Grüße aus dem Urlaub : Frischer Wind, wir baden täglich

Urlaubskarten: Es steht wenig drauf, doch der Empfänger freut sich. Frauen schreiben sie am liebsten.

Dietmar Scherf
Warum in die Ferne schweifen? Im Augsburger Textil- und Industriemuseum hängt eine Wand voller Ansichtskarten von Italienurlaubern. Noch bis zum 10. Oktober ist die bayerische Landesausstellung „Bayern–Italien“ zu sehen, in der die Beziehungen zwischen Bayern und Italien bis in die Gegenwart dargestellt wird. Foto: Stefan Puchner, dpa
Warum in die Ferne schweifen? Im Augsburger Textil- und Industriemuseum hängt eine Wand voller Ansichtskarten von...Foto: dpa

Jetzt sind die Pinnwände in Küchen und Büros wieder bunt von Sonnenuntergängen, Palmen und Pinguinen im A6-Format. Ansichtskarten aus den Ferien – heiß begehrt wie eh und je, mit all ihren Macken. Kein Computer, kein Handy kann sie imitieren. Ein Sonnencremefleck ziert die Urlaubsgrüße von „Manfred und Familie, direkt vom Sylter Strand“. Rainers Kreuzchen markiert „unser uriges Hotel“. Eine geknickte Ecke rührt daher, dass Tanjas und Stephans Flitterwochengrüße eine halbe Weltreise hinter sich haben. Lenas Schnörkel, „entschuldige bitte meine Schrift“, verraten auch ohne Erklärung, dass sie auf Reisen ist, „sitze gerade auf der Fähre nach Hiddensee, es schaukelt mächtig und da kann man nicht so gut schreiben“.

Ansichtskarten sind wie ein Lächeln, eine freundschaftliche Geste, die Botschaft „an diesem schönen Platze, hab ich an Dich gedacht“. Ein bisschen prahlerisch, „schau, ich bin in der großen weiten Welt!“, schön gefärbt, knallig wie das Hochglanzfoto auf der anderen Seite. Dabei literarisch meistens bescheiden: „Hallo, Ihr Lieben! Uns geht es gut, Wetter, Hotel und Essen sind super.“ Oder: „Hi! Bei der Spanien-Radtour hast du ganz schön was verpasst! 800 km Radtour liegen hinter uns, 30 Stunden Zugfahrt vor uns und bildhübsche Chicas bei uns. Bis demnächst? Martin“.

Für die meisten Menschen ist es viel schöner, Ansichtskarten zu empfangen als Ansichtskarten zu schreiben. Welch eine Freude, unter all den Rechnungen die strahlenden Tupfer im Briefkasten zu finden, ein morgenroter Berg, ein sonnig glitzerndes Meer, Sehnsüchte weckend, Erinnerungen und Träume.

Selbst Floskelschreibern gebührt Dank, denn die seit mehr als 140 Jahren kaum veränderte Kommunikationsform ist immer ein aufwendiger Akt. Auch deshalb behauptet sich die Ansichtskarte so gut gegen jede virtuelle Konkurrenz. Welche Urlaubsmail oder SMS wird schon den Jahreswechsel ungelöscht überstehen? Dagegen klebt Mutti manche Ansichtskarte sorgsam ins Fotoalbum. „Es ist sehr schön hier oben an der Nordsee, frischer Wind, baden aber täglich“, meldet Sohn Thomas. Er ist für seine Mutter den Weg jedes Postkartenschreibers gegangen, hat sich am Drehständer eines Andenkenladens endgültig als Tourist geoutet und das schönste Motiv gewählt, „als ich diese Karte sah, dachte ich sofort, die wird dir gefallen“. Thomas suchte einen Kugelschreiber, eine Formulierung, das dänische Wort für Briefmarke („frimaerke“), ein geöffnetes Postamt und bat, überredete, nötigte seine Freundin Annette, doch auch auf der Karte zu unterschreiben. Außerdem vollbrachte er die kleine Meisterleistung, denselben banalen Sachverhalt sieben Freunden in sieben Varianten zu schildern, aus Angst, sie könnten die Karten vergleichen.

In einer repräsentativen Umfrage der Offenbacher Forschungsgesellschaft Marplan im Jahr 2007 sagten 53 Prozent der Befragten, sie schrieben Urlaubskarten an Verwandte, Freunde oder Bekannte. 22 Prozent grüßten aus den Ferien per Handy, zwei Prozent via Internet, 20 Prozent verschickten keine Grüße von ihrer Reise. Unter den Männern schrieben 47 Prozent Karten, bei den Frauen knapp 60 Prozent.

Einen Fetischcharakter bescheinigt die Grazer Historikerin Eva Tropper den Ansichtskarten. Die Wissenschaftlerin war Mitorganisatorin einer Ausstellung alter Karten, darunter das Grazer Wahrzeichen, der Uhrturm, in 420 schwarz-weißen, kolorierten und farbigen Varianten. Eva Tropper analysierte die Entwicklung der Imagebildung von Orten anhand der Kartenmotive und -texte und deren Einfluss auf das Reiseverhalten. „Dort will ich auch mal hin“, denkt mancher Empfänger, und Touristiker halfen schon vor Jahrzehnten nach, druckten auf eine Karte von Bad Salzungen: „Besucht Thüringen, das grüne Herz Deutschlands!“, und unter eine Ansicht von Ürzig an der Mosel: „Hier scheint die Sonne in strahlender Wonne, der Saft Ürzigs Reben gibt Kraft, Mut und Leben. Im herrlichen Wald erholst Du Dich bald, und baden im Fluß ist höchster Genuß“.

Als offizieller Anfang der Kommunikation mittels Karte gilt die Einführung der „Korrespondenzkarte“ 1869 in Österreich und ein Jahr später im Norddeutschen Bund. Bis Januar 1905 war eine komplette Seite für die Adresse reserviert, die fortan Künstlern und Fotografen zur Verfügung stand. „Mir gefällt das locker und leicht Dahingeworfene, das überraschend Ankommende und Unverbindliche, die den Versand und den Erhalt einer Postkarte ausmachen“, sagt der Zürcher Künstler Alex Zwalen. Er arbeitet immer wieder mit Ansichtskarten und weist auf einen anderen schönen Effekt, wenn er beispielsweise eine Karte aus den Bergen erhält: „Allein zu Hause nehme ich teil an den Reisen meiner Verwandten und Freunde. Und frage mich: Was will man in den Bergen? Und suche dabei den Berg in mir und die Bilder, die dieses Wort in mir auslösen.“

Ansichtskarten sind Zeitzeugen, banal und zugleich berührend. Besonders deutlich wird dies an der Sammlung von Georg Keim. Der Texter und Kabarettist suchte über Jahre Karten, die DDR-Touristen von Bulgarien aus nach Deutschland geschickt hatten, zeigt eine Auswahl immer wieder in Ausstellungen und bringt gemeinsam mit der Schauspielerin Gisa Bergmann die skurrilsten Texte auf die Bühne. Da wird von 2100-Kilometer-Touren im Trabi berichtet, ein Urlaubsflirt für die sture Freundin Hildchen arrangiert und Irenes Freude auf die Schmorgurken zu Hause zelebriert. Und Conni schickt eine ganz spezielle Nachricht: „Lieber Herr Thiele! Viele Grüße aus Bulgarien sendet Ihnen Conni. Ich habe ja schon lange nichts mehr von mir hören lassen. Ab 1. 9. 1976 beginne ich eine Lehre als Porzellanmalerin in Lichte (Thüringen) Ein Jahr hatte ich techn. Glasverarbeitung in Ilmenau studiert. Das hat mir aber nicht gefallen. Sonst geht es mir gut und ledig bin ich auch noch. Ich hoffe, Sie sind auch noch gut in Form. Alles Gute von Conni“.

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