Gebrauchsanweisungen : Katalanische Marotten Barcelona und mehr

Die Künstler Dalí, Miró, Gaudí und der Koch Ferran Adrià sind hierzulande hinlänglich bekannt. Aber wer weiß schon etwas über das Land, aus dem sie stammen?

Marlies Gilsa

Wer weiß, dass in Katalonien Sardana getanzt wird, dass hier der Welttag des Buches und die Crème brûlée erfunden wurden? Allein mit dem Begriff „Katalonien“ können viele nichts anfangen. Deshalb ist es gut, dass der Piper Verlag eine „Gebrauchsanweisung für Katalonien“ (12, 90 Euro) herausgegeben hat, die über das Land zwischen Pyrenäen und Ebro-Delta, seine Bewohner, Kultur und Küche aufklärt. Und das in ausgesprochen unterhaltsamer Weise. Denn Autor Michael Ebmeyer, der in Berlin für die Musikgruppe „Fön“ textet, kennt sich nicht nur gut aus mit Geschichte, Politik und Musik der Region, die sich sowohl für schwermütige Havaneras-Gesänge als auch fröhliche Rumba erwärmen kann, er versteht es auch, die Marotten der Katalanen lebensnah und nicht ganz unkritisch zu schildern.

Wer noch genauer wissen will, warum Katalonien heute als selbstbewusste spanische Region auf seine eigene Sprache und politische Autonomie pocht, dem sei die „Kleine Geschichte Kataloniens“ empfohlen, die im Beck Verlag (12,95 Euro) erschienen ist. Auf rund 240 Seiten spannt Carlos Collado Seidel, Dozent für Neuere Geschichte in Marburg, den Bogen von der Antike bis in die aktuelle Gegenwart, wobei es sich eher um eine große Geschichte Kataloniens handelt, die ob der Fülle an Details schon wirkliches Geschichtsinteresse voraussetzt.

Zunächst geht es um die Entwicklung der mittelalterlichen Grafschaft von Barcelona zum katalanisch-aragonesischen Seereich, das sich zeitweise über die Balearen, Südfrankreich, Sardinien und Neapel erstreckt. In der frühen Neuzeit weist das erstarkende Königreich Spanien die Großmacht dann immer weiter in ihre Schranken. Der Machtverlust gipfelt in der Kapitulation Barcelonas am 11. September 1714, der so genannten Diada, die noch heute katalanischer Nationalfeiertag ist. „Wenngleich Katalonien im Jahr 1716 schließlich jegliches politisches Eigengewicht verlor, blieb ein starkes kulturelles Selbstverständnis erhalten, das vor allem auf dem Katalanischen als gemeinsamer Sprache basierte“, resümiert Collado Seidel. Er beschreibt das Wiedererwachen des katalanischen Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert, die Ausrufung eines eigenen Staates im Jahr 1933, den folgenden Spanischen Bürgerkrieg und das Franco-Regime, das alle Unabhängigkeitsbestrebungen wieder zunichte machte. Erst mit dem Autonomiestatut wird Katalonien 1979 wieder eine politische Eigenständigkeit und der offizielle Gebrauch der katalanischen Sprache zugestanden.

Das hat auch die katalanische Literatur beflügelt, die heute eine ungeahnte Blüte erlebt. Dabei fällt auf, dass viele Autoren nicht nur in Barcelona leben, sondern sich auch mehr oder weniger intensiv mit der Stadt auseinander setzen. Auf ihre Spuren führen die gerade erschienenen „Literarischen Streifzüge“ des Verlags Artemis & Winkler: Eingeteilt nach Stadtteilen beschreibt die Autorin Ulrike Fokken die Schauplätze der Romane von Vázquez Montalbán, Eduardo Mendoza, Mercè Rodoreda, aber auch von Miguel de Cervantes´ „Don Quijote“, dessen zweiter Teil hier teilweise spielt. So viel man bei der Lektüre über die katalanisch- und spanischsprachigen Schriftsteller und die Stadt erfährt– Auswahl und Darstellung sind nicht immer überzeugend. Während einige der gerade in Deutschland publizierten Autoren wie Carme Riera, Maria Barbal oder Andreu Martín unerwähnt bleiben, werden zwei der insgesamt zehn Kapitel ausgerechnet Dalí und Walter Benjamin gewidmet, die weder über Barcelona geschrieben noch sonst etwas mit der Stadt zu tun haben. Davon abgesehen, dass die katalanische Schreibweise nicht immer korrekt ist, wirken auch die Mottos über den einzelnen Abschnitten wie „Revolutionär“, „Universell“ oder „Heimatlos“ etwas gewollt und kontrastieren mit den ansonsten informativen Streifzügen durch die Stadt- und Literaturgeschichte.

Ulrike Fokken: Barcelona. Literarische Streifzüge, Verlag Artemis & Winkler 2007, 190 Seiten, 19,90 Euro

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