Hafengebräuche : Hymne für den großen Pott

Über 150 Nationalhymnen, täglich mehr als 50 Grüße: Vor den Toren Hamburgs werden seit 1952 in der Schiffsbegrüßungsanlage tagein, tagaus Schiffe begrüßt und verabschiedet.

Dagmar Krappe
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Freundliche Schiffsfans winken an der Elbe natürlich auch bei Regen. Foto: ddp

„Muss I denn, muss I denn zum Städtele hinaus“, schallt es vom Steg über die Elbe. Kurz darauf erklingt die deutsche Nationalhymne. Das Containerschiff „Komet“ verlässt den Hamburger Hafen und wird am Schulauer Fährhaus mit Musik verabschiedet. „Da kommt Fernweh auf“, seufzt der ältere Herr einer Braunschweiger Reisegruppe und lauscht aufmerksam den Lautsprecherdurchsagen zu Herkunft, Länge, Breite, Geschwindigkeit, Bruttoregistertonnen und Reiseziel des Ozeanriesen. Wenige Augenblicke später senkt sich wieder die Hamburger Flagge am 40 Meter hohen Mast zum Gruß. Es erklingt die panamaische Nationalhymne. Das Containerschiff „Ever Unific“ wird mit „Welcome to Hamburg – wir freuen uns, Sie in unserem Hafen begrüßen zu können“ in der Hansestadt willkommen geheißen.

„Willkomm Höft“ heißt die Schiffsbegrüßungsanlage am Schulauer Fährhaus in Wedel vor den Toren Hamburgs. Seit 1952 werden hier täglich Schiffe, die in den Hamburger Hafen einlaufen oder über die Elbe in die Weltmeere hinausfahren, begrüßt und verabschiedet. Sanft schwappen Wellen ans Ufer. Ein Fahrgastschiff und der ehemalige Lotsenschoner „Elbe 5“ gleiten vorbei. „Schiffe, die kleiner als 500 Bruttoregistertonnen sind oder den nationalen Küstenbereich nicht verlassen, werden nur mit dem Dippen (Senken) der Flagge der Hansestadt empfangen“, erklärt Rolf Jensen. Der ehemalige Schiffsoffizier wechselt sich mit drei Kollegen in der Begrüßungsanlage ab.

In der kleinen Kabine fällt sofort die enorme Menge Audiokassetten auf. „Über 150 Nationalhymnen haben wir“, erläutert Jensen: „An geschäftigen Tagen grüßen wir bis zu 50 Schiffe.“ Unter dem Panoramafenster mit Elbblick sind über sechzehntausend Karteikarten mit Details zu Frachtern, Container- oder Kreuzfahrtschiffen verstaut. „Informationen über Schiffsbewegungen auf der Elbe bekommen wir per Fax oder E-Mail vom Hamburger Schiffsmeldedienst.“ Auch zwei Monitore geben Auskunft über herannahende große Pötte. Etwa 100 Kilometer weiter Richtung Binnenland tritt Ernst Maasch auf die Terrasse vor seinem Begrüßungspavillon und winkt der Besatzung der „Timca“ zu, während die niederländische Nationalhymne ertönt. Über 200 Meter misst der schneeweiße Containerriese. „Zirka 120 Schiffe passieren pro Tag den Nord-Ostsee-Kanal. Fast dreimal mehr als beim Panama- oder Suez-Kanal“, sagt Maasch mit leuchtenden Augen: „Er ist der meist befahrene künstliche Seeschifffahrtsweg der Welt.“ 99 Kilometer zieht sich die 1895 von Kaiser Wilhelm II. eröffnete Wasserstraße durch Schleswig-Holstein. Sie verläuft von Brunsbüttel an der Elbe bis Kiel an der Ostsee und erspart den Schiffen die Passage um die Nordspitze Dänemarks und somit Zeit und Geld. Eine Kanaldurchfahrt dauert ungefähr acht Stunden.

Die Rendsburger Begrüßungsanlage gibt es seit 1996. An einer Stelle, an der sich drei Beförderungsmittel kreuzen. Während Frachter, Tanker und Kreuzfahrtschiffe mit maximal 15 Stundenkilometern Geschwindigkeit am „Ships Welcome Point“ vorbeiziehen, rattert alle zehn Minuten ein Regional- oder Güterzug über die historische Eisenbahnbrücke, die seit 1913 den Kanal überspannt. Zwei Monate nach der Einweihung wurde eine an zwölf Seilen hängende Fähre unter der Brücke befestigt, deren Fahrplan seit damals unverändert geblieben ist. Zwischen fünf und 23 Uhr schwebt sie im viertelstündigen Rhythmus über den Kanal, um maximal vier Autos und 60 Personen gratis auf die andere Seite zu bringen.

Wer schwindelfrei ist, kann die „Wilson Malm“ aus Malta, den Stückgutfrachter „Falcon“ aus Schweden oder das Containerschiff „Aura“ aus Großbritannien auch aus der Vogelperspektive bestaunen. Von Mai bis Oktober können Interessierte mit Gästeführer Dirk Petersen die 178-stufige Wendeltreppe der Eisenbahnhochbrücke erklimmen. „Wie alle weiteren neun Brücken entlang des Kanals hat sie eine Durchfahrthöhe von 42 Metern“, informiert der Gästeführer auf der Aussichtsplattform.

Das Telefon in Ernst Maaschs Pavillon klingelt unaufhörlich. Doch er muss seine Anrufer vertrösten. Die Ankunft der „Balmoral“ verzögert sich. Sie wird erst drei Stunden später als angekündigt die Begrüßungsanlage passieren. „Macht nichts. Wir wollen sowieso weiter Richtung Hamburg“, entscheidet ein Damenquartett, schwingt sich aufs Fahrrad und radelt dem Traumschiff einfach entgegen. Dagmar Krappe

Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft, Wedel bei Hamburg, Telefonnummer: 04103/92 00 15,

Schiffsbegrüßungsanlage Rendsburg, Telefon: 04331/57316,

Restaurant Brückenterrassen an der Eisenbahnhochbrücke und Schwebefähre, Telefon: 043 31/220 02.

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