Guido Laukamp, Viking : „Die Kreuzfahrt ist völlig unterentwickelt“

Guido Laukamp ist Geschäftsführer von Viking Flusskreuzfahrten und spricht über seine Reisepläne, die Krise und die Flussschiffe.

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Foto: privat

Herr Laukamp, als Beobachter des Kreuzfahrtgeschäfts hat man den Eindruck, dass inzwischen zu viele und in der Hochseeschifffahrt auch zu große Schiffe auf dem deutschen Markt sind. Die Buchungszahlen halten mit dem rasanten Zuwachs an Tonnage nicht mit.



Zunächst muss man Eindrücke mit nüchternen Zahlen abgleichen: Derzeit machen die deutschen Kreuzfahrer erst rund ein Prozent aller „Pauschal“- Urlauber aus. Damit ist die deutsche Kreuzfahrt im internationalen Vergleich völlig unterentwickelt. Für 2009 werden wir ganz sicher wieder ein Passagierwachstum sowohl im Hochsee- als auch im Flusskreuzfahrtbereich verzeichnen können, das aller Voraussicht nach in beiden Bereichen zweistellig ausfallen wird. Um diese Nachfrage zu befriedigen, brauchen wir Tonnage. Unsere Kapazitätsentwicklung ist langfristig am Potenzial ausgerichtet und orientiert sich nicht so sehr an kurzfristigen externen Ereignissen.

Schnäppchenjäger haben jedoch derzeit Hochkonjunktur, wenn man sich Preise von 990 Euro ansieht, für die man nicht nur eine Atlantikpassage auf einem Luxusliner bekommt, sondern auch noch die entsprechenden Flüge dazu.

Zugegeben: Das Urlaubsjahr 2009 war für die gesamte Reisebranche kein leichtes. Viele Urlauber haben mit ihrer Urlaubsplanung und -buchung länger gewartet als sonst – was zu mehr Last Minute-Angeboten führte. Und davon profitiert auch der Kreuzfahrtkunde, insbesondere wenn wir dazu auch noch auf den Mittel- und Ferndestinationen günstige Flugangebote weitergeben konnten. Gleichzeitig haben wir zum Beispiel bei Viking Flusskreuzfahrten dieses Jahr auch erlebt, dass wir die Wünsche von Last Minute-Buchern nicht mehr befriedigen konnten, weil wir seit langem ausgebucht sind. Einzig auf den Advents- und Weihnachtsfahrten gibt es bei uns noch Platz. Wer lange wartet, kann im Zweifel auch einmal Pech haben – das ist 2009 vielen Gästen klar geworden. Wir legen daher verstärktes Augenmerk auf unser Frühbucherangebot 2010.

Auch bei den Flussschiffen ist Flottenwachstum angesagt, selbst wenn es schon spektakuläre Pleiten gegeben hat. Auf Donau und Nil sind so viele Schiffe im selben Takt unterwegs, dass man an Anlegern und den besuchten Sehenswürdigkeiten Platzangst bekommen kann. Muss da nicht etwas reguliert werden?

Das Kapazitätsoptimum findet sich in einem funktionierenden Markt wunderbar selbst. Die Destination Donau, die in den vergangenen Jahren ein immenses Passagierwachstum zu verzeichnen hatte, wird in den nächsten Jahren deutlich weniger wachsen. Stattdessen wird der Rhein stärker in den Fokus der an „klassischen“ Zielen interessierten Flusskreuzfahrer rücken und die Nachfrage natürlich verteilen. Das Phänomen der Platzangst, das Sie beschreiben, ist unseren Gästen zum Glück nicht bekannt. In guter Zusammenarbeit mit den anderen Reedereien lassen sich die Besuchszeiten abstimmen.

Der Nil nimmt hingegen eine Sonderrolle ein: Hier ist die Anzahl der Kreuzfahrtschiffe bereits durch die Behörden reguliert, denn auf dem kurzen Abschnitt, der befahren wird, sind die Kapazitäten tatsächlich erschöpft. Das liegt dort aber an der enormen Dichte der Sehenswürdigkeiten pro Flusskilometer. Zum Glück gibt es ja auch noch andere spannende, weitläufigere Flussziele wie etwa China mit dem Jangtse, der noch erhebliches Potenzial für deutsche Gäste birgt.

Das Interesse an beiden Arten der Kreuzfahrt ist sicher nicht erlahmt und das Bucherpotenzial in Deutschland wird noch besonders hoch eingeschätzt. Sehen Sie denn, dass alle Anbieter heil die augenblickliche Finanzkrise vieler privater Haushalte überstehen?

Alles in allem sind die Kreuzfahrtveranstalter doch in einem – verglichen mit der Pauschalreise – relativ krisenresistenten Segment. Trotz mancher Verjüngungstendenzen sind die gut situierten „Best Ager“ hier tonangebend, bei denen Arbeitsplatzangst und Einkommenseinbußen weniger ein Thema sind als in der Zielgruppe der 18- bis 49-Jährigen. Auch sind die „Best Ager“ das einzig wachsende demografische Segment. Es gibt also ein nachhaltiges Wachstumspotenzial.

Ihre eigentliche Domäne ist die Flusskreuzfahrt. Nun ist die Zahl der schiffbaren Flüsse in dieser Welt endlich. Für welche Regionen glauben Sie denn, das Interesse von Reiselustigen noch wecken zu können?

Viking plant für den Herbst 2011, Mekong-Kreuzfahrten anzubieten. Hierfür konzipieren wir gerade einen eigenen Schiffstyp, auf den wir unseren Komfort, unser skandinavisches Design und Schweizer Hotelmanagement exportieren werden.

Bei den Flussreisen sind die durchfahrenen Landschaften und die angesteuerten Städte eindeutig das Ziel der Passagiere. Bei den Riesenschiffen auf hoher See hat man den Eindruck, es sei völlig gleichgültig in welchen Gewässern das Schiff fährt. Vielfach ist offenbar das Schiff das Ziel. Wäre es da nicht einfacher und noch preisgünstiger, so ein Schiff beispielsweise nur im Kreis um Mallorca oder Kuba fahren zu lassen, statt logistisch komplizierte Routen auszuklügeln?

Richtig ist, dass bei Flusskreuzfahrten die Landschaften, Geschichte, Land und Leute im Fokus der Passagiere stehen. Bei Hochseekreuzfahrten ist es wohl die Mischung, die die Gäste begeistert: der Mix aus Entspannung und Unterhaltung an Bord und interessanten Landgängen. Heutzutage gibt es so viele verschiedene Kreuzfahrtkonzepte, dass es für jeden Urlaubstyp die passende Kreuzfahrt gibt. Während der eine vielleicht tatsächlich am liebsten an Bord bleibt, will der andere im Beiboot den Eisbergen näher kommen oder einen Ausflug zu den Pyramiden von Gizeh unternehmen. Außerdem machen sich immer mehr Gäste bewusst, dass sie viele Regionen der Welt am komfortabelsten und sichersten per Schiff bereisen können – etwa, wenn man China im Landesinneren oder das wahre Russland jenseits der Metropolen erkunden will. Das reine Schiffserlebnis mit Fahrten im Kreis wäre daher sicherlich nur für einen minimalen Bruchteil der Urlauber das richtige Konzept.

Und Ihre nächste Kreuzfahrt führt Sie wohin?


Ich möchte unbedingt wieder einmal nach Russland – das letzte Mal war ich vor fünf Jahren dort und inzwischen hat sich im Land schon wieder soviel getan. Übrigens auch bei uns: Mit unserer komplett umgebauten „Viking Kirov“ haben wir dort ein neues Flaggschiff im Premiumsegment, ohne jegliche sonst landestypischen Abstriche. Das will ich unbedingt einmal selbst erleben.

Das Interview führte GW Seidemann

— Guido Laukamp ist Geschäftsführer von Viking Flusskreuzfahrten und 2. Vorsitzender im Fachausschuss Schifffahrt des Deutschen Reiseverbands (DRV)

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