Reise : Grönland

Fortsetzung von Seite R1

Erstarrte Kolosse. Weiße Giganten. Hoch wie Wolkenkratzer ragen sie aus dem Meer. Mit ebenso steil abfallenden Fassaden. Kutter „Esle“ tuckert unerschrocken über das blaue Wasser in den glitzernden Eisfjord. Alle Passagiere sind heiß auf Eis, starren gebannt auf die Umgebung. Die Kulisse hypnotisiert jeden: Eisberge, Eistore, Eishöhlen, Eiswände – einfach grandiose Formationen. Sonne und Schatten bringen dazu immer neue Farben und Bilder in Grönlands Gletscherwelt.

„Noch ein bisschen näher ran“, ruft einer, vom arktischen Virus erfasst und offenbar schon an einer Art Eisfieber leidend. „Ich bin doch nicht lebensmüde“, ruft Thorwald von der Steuerkabine zurück. Er drosselt jedoch den Motor und lässt die „Esle“ langsam an den weißen Riesen vorübertreiben. Andächtige Blicke.

Kaum haben wir den Hafen von Ilulissat gen Diskobucht verlassen, beginnt die Gletscherwelt. Ilulissat heißt übersetzt „Eisberge“ und ist der Heimathafen der „Esle“. Neben modernen Containerschiffen liegt am Kai auch die Flotte der Fischkutter, von denen einige auch Touristen ins Eis fahren. „Esle“ ist so ein Kahn, und der Kapitän heißt Thorwald. Kaum sind die bunten Holzhäuser aus dem Blick, sehen wir schwimmende Eisriesen, treibende Gletscherblöcke, funkelnde hochhaushohe Kristalle, frostige Kathedralen. Manche ragen bis zu 60 Meter aus dem Meer. Und wir erinnern uns an die Schule: Nur etwa ein Fünftel des Eisbergs zeigt sich über Wasser. Der Rest verbirgt sich unter der Oberfläche. Thorwald ist erfahren und hat entsprechend enormen Respekt vor den Ungetümen.

„Die Eisberge sind die Wunder der arktischen Natur“, schwärmt Elke Meissner. Deshalb zog die dynamische Norddeutsche vor gut 30 Jahren hierher. Sie wirkt hanseatisch fesch, trägt Perle im Ohr, und ihr schicker schwarzer Anzug aus Robbenfell, der noch bei minus 40 Grad warm hält, ist nach einem von ihr selbst entworfenen Muster geschneidert. Vor ein paar Jahren hat sie die Passion zum Beruf gemacht. Sie zeigt Touristen die Ilulissat-Eisberge. Und sie vertritt Deutschland in der autonomen Region Dänemarks als Honorarkonsulin. Außerdem möchte sie unkompliziert Elke genannt werden. „Das ist bei uns so.“ Wenn sie von Heimat spricht, meint sie die Insel am Polarkreis, das größte Eiland der Welt, das zu 80 Prozent mit bis zu 3000 Meter dickem Eis bedeckt ist und nur 0,026 Einwohner pro Quadratkilometer hat. Lediglich einige schmale Küstenstreifen sind überhaupt für menschliches Leben geeignet.

Der große Eisfjord an Grönlands Westküste, der in der Inuit-Sprache „Kangia“ heißt, ist 40 Kilometer lang, sieben Kilometer breit. Und hier liegt der Gletscher Sermeq Kujalleq. Jährlich brechen rund 35 Kubikkilometer Eis von ihm ab, seine Fließgeschwindigkeit beträgt 20 Meter am Tag. Unermüdlich füllt der Sermeq Kujalleq den Kangia-Fjord mit Eiskolossen, die mit der Zeit und der Meeresströmung zur Mündung an der Bucht von Ilulissat treiben. Vor drei Jahren nahm ihn die Unesco wegen seiner Besonderheit, seiner Bedeutung bei der Erforschung des Klimawandels und seiner landschaftlichen Schönheit in die Welterbeliste auf. Elke hat beim Antrag mitgewirkt, als Vertreterin der grönländischen Umweltorganisation.

„Warum kalbt denn jetzt keiner?“ Alle wollen mal sehen, wie ein mächtiges Stück von einem Gletscher abbricht und mit Getöse ins Meer stürzt. Elke erklärt, dass der Gletscher 60 Kilometer weiter östlich liegt. Zudem bestätigt der Uno-Klimabericht vom Januar dieses Jahres, was sie seit langem beobachtet: Die Zahl der gigantischen Eisberge nimmt ab, sie sind deutlich kleiner und treiben schneller als früher aus dem Fjord. Die Folgen des Temperaturanstiegs dokumentiert der Weltklimarat: Das „Ewige Eis“ ist eine Illusion. In der Arktis verläuft die Erderwärmung doppelt so schnell wie anderswo.

Nachdenklich setzen wir die Eisfahrt in der Diskobucht fort. Erst als sich das frostige Knirschen am Bug in die Ohren bohrt, merken wir, dass „Esle“ direkt ins Packeis steuert. „Aussteigen!“ Thorwald lässt eine Holzstiege an der Reling herunter. Keiner will zuerst gehen. „Nur Mut“, sagt der Kapitän lachend. „Das Eis ist anderthalb Meter dick.“ Mancher denkt an die ungewissen Expeditionen der Polarforscher Knud Rasmussen, Scott oder Peary. Nacheinander klettern die zehn, von Elke eingekleideten Fellgestalten auf das zugefrorene Meer. Zaghaft, aber dann mit festem Tritt. Das Eis hält.

Vor uns liegt Rodebay, grönländisch: Oqaatsut. Noch so ein hübscher Ort mit farbigen Würfelhäusern. Nur 50 Oqaatsormiut leben hier. Sie haben eine Kirche, eine Schule, eine kostenlose Wasserzapfstelle, dazu Duschen und eine Waschmaschine im Gemeindehaus. Wäsche trocknet in der Sonne, angekettete Schlittenhunde springen auf und ab. Einer fängt an zu jaulen und natürlich ziehen die anderen gleich nach. Touristen in Rodebay sind auch für sie noch immer ein Aufreger, obwohl es hier seit einiger Zeit schon einige Ferienhütten gibt.

Nach dem Dorfrundgang wärmen wir uns im Restaurant „H8“ am grönländischen „Kaffi“: Kaffee, Kakaolikör, reichlich Whisky und Sahne. Ingo und Uta Wolff hatten ein kleines Restaurant in einem kleinen Dorf bei Gera. Seit 1999 haben sie ein kleines Restaurant mit kleiner Pension in einem kleinen Dorf im weiten Grönland. Der Unterschied? „Es gibt immer viel Arbeit, aber nie Stress“, antwortet der Thüringer.

Ingo deckt den Tisch, Uta kocht. Das blau-weiße Porzellan haben sie mitgebracht, original DDR-Fabrikat. Auf großen Platten reicht der Wahlgrönländer die selbst gefangenen Schätze des Nordens: Heilbutt, gebacken und getrocknet, Eiskrabben, Lachs, Dorschleber, Robben- und Walfleisch und Mattak. Mattak? „Einfach probieren“, rät Ingo. Die fettige Speckschicht unter der Walhaut gilt bei Grönländern als Delikatesse. „Damit muss man wohl aufwachsen“, urteilt eine Probierfreudige diplomatisch.

Rodebay ist ein ruhiger Flecken, der sich entwickeln möchte. „Nicht zu viel“, meint Elke. Grönland will Tourismus, aber keinen Massentourismus. Ilulissat, das mit 5000 Einwohnern drittgrößte Städtchen des Landes, hat bereits ein paar Hotels, Restaurants und Souvenirshops, die handgeschnitzte Figuren aus Wal- oder Rentierknochen, Geister abwehrende Tupilak-Amulette und Robbenfellanzüge verkaufen. Das einzige Museum ist dem Polarforscher Knud Rasmussen (1879–1933) gewidmet. Es ist in dessen Geburtshaus untergebracht und erzählt auch die Geschichte des Ortes und Grönlands.

Grönland heißt auf Inuit Kalaallit nunaat, „Land der Menschen“. Vielleicht weil Freundschaft hier so viel zählt. Im ganzen Land gibt es allerdings mindestens viermal so viele Hunde wie Menschen. Malamuts heißen die grönländischen, vom sibirischen Husky abstammenden Schlittenhunde. Ihr Gebell ist im Ort ständig zu hören. Hungrig oder wild aufs Laufen? Meist stimmt beides.

Auf dem Weg zu den Sermiut-Klippen queren immer wieder rasante Hundeschlitten die Straße, aber auch rasende Snowmobile. Der Schnee knirscht trocken. Er ist fest und gut begehbar. „Die Inuits haben 300 Ausdrücke für Schnee“, sagt Elke. Doch dieses Gespür für Schnee können wohl nur Grönländer haben. Als wir den Klippenrand erstiegen haben, liegt vor uns die Mündung des Eisfjords, hinter der sich die weite weiße Eiswelt verbirgt. Die Kälte zwickt im Gesicht. Die Nähe des Ilulissat-Gletschers ist fühlbar. Als ein Kutter aus den Eiswänden herausfährt, erkennen wir, wie gewaltig sie sind. „Dieser Landschaft fehlen die Grenzen“, erklärt Elke ihre Faszination. „Raum und Zeit bemessen sich anders. Da stört das bisschen Kälte nicht.“

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