern auch einige Paradoxien im Charakter und der Lebensweise der Hellenen.

„Maßgebliche statistische Untersuchungen“ besagen, schreibt die Autorin, dass die Griechen von allen Völkern in Europa am wenigsten schlafen und am meisten arbeiten. „Von südländischer Trägheit keine Rede.“ Denn auf dem Land sind nach dem Gelderwerb noch Felder zu versorgen – und jeder Grieche auf dem Land hat irgendwo ein Stück Acker. Viele kommen überhaupt nur mit mehreren Jobs über die Runden. Aber die Päuschen zwischendrin und der Mittagsschlaf, die werden von Nordeuropäern neidisch registriert.

Weltweit sind Griechen die eifrigsten Zigarettenraucher – und leben dabei im Schnitt erstaunlich lange. Das Lachen, die Spontaneität, die Improvisationskunst, der Müßiggang – Griechenland ist ein sonniges Land, keine Frage. Der viele Sonnenschein wärmt die Gemüter und macht sie herzlich und lebensfroh. Doch mitten im Sommer, am Ende der Sommerferien, wünscht sich das sonnenverwöhnte Volk bereits „kaló chimóna“, einen guten Winter also.

Die Autorin unternimmt Stadtspaziergänge in Athen, lässt sich treiben, beobachtet, spricht mit den Menschen, verrät ihre Lieblings-Ouzeri. Wie nebenbei erklärt sie ein paar Geschichtsdaten, macht auf Traditionen aufmerksam, erzählt von Sitten und Bräuchen im Alltag und auf Festen, vom Essen und Trinken und gibt immer wieder ein paar griechische Worte zum Lernen nebenbei.

Gesellschaftskritisch sind diese harmlosen Feuilletons nicht, obwohl auch die Krise und die Veränderungen im Land immer mal wieder erwähnt werden. Die Steuerhinterziehung als Volkssport aber spielt Spindler-Niros herunter, Korruption und Klientelsystem kommen gar nicht vor. Die Nazis Griechenlands sollte die Autorin ruhig als Nazis bezeichnen (und nicht verharmlosend als „rechtsradikale Partei Chryssi Avgi“).

Es ist ein mit vielen farbigen Fotos angereichertes Lesebuch mit kurzen, knappen Texten, die selten länger als eine Seite sind. Kein Reiseführer liegt vor, aber ein Kaleidoskop aus persönlicher Sicht. Urlauber werden es mögen.

Stefan Berkholz

Ursula Spindler-Niros: Mein Blick auf Griechenland. Kontraste in einem bemerkenswerten Land. Verlag der Griechenland Zeitung, Athen 2012. 175 Seiten, 24,90 Euro

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