Geschichte : Aufgewachsen in der DDR

Als der Befreiungskampf eskalierte, wurden 430 namibische Kinder mit ihren Lehrern und Erziehern in Sicherheit gebracht.

Rolf Brockschmidt
Hishoono
Naita Hishoono arbeitet heute für das Namibia Institute for Democracy (NID). -Foto: Thilo Rückeis

„Die Geschichte kann doch auch ein gutes Ende haben. Ich bin als Ex-DDR-Kind nach Namibia zurückgekehrt und sitze nun im Berliner Abgeordnetenhaus, das sich vor dem Mauerfall im Ostteil der Stadt befand und spreche über die Städtepartnerschaft Berlin – Windhoek. Der Kreis schließt sich. Es hat sich doch gelohnt, in der DDR aufgewachsen zu sein“, sagt Naita Hishoono vom Namibia Institute for Democracy mit einem zufriedenen Lächeln. Wer hätte das gedacht?

1978 lebte Naita Hishoono als Kind in Cassinga, einem Flüchtlingslager in Angola, in das tausende von Namibiern vor den Soldaten des Apartheidregimes in Südafrika geflohen waren, die Namibia de facto besetzt hatten. Von Angola aus führte die Swapo, die marxistische Befreiungsbewegung Namibias, ihren bewaffneten Kampf gegen die Südafrikaner in Namibia. Als die südafrikanische Luftwaffe am 4. Mai 1978 das Flüchtlingslager Cassinga bombardierte, beschloss die Swapo ohne große Umschweife, die Kinder mit ein paar Lehrern und Erziehern in Flugzeuge zu stecken und zum Beispiel in die DDR in Sicherheit zu bringen, wo sie als künftige Kader und Kämpfer ausgebildet werden sollten. Insgesamt 430 Kinder kamen so in die DDR. „Auf Schloss Bellin bei Berlin hatten wir unsere ersten Aha-Erlebnisse. Wir sahen den ersten Schnee und dachten, dass es Zucker sei. Wir hatten daran geleckt, aber es war eiskalt und nass.“ Die Kinder vermissten ihre Eltern, aber sie lernten schnell Deutsch und gewöhnten sich an ihre neue Umgebung. Die DDR hatte dort für die Swapo ein Kinderheim eingerichtet, in dem bis zu 400 Kinder untergebracht waren.

„Wir waren Jungpioniere und Thälmannpioniere, wir hatten die gleiche Ausbildung wie die DDR-Kinder. Und ein bisschen mehr. Montags standen Schießen und Geländeübungen auf dem Stundenplan, dienstags lernten wir kochen und Haare flechten, mittwochs sangen wir namibische Lieder, donnerstags tanzten wir in den Farben Blau, Rot, Grün – den Farben unserer Fahne. Freitags war wieder Singen angesagt, samstags mussten wir unser Zimmer aufräumen und alles im Schrank ganz exakt hinlegen – mein Schrank sieht heute noch so aus. Sonntags gab es Gruppensport und endlich konnten wir uns ausruhen.“ Montag- abend bekamen sie noch Unterricht in Oshivambo, ihrer Muttersprache, „aber wir entwickelten das Oshi-Deutsch, eine Mischsprache.“ Dennoch haben die Kinder schnell Deutsch gelernt, sind im Dorf Zehna zur Schule gegangen: „Ich erinnere mich noch an Frau Kalthofen, eine strenge, aber gute Lehrerin mit einer sehr schönen Schrift“. Sie sind viel gewandert. „Wir waren gestählt und in den Ferienlagern besser als die Deutschen, der Drill machte sich bemerkbar.“ In der Schule blieben die Namibier unter sich, aber sie hatten auch den Kontakt und Bezug zur Heimat mehr und mehr verloren. „Mit zwölf Jahren dachte ich, ich will nicht in den Krieg, das ist der Krieg meiner Eltern. Wir wuchsen auf wie DDR-Teenager.“

Im Laufe der Zeit haben die Kinder auch mitbekommen, dass es so etwas wie den „Westen“ gibt. „Wir kannten Intershops, Westbonbons, und wir haben natürlich heimlich gerne Westfernsehen geschaut. Toll war auch die NDR-Hitparade – ich erinnere mich noch an den Slogan ,das Beste vom Norden‘“. Im Sommer 1989 merken die Jugendlichen, dass plötzlich Erzieher fehlen, Staatsbürgerkunde ausfällt, Herr Schalck mit Waffen handelt. „Vor allem fragten wir uns: Warum laufen die alle weg? Wir haben doch das bessere System? Wir dachten, alle leben so in der DDR wie wir – aber das war ein Irrtum.“

Naita Hishoono erlebte die Wende als spannende Zeit „Wir waren mittendrin und wussten nicht, was kommt.“ Als sie dann im Radio hörte, dass Deutsche von den ehemaligen Kolonien erzählen und dann auch ein Stein durchs Fenster fliegt, verändert sich die Situation. „Plötzlich waren wir die ,Privilegierten‘, aber das haben wir erst später richtig verstanden.“ Als die D-Mark kam, kaufte Hishoono sich als Erstes eine Milchschnitte. „Und dann kam der Rias und wollte uns interviewen. Für uns war das ein Propagandasender. Meine Schwester hatte von uns den Spitznamen Rias bekommen, weil sie so viel Stuss redete,“ erzählt Naita Hishoono amüsiert. „Wir registrierten natürlich: Der Westen interessiert sich für uns. Das war cool.“

Und dann kommt der Schock. Als die Jugendlichen 1990 vom Sommerlager in Prerow heimkommen, eröffnet man ihnen, dass sie in zwei Wochen in die Heimat zurückkehren – Namibia war 1990 unabhängig geworden. „Ich war enttäuscht, weil ich die Schule nicht beenden konnte, aber fand es spannend, bewusst nach Afrika zurückzukehren. Doch wir hatten das Afrika-Bild der Deutschen. Wir träumten vom Dschungel und den Früchten, die wir vom Baum pflücken konnten. Aber als wir dann über Namibia flogen, und nur Sand und Sand sahen.…“

Naita und ihre Mitschüler waren dann die ersten schwarzen Kinder an einer deutschsprachigen Schule. „Wir waren wie die Kokosnuss, außen schwarz, innen weiß. Wir waren selbstbewusst und diskussionsfreudig.“ Das kam natürlich nicht überall gut an. Bis zu ihrem 20. Lebensjahr wollte sie eine Deutsche bleiben. Erst bei einem Studienaufenthalt in Österreich sei sie zur Namibierin geworden. „Als ich aus Österreich zurückkam, habe ich mich auf Namibia gefreut und 2000 konnte ich mein Land auf der Expo in Hannover vertreten.“

Heute arbeitet Naita Hishoono für das Namibia Institute for Democracy (NID), das die Koordination der Zivilgesellschaft in Namibia übernommen hat. Dafür ist sie mit ihren Erfahrungen gut gerüstet.

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