Reise : Genuss mit 20 PS

Stilvoll unterwegs: mit einer Motorkutsche durch die Fränkische Schweiz

Axel Scheibe

Vorsichtig den Fuß vom Gas! Unsere Geschwindigkeit nähert sich null. Ganz gemächlich – die effektive Motorbremse des starken 20-PS-Dieselmotors tut ihr Übriges – rollen wir die steile Straße ins Tal hinab. Hoch oben vom Berg grüßt die Burg Pottenstein, unten schlängelt sich der urige Fachwerkort am Flüsschen entlang. Nach der holprigen Fahrt über Feld- und Waldwege genießen wir die Teerstraße. Nicht ganz so genussvoll sieht es sicher der eine oder andere Autofahrer, der sich in die Schlange hinter uns einordnen musste. Die meisten jedoch, die überholen, winken lachend zu uns herauf.

Wir sitzen in einem Aaglander Mylord und sind damit die absolute Attraktion auf den Straßen und Wegen in der Fränkischen Schweiz. Vorn auf dem Kutschersitz halte ich die „starren Zügel“ des so historisch wirkenden Neuwagens fest in der Hand. Hinten im Fond haben es sich meine „Herrschaften“ bequem gemacht. Der Luxus der Langsamkeit ist es, der uns an diesem Sommertag ins Fränkische gezogen hat. In der Aagland-Manufaktur, im aufwendig und liebevoll restaurierten Schloss Kühlenfels, soll man sich Motorkutschen ausleihen können, so hatten wir gehört. Nun sitzen wir seit einer Stunde selbst in einem solchen Gefährt. Die Beschläge und Verzierungen glitzern in der Sonne. Besonders die beiden goldenen Pferde, die die Originale ersetzen, haben es uns angetan.

Für den geschäftsführenden Gesellschafter Roland Belz, der gleichzeitig Schlossherr ist und sein Geld abseits der Manufaktur im Recyclingbereich und an der Börse verdient, war es ein völlig neues Geschäftsfeld. „Als Pferdenarr und begeisterter Gespannfahrer erlebe ich in meiner knappen Freizeit oft den Luxus der Langsamkeit“, sagt der gebürtige Schwabe. „Ich schöpfe Kraft bei idyllischen Kutschfahrten durch die Fränkische Schweiz. Doch bis man ein Pferdegespann sicher führen kann, vergehen Jahre.“ Grund genug für ihn, eine Alternative zu suchen. Eine Kutsche, die jeder Führerscheinbesitzer selbst durch die Landschaft steuern kann.

Inspiriert wurden er und sein Team von einem Duc, einer historischen Kutsche, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts als eigenständiges Modell aus dem Wagentyp des „Cabriolet a la Domont“ entwickelt hat. Der Duc hat zwei Sitzplätze und ist ein typischer Sommerwagen. Neben dem Duc entstand der Mylord mit vier Plätzen. Eine hochherrschaftliche Kutsche seiner Zeit, die, natürlich, von einem Kutscher gelenkt wurde.

Neben dem perfekten Aussehen mit zahllosen netten Details, für die eigens ein Goldschmied zum Aaglander Team gehört, überrascht das Gefährt seinen Kutscher mit einer Lenkung aus „starren Zügeln“, einem Dieselmotor ohne Gänge und einem Kutschfahrtgefühl, dem eigentlich nur die munteren Pferdchen fehlen. Eine Proberunde reicht, und schon kann es auf Tour gehen. Da die Aaglander bevorzugt für den Einsatz abseits der Straßen gedacht sind, findet, gut getarnt, ein GPS-System die richtigen Wege. So bleibt den Insassen Zeit und Muße, das unbeschreibliche Fahrgefühl zu genießen. Ist man in Städten oder gar touristischen Zentren unterwegs, muss man freilich damit leben, ganz im Mittelpunkt des Interesses zu stehen.

Unten im Tal zuckeln wir mit rasanten zehn Stundenkilometern durch die engen Straßen am Fuße der Burg. Problemlos gehorcht die Kutsche meinen sanften Zügelbewegungen. Auf glattem Asphalt merkt man kaum, dass das seltsame Gefährt stilecht auf Hartgummirädern unterwegs ist. Hinter dem Ort müssen unsere Diesel-Pferdchen zeigen, was in ihnen steckt. Steil geht es den Berg hinauf. Solange der Untergrund griffig ist, kein Problem. Durch die extreme Untersetzung des Motors kommen an der Hinterachse Drehmomente an, von denen jeder Geländewagen nur träumen kann.

Nur vor Rasen unter den Rädern sollen wir uns hüten, hat uns Roland Belz bei der Einweisung noch mit auf den Weg gegeben. Die extrem schmalen Vollgummiräder haben ja kein Profil. Da wird eine Grasfahrt zur Rutschpartie. Wir halten uns tunlichst daran, damit die feinen Herrschaften Fond ihre weiche Sitzbank nicht verlassen und schieben müssen. Das Gefährt wiegt schließlich über eine Tonne. Mal abgesehen davon, dass man auf holprigen Waldwegen die Zügel ab und an fest in die Hand nehmen muss, fährt sich der Aaglander einfacher als ein Kinderwagen. Das Automatikgetriebe kennt nur zwei Gänge. Die Blinkertasten befinden sich am Fußraum, und auch die sonore Hupe gilt es mit dem Fuß zu betätigen.

Freilich verbirgt sich hinter dem historischen Flair modernste Technik. Da ist zum Beispiel eine hydraulische Bremsanlage mit vier Scheibenbremsen, die hydraulisch unterstützte Zahnstangenlenkung mit den starren „Aaglander-Leinen“ und ein Drei-Zylinder-Dieselmotor mit 900 Kubikzentimeter Hubraum, der die Motorkutsche auf bis zu 20 Kilometer in der Stunde beschleunigt.

Sämtliche Bauteile entsprechen den EU-Richtlinien für Pkw. Trotzdem verwundert es kaum, dass der Tüv bei einer ersten Inspektion des Aaglanders mächtig ins Schwitzen kam. Eine Kategorie Motorkutsche gibt es in Deutschland nicht. Doch Roland Belz hat die Sachwalter deutscher Gründlichkeit von den Qualitäten seiner Schöpfung überzeugt. Die Kutschen erhielten eine Straßenzulassung und dürfen seither als „offene Pkw“ durch den Verkehr gelenkt werden.

Rund sechs Stunden und 30 Kilometer später senkt sich nicht nur die Sonne zum Horizont, sondern geht auch unser Abenteuer zu Ende. Vor dem Schlosstor erwartet uns Roland Belz. Schmunzelnd nimmt er unsere Schwärmereien zur Kenntnis. Das kennt er schon. Mittlerweile gehören zwölf Aaglander zum Fuhrpark der Manufaktur, und weitere rollen mit Gästen rund um Rothenburg ob der Tauber. Zwischen zwei und zwölf Stunden dauern die Touren. Doch auch mehrtägige Ausflüge können gebucht werden.

Bevor wir uns wieder in unser etwas schnelleres Gefährt setzen, das im Gegensatz zum Aaglander aber wahrlich kein Neuwagen mehr ist, und die Heimfahrt antreten, gewährt uns der Schlossherr noch einen Blick in den „Kreißsaal“ seiner vierrädrigen Lieblinge.

Die Aaglander entstehen in reiner Handarbeit in einem ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Schlosses. „Und daran wird sich nichts ändern“, sagt Roland Belz, „aber langsam erreichen wir eine Kleinserienfertigung.“ Es gebe schon so manches Luxushotel, das sein Ambiente dadurch komplettieren möchte. Private Interessenten waren auch da, aber sie sind rar. 85 000 Euro sind ein stolzer Preis für den Genuss der Langsamkeit.

Informationen: Aagland-Manufaktur, Schloss Kühlenfels, 91278 Pottenstein, Telefonnummer: 092 43 / 92 49 90, im Internet: www.aagland-manufaktur.de

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