Grafschaft Wiltshire in England : Tee mit der Lady in Grey

Bei einer Rundreise durch die englische Grafschaft Wiltshire kommen vor allem Freunde des Übernatürlichen auf ihre Kosten.

Silke Zorn
Nahezu gespenstisch – Sonnenaufgang im Nebel über dem Avebury Stone Circle, einem der größten frühzeitlichen Steinkreise in Europa. Foto: vario-images
Nahezu gespenstisch – Sonnenaufgang im Nebel über dem Avebury Stone Circle, einem der größten frühzeitlichen Steinkreise in...Foto: Loop Images / vario images

Die Knochenhand liegt in einer Mauernische, liebevoll ausgeleuchtet und durch eine Glasscheibe vor den neugierigen Fingern der Lebenden geschützt. Der Geist, dem sie einst gehörte, spukt dagegen ungestört herum im „Haunch of Venison“. „Manchmal versteckt er Geschirr und wirft Gläser aus dem Regal“, erzählt Kellnerin Chantal, während sie Bier und Cottage Pie serviert. Besonders ängstlich klingt das nicht. Eher so, als gehe es um den lästigen Mitbewohner in einer Wohngemeinschaft. Einmal allerdings hat der Geist allen die Haut gerettet. „Der Chef wollte Feierabend machen, da zog ihn irgendein Gefühl wieder in die Küche.“ Und siehe da: Der Herd war noch an. Gespenster, Mythen und ungelöste Rätsel vergangener Jahrtausende: Der Südwesten Englands ist eine Fundgrube für alle Freunde des Übernatürlichen.

Das „Haunch of Venison“, einer der ältesten Gasthöfe Salisburys, stellt seinen Hausgeist sogar im Internet vor. Chantal hat ihn zwar noch nie mit eigenen Augen gesehen, aber was soll’s. Glauben mag man ihr sofort, wenn man die enge Treppe des 700 Jahre alten Fachwerkbaus hinaufsteigt. Und außerdem ist der Einhändige ja nur der Anfang. Der „Red Lion“ gleich um die Ecke hat ein Spukzimmer, das mehr als 400 Jahre alte White Hart Hotel in der St. John Street ebenfalls. Und dann ist da dieser Pub, ein Dorf weiter, mit einer eingemauerten Katze in der Decke.

Die historische Kulisse im spannenden Kontrast

Aber – und das ist das eigentlich Schöne – auch Besucher ohne Faible fürs Übersinnliche kommen in der Grafschaft Wiltshire mit ihren sanften Hügeln, weiten Tälern und urigen Städtchen auf ihre Kosten. Über den mittelalterlichen Gassen von Salisbury thront weithin sichtbar die gotische Kathedrale aus silbergrauem Kalkstein. Ken Follett stand sie Pate für seine „Säulen der Erde“. Der Kirchturm ist mit 123 Metern der höchste Englands. Blickt man die schlanken Säulen aus schwarzem Purbeck-Marmor empor, fährt einem allerdings erst mal der Schreck in die Glieder. Deutlich sichtbar biegen sie sich unter der Last des nachträglich aufgesetzten Turms.

Ein spannender Kontrast zur historischen Kulisse ist das moderne Taufbecken des Wasser-Designers William Pye. Die spiegelglatte Oberfläche wirkt so plastisch, dass eine Frau dort einmal ihre Handtasche abgestellt hat, erzählt Kathedralen-Mitarbeiterin Sarah Flanaghan. Wer den Rundgang im Kapitelhaus beendet, kann eine der vier Urschriften der Magna Carta von 1215 sehen.

Als der geschichtsträchtige Pakt zwischen Johann Ohneland und dem revoltierenden Adel geschlossen wurde, standen die Steine von Stonehenge bereits mehrere tausend Jahre. Touristen, New-Age- Anhänger und selbst ernannte Druiden pilgern jedes Jahr in Scharen zu dem prähistorischen Steinkreis in der Nähe von Salisbury. Wer ihn nur von Fotos kennt, ist im ersten Moment allerdings etwas enttäuscht. Ganz schön mickrig sieht er aus, kein wallender Nebel, kein dramatischer Sonnenuntergang, nur ein windiges Plateau zwischen zwei Schnellstraßen. Während unten in der Ebene der Verkehr rauscht, drängen sich oben die Besuchermassen auf den umzäunten Wegen. Morgens und abends kann man dem Postkartengefühl etwas näher kommen und die Kultstätte in kleinen Gruppen betreten; zwölf Pfund kostet das.

Keinen Cent zahlt man dagegen bei einer Stippvisite im nahen Avebury. „Haben Sie so was schon mal gesehen?“, fragt Elizabeth Keatinge, während sie an Brombeerhecken und Apfelbäumen vorbei übers Feld marschiert. „Ein Dorf, das in einen Steinkreis hineingebaut wurde.“ Seit vielen Jahren führt sie Touristen durch das Monument, dessen gewaltige Dimensionen man erst aus der Vogelperspektive erfasst: ein 430 Meter breiter Kreis aus unbehauenen Sandsteinen, zum Teil mehr als 20 Tonnen schwer, und mittendrin Häuser, ein Pub, eine Kapelle und – Schafe.

Zwischen den Steinen kann man herumschlendern oder sich zu einem Picknick niederlassen. Von den fast 200 Findlingen stehen allerdings nur noch wenige. Im Mittelalter wurden viele im Auftrag der Kirche umgestoßen, andere als Baumaterial benutzt. Dass das nicht immer unfallfrei abging, zeigt der „Barbour Stone“, unter dem ein Schädel, eine Schere und alte Münzen gefunden wurden. Was hatte der Friseur auch hier zu suchen?

Leben, wo andere Urlaub machen: Das gilt nicht nur für die Einwohner von Avebury, sondern auch für Familie Berkeley. Ihr Anwesen Berkeley Castle – auf halber Strecke zwischen Bristol und Gloucester – ist das älteste Schloss Englands, das noch von den Nachfahren seiner einstigen Erbauer bewohnt wird. William Shakespeare hat für eine Berkeley-Hochzeit seinen „Sommernachtstraum“ geschrieben. Und der für seine Günstlingswirtschaft verhasste König Edward II. soll hier mit einer glühenden Eisenstange aufs Grausamste ermordet worden sein.

Und wo spukt es nun?

Der letzte Hofnarr Englands, Dicky Pearce, fand in den trutzigen Mauern ebenfalls den Tod. Ob er bei seinem letzten Auftritt von der hölzernen Galerie in die Tiefe stürzte – oder gar gestoßen wurde? Wer Pearce persönlich dazu befragen will, könnte sein Glück auf einer Geisterjagd mit Richard Felix versuchen. 25 Pfund kostet so eine nächtliche Tour durch Schloss Berkeley mit dem „paranormalen Historiker“ – übersinnliche Begegnungen erwünscht, aber nicht inbegriffen.

Auch in der Kathedrale von Gloucester ist von Übersinnlichem nichts zu spüren. Dabei wimmelte es hier einst von magischen Wesen. Vor elf Jahren verwandelten sich die Kreuzgänge zum ersten Mal in die Zauberschule Hogwarts; mehrere Harry-Potter-Bücher der Schriftstellerin Joanne K. Rowling wurden hier verfilmt. „Alles, was an eine Kirche erinnerte, musste verschwinden“, erinnert sich Touristenführerin Mary Badger. Grabplatten wurden abgedeckt, Sicherungskästen übermalt und religiöse Motive auf den Buntglasfenstern mit Papier beklebt. „Hier hinten haben sich Harry und Ron vor dem Troll versteckt“, sagt Mary und deutet auf die Säulen im Nordgang.

Wo, zum Teufel, spukt es denn nun richtig? Wo kann man dem kopflosen König die Hand schütteln und mit der Lady in Grey einen Mitternachtstee einnehmen? Kenner verschlägt es dafür nach Prestbury ganz dicht bei Cheltenham, eigenen Angaben zufolge „Britain’s most haunted village“. Simon Daws und seine Frau Kate haben Logenplätze bei diesem Spektakel. Ihr Pub „Royal Oak“ liegt genau an der Straße, durch die Prestburys berühmtester Gruselgeselle in nebligen Nächten mit seinem Ross galoppiert. „Im Mittelalter wurde hier ein reitender Bote von einem Pfeil in die Brust getroffen“, erzählt Simon. Später sollen Bauarbeiter tatsächlich ein Skelett mit einer Pfeilspitze zwischen den Rippen ausgegraben haben.

Das Wirtsehepaar nimmt seine Gäste gern mit auf eine nächtliche Runde. Bei der hohen Geisterdichte geht das allerdings nicht ohne Spickzettel. 16 übernatürliche Erscheinungen hat Simon dort notiert, ergänzt durch Fotos und einen „Spukstadtplan“. Gut gelaunt stapft er durch düstere Gassen, weist hier auf das Mädchen am Spinett und dort auf den Schwarzen Abt hin. Der suchte früher eigentlich nur die Kirche von St. Mary’s heim, bis er von Geisterbeschwörern vertrieben wurde. Vielleicht aus Rache dafür ist er nun im ganzen Dorf unterwegs – am liebsten zu Ostern, Weihnachten und Allerheiligen.

An einem normalen Sonntag lässt er sich allerdings nicht zu einer Vorstellung hinreißen. Vielleicht wäre es einen zweiten Versuch wert, nach ein paar Gläsern im „Royal Oak“? Hinter den dicken Mauern aus dem 16. Jahrhundert kann man prächtig essen – Lamm, Ente oder Wild – und sich unter fachkundiger Anleitung durch die lokalen Ale-Sorten trinken. So nett ist es, dass man ganz und gar die Geisterstunde vergisst – und die Gespenster von Prestbury heute Nacht vor leeren Rängen spuken müssen.

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