Reise : Grad der Balance

Wer den Hindelanger Klettersteig bewältigen will, muss schwindelfrei sein

Martin Seger
800 Meter Stahlseil und zwölf Leitern erleichtern den Auf- und Abstieg. Foto: promo
800 Meter Stahlseil und zwölf Leitern erleichtern den Auf- und Abstieg. Foto: promo

Andreas Tauser meint es ernst. „Der Hindelanger Klettersteig hat viele ungesicherte Abschnitte – und ein einziger Fehltritt kann dort zum Absturz führen“, sagt er. „Aber wenn man trittsicher ist, kann man diese Stellen problemlos bewältigen.“ Der staatlich geprüfte Bergführer kennt den fünf Kilometer langen Gebirgssteig bestens. Jedes Jahr ist er auf der 2200 Meter hoch gelegenen Kraxelstrecke in den Allgäuer Alpen unterwegs, um mit einigen Urlaubern über den zerklüfteten Gebirgsgrat zwischen Nebelhorngipfel und Großem Daumen zu klettern – und sie vor Abstürzen zu bewahren.

„Beim Hindelanger Klettersteig sollte man nicht nur schwindelfrei sein, sondern auch ungesichert auf einer schuhsohlengroßen Felsfläche stehen können“, betont Tauser. „Denn manchmal muss man einen Sicherungspunkt loslassen, um zum nächsten zu kommen – und das liegt nicht jedem.“

Vier Stunden brauchen geübte Kletterer für die kraftzehrende Gratwanderung über mehr als 30 Felsentürme und Minigipfel. Zwölf Leitern, 800 Meter Stahlseil und 300 Halteösen helfen über die schwierigsten Stellen der abgrundnahen Kraxelstrecke hinweg. „Und wer nach einer Stunde merkt, dass es reicht, kann auf einen Weg zur Seilbahn abbiegen“, beruhigt Andreas Tauser.

Die meisten Bergwanderer erreichen den zwischen 1973 und 1978 angelegten Klettersteig mit der Nebelhornseilbahn ab Oberstdorf. Der Austragungsort alljährlicher Skiflug-Wettkämpfe beeindruckt mit autofreien Einkaufsstraßen, weiß-blau beflaggten Wirtshäusern und zahlreichen Dirndlgeschäften – aber für einen Stadtbummel bleibt Klettersteiglern wenig Zeit.

„Wer an einem Tag mit der Seilbahn an- und abreist, schafft den Steig nicht bis auf den Großen Daumen“, betont Bergführer Andreas. „Da kann man froh sein, wenn man bis zur Daumenscharte kommt und den zweistündigen Rückweg über die Koblat-Ebene bis zur letzten Seilbahn hinkriegt.“

An den Wochenenden ist auch mit Wartezeiten an den heikelsten Kraxelpunkten des Klettersteiges zu rechnen. „Deshalb würde ich immer eine Übernachtung im Edmund-Probst-Haus empfehlen“, sagt Tauser. Die Berghütte steht auf 1932 Metern Höhe an der Seilbahnstation Höfatsblick. Sie bietet Wanderern Betten, Wetterinfos und preiswertes Essen. „Und wer dort früh morgens zum Klettersteig aufbricht, hat genügend Zeit bis zur letzten Seilbahnfahrt ins Tal.“ Martin Seger

Informationen: Der Hindelanger Klettersteig ist meistens bis in den Oktober hinein begehbar. Die Tagestour mit einem Bergführer kann man bei der Alpinschule Oberstdorf für 29 Euro pro Person inklusive Ausrüstung buchen (Im Oberen Winkel 12a, 87561 Oberstdorf; Telefonnummer: 083 22 / 953 22, Internet: www.alpinschule- oberstdorf.de)

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