Reise : Geschichtsstunden am Kamin

Die Nachkommen einstiger Landlords in Irland lassen bitten: Logis und Gespräche im Herrenhaus

Beate Baum
Puppenstube für Erwachsene. Im „Enniscoe House“ schätzt man keine klaren Linien. Familie Kellett mag es gemütlich und reich dekoriert. Bis ins Jahr 1640 kann Landlady Susan Kellett ihren Stammbaum auf dem Grundstück zurückverfolgen. Auch irische Könige übernachteten einst an diesem Ort. Foto: promo
Puppenstube für Erwachsene. Im „Enniscoe House“ schätzt man keine klaren Linien. Familie Kellett mag es gemütlich und reich...

Die Fahrt von Dublin quer durch Irland in die westliche Grafschaft Roscommon zieht sich, und wir freuen uns auf ein Bier an der Hotelbar. Marguerite O’Conor-Nash, die zierliche, blonde Herrin des Hauses, bedauert mit einem feinen Lächeln: Eine Bar gibt es in Clonalis House nicht. Aber sie würde uns gern ein Bier in die Bibliothek bringen. Ob wir auch noch eine Kleinigkeit essen möchten?

„Die Bezeichnung ,Hotel‘ trifft es nicht“, erklärt Marguerite später vor dem lodernden Feuer, umgeben von alt und edel aussehenden Büchern. „Wir heißen Gäste in unseren privaten Häusern willkommen.“ Mit „wir“ meint sie die Besitzer von „Historic Private Houses“, die sich 1987 unter dem Titel „Hidden Ireland“ zusammengeschlossen haben – 33 in ganz Irland, von denen 13 die Nachkommen der ursprünglichen Landlords sind. Die dem Gast einen ganz persönlichen Bezug zum Land und seiner Geschichte geben können.

Wie in Clonalis House. Die Architektur inmitten der ausgedehnten Ländereien erinnert an ein Schloss. Die gigantischen Räume – allein unser Bad hat die Ausmaße eines durchschnittlichen deutschen Wohnzimmers – hinter den meterdicken Steinwänden bleiben auch im Sommer kühl. Im Winter dürfte die Heizung es nicht schaffen, sie zu erwärmen.

Das heutige Leben in solch einem Herrenhaus ist nicht einfach, die Unterhaltskosten sind immens. Natürlich mit ein Grund, Gäste aufzunehmen. „It helps to keep the roof on the top“, gesteht Marguerite ohne Umschweife ein. Sie lebt mit ihrem Mann Pyers und einem Collie im ehemaligen Dienstbotentrakt – in kleineren, niedrigeren Zimmern, besser geeignet für das Leben im 21. Jahrhundert. Wohin sie uns einladen, bei Tee und Scones teilzuhaben an einem typisch irischen Erlebnis: der TV-Übertragung eines Gaelic Football-Spiels.

Pyers O’Conor-Nash ist der Nachfahre des letzten High King Irlands, Turlough Mor O’Conor. Familienbesitz auf diesem Stück Land im Nirgendwo gibt es sogar noch länger: Seit etwa 2000 Jahren. Das jetzige Haus wurde 1878 errichtet. Mitten in der großen Hungersnot, die im Westen Irlands grausam wütete. „Wir haben Tagebücher in unserem Archiv, aus denen geht hervor, dass ab 1872 hier auf dem Gelände Essen verteilt wurde“, berichtet Pyers. Marguerite ergänzt: „Es gab nie hohe Mauern, um die Menschen draußen zu halten.“

Besonders stolz ist Pyers auf die katholische Geschichte seiner Ahnen, die „sich nie den Engländern angebiedert haben“.

Vor 29 Jahren kam er mit seiner Familie nach Clonalis; zuletzt hatte eine Tante von ihm dort allein und verarmt gelebt. Eigentlich wollte Pyers nur einige Monate nach dem Rechten sehen – schließlich hatte und hat er seinen Job als Banker in Galway – und ist heute sehr verbunden mit dem Gebäude und dem Park, den bewirtschafteten Weiden und Feldern ringsherum und der Historie, die Marguerite Touristen auch auf organisierten Führungen nahebringt: Den Krönungsstein – ein eher unauffälliger Brocken neben der hohen Eingangstür, die Lebensläufe der Generationen von O’Conors, deren Ölgemälde das Esszimmer schmücken. Das von Oliver Cromwell unterzeichnete Todesurteil in dem Ein-Raum-Museum, in dem die wichtigsten Bestände aus dem umfangreichen Privatarchiv irisch-katholischer Geschichte präsentiert werden.

„Warum wollen Sie das wissen?“ Die Art, wie der alte Herr fragt, lässt ahnen, dass wir ein Tabuthema berührt haben, als wir die Landlady von „Enniscoe House“, Susan Kellett, nach ihrer Konfession fragten. Wir sitzen nach einem erstaunlich guten Dinner – gekocht von Susans Sohn D. J. – gemeinsam am Kamin: der alte Herr mit seinem Sohn, die Anwälte aus Dublin (sie werden am nächsten Tag angeln gehen), das Ehepaar aus dem Donegal – Hotelbesitzer, die sich an ihrem Hochzeitstag selbst bewirten lassen wollten – sowie das kanadische Paar mittleren Alters, das im angrenzenden Ahnenforschungszentrum auf der Suche nach irischen Wurzeln gehen will, sowie Susan. Und die Iren sind sich einig, dass man andere Menschen nicht nach der Religionszugehörigkeit fragt.

Enniscoe House liegt in Mayo, jenem abgelegenen Teil Irlands, für den Heinrich Böll in den fünfziger Jahren die deutsche Blaupause erstellt hat. Es ist das letzte noch erhaltene Herrenhaus in der Grafschaft. Susan ist in der Nähe des Besitzes aufgewachsen, Enniscoe wurde von einer Cousine ihres Vaters bewohnt. Wenn sie als Kind zu Besuch war, habe sie es stets als sehr streng, aber auch magisch empfunden, erzählt sie. Dennoch lockte in den 60ern zunächst die Welt: Das Studium in Dublin, die Arbeit als Sozialarbeiterin in Birmingham und London. Susan ist eher Intellektuelle als „Herrin zwei“, ihre Erleichterung ist hörbar, wenn sie berichtet, dass die Familie zu Zeiten der Hungersnot selbst bankrott war und keine Pächter vertrieben wurden.

Wir sprechen über Recht und Unrecht und wer in Irland welche Macht hatte. Der alte Herr hat uns unseren indiskreten Vorstoß vergeben und beteiligt sich an der Schilderung dessen, wie das Haus 1978 aussah, als Susan in die Heimat zurückkehrte. Schließlich war er damals einer der ersten Gäste. Mayos Seen sind gute Angelgründe. Forelle und Lachs gibt’s direkt vor der Haustür im Lough Conn.

In der Umgebung sind auch Schnepfen zu Hause. Das Kamingespräch hat sich dem Thema Jagd zugewandt. Komplett unsentimental wird über die „Shooting parties“ im Herbst geredet, als Jagdgesellschaften, die auch gelegentlich etwas ausarten können. Vorsichtig geworden, halten wir uns zurück, hüten uns, das blutige Hobby und andere ungewohnte Bräuche zu hinterfragen oder gar zu verurteilen.

Enniscoe ist kein Schloss, keine Burg. Die Proportionen erscheinen menschlicher, demokratischer – wenngleich auch dort schon irische Könige residiert haben. Bis in das Jahr 1640 kann Susan ihren Stammbaum auf dem Grundstück zurückverfolgen; das Hauptgebäude wurde 1750 erbaut, 40 Jahre später folgte der Vorbau, in dem heute die Gäste untergebracht sind – angeschlossen durch ein ellipsenförmiges, in Rosa gehaltenes Treppenhaus. Eine Kuriosität, nicht nur durch die Farbe. Susan erklärt das seltsame Gefühl auf den Stufen damit, dass der vorgesehene Platz für die Treppe etwas zu knapp gewesen sei, so dass die Bauleute die Stufen leicht anschrägten.

Und so weiß man nicht, was genau den leichten Schwindel beim Weg in das weitläufige, wenn auch nicht riesige Gästezimmer mit Blick auf den See erzeugt: War es die Flasche Wein, der Austausch vor dem Kamin über Sprach-, Kultur- und Konfessionsgrenzen hinweg, oder einfach nur ein mehr als 200 Jahre alter Baufehler.

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