Reise : Grün ist Weisheit

Foto: promo
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Werden es elf? Ich zähle mit. So gut es noch geht in meinem Zustand, ich verfalle nämlich gleich in einen Dämmerzustand. Schade, es sind nur neun meckernde Rufe, die der Gecko – irgendwo versteckt im Raum – ausstößt, als Kontrast zu den sphärischen Entspannungsklängen, die aus den Lautsprechern perlen und dem Wellenrauschen des Indischen Ozeans, der nur wenige Meter entfernt an die Steilküste anbrandet. Schreien Geckos elf Mal, dann gilt das auf Bali als gutes Zeichen. Aber das wäre ja auch zu schön und zu perfekt gewesen. Glücklich liege ich auf dem Bauch im Spa- Bereich des luxuriösen Hotels Alila Villas Uluwatu, ganz im Süden Balis auf der Halbinsel Bukit. Ich habe mir von meiner Spa-Therapeutin Miss Satya eine Behandlung nach balinesischer Art gewünscht. Und die ist so sanft und wohltuend wie bisher alles, was ich auf Bali gesehen und erlebt habe. So zart, wie die duftenden Blüten des Frangipani-Baums, ein fünfblättriges Meisterwerk der Natur, schlicht und schön. So friedvoll, wie die frühen Abendstunden, wenn sich gegen halb sechs die Sonne verabschiedet, kleine Jungs zwischen den Hausdächern Drachen steigen lassen und sich Dorfbewohner auf dem Hof zum Gebet gemeinsam niederlassen. So ruhevoll, wie der Priester, der den Betenden im Tempel zum Abschluss der Zeremonie eine Schale mit in heiligem Wasser aufgeweichtem Reis hinhält. Ein paar Körner klebt man sich auf die Stirn und aufs Schlüsselbein.

Überhaupt der Reis. Um ihn dreht sich alles auf Bali, der einzigen Insel Indonesiens, die hinduistisch geprägt ist. Die Terrassen schmiegen sich sattgrün an die Insel. Überall lugt ein Schrein hervor. Täglich werden dort die Götter und Dämonen mit kleinen Opfergaben aus Reis und bunten Blüten besänftigt, dargeboten in Körbchen aus geflochtenen Palmblättern. Auf sie stößt man überall, man muss aufpassen, dass man sie mit seinem forschen westlichen Schritt nicht wegschleudert, denn die Balinesen legen sie auch vor ihre Häuser auf die Straße, gleich neben die Planen, auf denen sie die noch ungedroschenen Reiskörner in der Sonne trocknen.

„Es gibt drei Sorten von Reis“, hatte Ketut gesagt. Daran erinnere ich mich jetzt auf meiner Massageliege. Ketut ist Reiseführer und machte in der Mittagshitze Pause an einem Kiosk direkt neben einem Reisfeld in der Nähe des Dorfes Kelating, an der Südwestküste Balis. Seine Kunden, ein australisches Hochzeitspärchen, hatte er in einem nahe gelegenen Hotel zum Essen abgesetzt. Ihm blieb ein bisschen freie Zeit und Lust zu plaudern. „Weiß, rot und braun“, antwortete ich, das hatte ich bereits gelernt. Ketut lachte: „Nein, Morgenreis, Mittagsreis, Abendreis.“ Er lachte noch lauter. Balinesen essen den ganzen Tag Reis, meist mit Gemüse. „Bis zur Ernte dauert es noch einen Monat“, erklärte Ketut und deutete auf die starken Büschel in der feuchten Erde. Erst dann entwickle sich aus der Mitte heraus eine Rispe, an der die einzelnen Reiskörner hängen. „Sie werden mit der Hand geerntet.“

Was für ein kostbares Lebensmittel, dachte ich mir. Die Felder reichten bis ans Meer heran. Sattgrün traf auf glitzerndes Schwarz des feinen Lavasandes. Im nahe gelegenen Dorf boten Landwirte auf großen Plakaten diese Flächen zum Verkauf an. „Land direkt am Strand“, stand darauf geschrieben. Und so wird wohl eines Tages ein Investor den Grund und Boden kaufen. Ketut runzelte die Stirn. „Hoffentlich werden es nicht zu viele Hotels“, sagte er, „die Landschaft ist doch so schön. Und wir brauchen den Reis.“ Aber das Leben als Reisbauer ist mühsam, das weiß er auch, und die jungen Balinesen wollen lieber im Tourismus arbeiten. So wie er selbst.

Oder Miss Satya, die nun begonnen hat, mit ihren Daumen die Meridiane an meinen Waden auf und ab zu fahren, dort, wo nach fernöstlicher Auffassung die Energie durch den Körper fließt. Es kribbelt angenehm. „Alles okay?“, fragt die junge Frau. Oh ja.

Wellness ist das große Ding im balinesischen Tourismus. Ein Trend, der auf harmonische Art und Weise zur Spiritualität der Insel zu passen scheint. Für die Einheimischen gehören Körper und Geist zusammen.

An einem anderen Tag der Reise. Es war ein Feiertag, der Tag von Saraswati, der Göttin der Weisheit und Gelehrsamkeit. Vor allem Schulkinder waren aus diesem Grund in Grüppchen unterwegs zu den Tempeln, um sie zu ehren. Die Jungen hatten sich weiße Tücher um den Kopf gebunden. „Das hält die Gedanken zusammen“, hatte Nata, unser einheimischer Guide, erklärt. Er blieb mit uns vor dem Eingangstor einer heiligen Stätte stehen und zeigte auf die Götterstatuen. „Sie müssen mit sich im Reinen sein, sonst können Sie diesen Ort nicht betreten“, sagte er. Die Götter passen auf. Aber wann ist man mit sich im Reinen, fragte ich mich.

Bali, so heißt es, ist die Insel der 1000 Tempel. Was wohl eine Untertreibung ist. Jedes Dorf hat seinen eigenen, in jedem Haus steht einer. Und nun kommen eben noch ein paar Spa-Tempel für entspannungssuchende Touristen hinzu. Kleine Wellnesseinrichtungen gibt es an jeder trubeligen Straßenecke. Hotels im Luxussegment locken mit völliger Abgeschiedenheit, wie etwa das Como Shambhala Estate im Zentrum der Insel, auf einem Hügel mitten im Dschungel gelegen. Hier sollen schon Schauspieler Daniel Craig, Sting und die Modeschöpferin Donna Karan abgestiegen sein. Man nächtigt in großzügigen Villen mit Privatpools und Blick auf den Dschungel. Zum ganzheitlichen Konzept gehört eine gesunde Küche, die ultraleichte Kost mit balinesischen Einflüssen mixt, und Yoga und Pilates. In eigens dafür errichteten offenen Pavillons finden die Trainingsstunden statt. Die exotische, flirrende Klangkulisse des Dschungels stimmt die in der Schwüle schwitzenden Urlauber milde.

Eine Welle von Besuchern auf der Suche nach dem Seelenglück hat außerdem die Autobiografie „Eat, Pray, Love“ der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Gilbert und deren Verfilmung 2010 mit Julia Roberts in der Hauptrolle angespült (der Film spielte weltweit 197 Millionen Euro an den Kinokassen ein). Da beendet eine junge, erfolgreiche Frau ihr schönes, aber hektisches Leben in New York und geht auf Sinnsuche. Den wahren Frieden findet sie auf Bali, dort lernt sie von einem Heiler das Meditieren. „Schreiben Sie bitte, dass der Heiler aus dem Buch inzwischen sehr alt ist und allen die gleichen Weissagungen macht“, sagt Marc Lacoste, Hotelmanager aus dem quirligen Ubud, dem kulturellen Zentrum der Insel, 27 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Denpasar. Lacoste stöhnt auf, wenn er an die Gäste denkt, die sich nur auf die Spuren des Romans begeben. Die Attentate fanatischer Islamisten in den Jahren 2002 und 2005 in Kuta und Jimbaran sind so gut wie vergessen. Japaner und Australier machen die Mehrzahl an Besuchern aus, es kommen aber auch immer mehr europäische Gäste.

Es ist später Nachmittag, wir steckten mit dem Auto fest. Der Verkehr schob sich dickflüssig durch die Verbindungsstraßen zwischen Ubud, der Hauptstadt Denpasar und Kuta, dem Surferparadies. Tausende von Rollerfahrern schlängelten sich an den stehenden Wagen vorbei, schon Zwölfjährige scheinen hier hinter den Lenker zu dürfen, Väter und Mütter klemmen ihre Kleinkinder zwischen sich. Ein hübsches Schauspiel, wenn man Zeit hat. „Ist das jeden Tag so?“ – Ja, sagten die Balinesen. Jeden Tag sei Schichtwechsel in den Tourismuszentren. Jeden Tag kehrten die einen nach Hause zurück und die anderen führen zur Arbeit.

Tatsächlich ist Bali aber immer noch eine Insel der Ruhe, mit Dörfern, durch die zwar kleine Touristengruppen vereinzelt mit ihren Mountainbikes auf dem Weg zur Reisfeld-Tour kreuzen, wo ansonsten aber die Einheimischen ihrem Tagwerk nachgehen. Die Frauen putzen den Hof und balancieren Waren vom Markt auf dem Kopf ins Haus, die Männer schleifen und feilen an den steinernen Eingangstoren, sperren ihre Kampfhähne vor deren nächstem Einsatz in Käfige und spielen eine Runde Billard. Es gibt menschenleere Strände, außer frühmorgens an einem Sonntag, gleich nach Sonnenaufgang gegen sechs Uhr, da wandeln die Balinesen auf und ab. Abends, wenn die Sonne blutrot untergeht, knattern Mopeds über den Strand. Die Fischer fahren nach Hause, sie haben den Tag über versteckt in den Vorsprüngen der Küstenfelsen geangelt.

Alles Schöne hat ein Ende. Ich habe es geahnt. Satye macht mich im Flüsterton darauf aufmerksam, dass die einstündige Massage nun vorbei sei. Ich solle mir Zeit lassen. Sie kommt mit einem Getränk zurück. Im Glas klickern die Eiswürfel, Lemongrass, Ingwer und Zitrone schwimmen darin. Ich nippe. Fantastisch, scharf und süß in einem. Man muss nicht an Götter und Dämonen, an Heiler und heiliges Wasser glauben, um mit sich im Reinen zu sein.

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