Hamburg : Kormorane am Kai

Eine Kanutour durch Hamburg birgt viele Überraschungen. Beim Fruchtterminal schwimmen auch mal Bananen im Wasser.

Klaus Sieg

Wind zerzaust das Haar von Stefan Rogge. „Wichtig ist gutes Wetter“, sagt er und blickt etwas skeptisch nach oben. Dunkle Wolkenfetzen fegen über den Hamburger Himmel. Doch dazwischen blitzt es in freundlichem Blau, und das stimmt ihn zuversichtlich. „Hat irgendwer noch einen Termin heute Abend?“ Alle aus der kleinen Gruppe schütteln den Kopf. Stefan Rogge steckt sein Mobiltelefon in ein wasserfestes Etui. „Wenn es besonders schön wird, fahren wir die Tour schon mal drei statt zwei Stunden.“

Wir stehen auf einem kleinen Bootsanleger im Hamburger Stadtteil Veddel, im Rücken die historische Feuerwehrwache, vor uns der Müggenburger Zollhafen. Auf den Planken des Anlegers liegen Taue, Schwimmwesten und Paddel, im Wasser dümpeln Kanus. Bevor es losgeht, gibt es ein paar Informationen zu Sicherheit und Paddeltechnik: Auf keinen Fall im Kanu aufstehen. Das Paddel steil vorn am Boot einziehen. Einen gemeinsamen Rhythmus finden. Und so weiter. Alle nicken und steigen gespannt in die Kanus.

Vor uns liegt nicht nur eine Paddeltour. „Wasserspaziergänge“ nennt der Architekt Stefan Rogge seine Touren. Nicht auf die üblichen, pittoresken Ansichten der Stadt will er den Blick lenken, sondern auf Hamburgs eher unbekannte Seiten, dort wo die Stadt noch Ecken und Kanten hat, wo sie Kontraste bietet und sich rasant verändert. Die Fahrten führen über die Industriekanäle Hammerbrooks und Wilhelmsburgs oder durch den Spreehafen, mit Blick auf die Welt der großen und kleinen Schiffe. „Ich paddele seit Jahren kreuz und quer durch Hamburgs Gewässer“, sagt Stefan Rogge. Es gebe soviel, was man nur auf diese sanfte Art entdecken können. Also hat Stefan Rogge, der hauptberuflich ein Architekturbüro betreibt, sein Hobby zu einem zweiten Standbein ausgebaut. Bis in den Herbst hinein veranstaltet er Paddeltouren der besonderen Art, für Einzelpersonen, Schulklassen oder Betriebsausflüge.

Wir legen ab. Ruhig gleiten die beiden Kanus durch das glucksende Wasser, zunächst vorbei an den Rotklinker-Baracken des vor zwei Jahren eröffneten Auswanderermuseums Ballinstadt. „Seitdem fährt eine Barkasse direkt von den St.Pauli Landungsbrücken hierher“, sagt Stefan Rogge. Er sitzt im Heck des Kanus, auf den Knien ein Brett, unter dessen Plastikhülle Zettel mit Plänen, Zeichnungen und Notizen klemmen. Wir steuern in den Verbindungskanal zum Spreehafen. Er führt unter einer breiten Eisenbahnbrücke hindurch, einem genieteten Koloss aus Stahl. „Über uns liegen die Gleise der wichtigsten Nord-Süd-Trasse Hamburgs.“ Stefan Rogges Stimme hallt von den Wänden wider. Dann rattert plötzlich ein Güterzug über die Brücke. Metallisches Quietschen zerschneidet die Luft. „Ich verstehe nichts mehr“, ruft eine Teilnehmerin. Stefan Rogge grinst und zieht entschuldigend die Schultern hoch.

Im großen Becken des Spreehafens wird das Wasser kabbeliger. Der Spreehafen liegt im Areal der Internationalen Bauausstellung (IBA), so wie die angrenzenden südlichen Quartiere Veddel und Wilhelmsburg. Bis zur Endpräsentation der IBA 2013 wird es hier eine Vielzahl Kulturveranstaltungen, Planungs-Workshops und Diskussionsrunden geben.

Einst war der Spreehafen Liegeplatz für Binnenschiffe, die Waren in das osteuropäische Hinterland der Hansestadt transportierten. Längst haben Containerschiffe, Züge und Lkw den Großteil dieses Güterverkehrs übernommen. Der ungenutzte Spreehafen und seine brach liegenden Ufer bieten viel Raum für neue, stadtplanerische Ideen. „Sehr spannend ist der Entwurf, nach dem der Spreehafen wieder versanden, mit Schilf zuwachsen und mit einigen Hausbooten besiedelt werden soll.“ Stefan Rogge breitet auf seinen Knien einige Ansichtszeichnungen aus.

Durch die IBA soll die Elbinsel hinaus aus ihrer Randlage geführt und zu einem attraktiven, städtischen Wohn- und Arbeitsquartier aufgewertet werden. Ob sich das jedoch mit den Plänen zur Hafenspange verträgt, die der Hamburger Senat wieder aus der Schublade gezogen hat? Diese sehen eine Hochstraße durch den Norden von Wilhelmsburg vor. „Nach den Plänen für die Hafenspange würden wir hier direkt unter der Autobahntrasse hindurch paddeln, vorbei an großen Betonpfeilern“, erklärt der Architekt und zeigt über das dunkle Wasser. Der Containerumschlag wächst zweistellig im Hamburger Hafen. Die Hafenspange soll den wachsenden Ost-West-Verkehr im Hafen bewältigen helfen. „Es gibt auch Alternativpläne, nach denen die neue Verkehrsader durch einen Tunnel geführt wird“, erklärt Stefan Rogge.

Zurzeit bietet das Areal Spreehafen noch viele Freiräume für Mensch und Natur, für die wohl nach dem sogenannten Sprung der Stadt über die Elbe kein Platz mehr sein wird. „Auf dem Rangierbahnhof zu unserer Rechten wachsen fast fünfzig bedrohte Pflanzenarten.“ Stefan Rogge zeigt auf das Gelände am Nordrand des Hafenbeckens. Auf den Befestigungspfählen vor der Kaimauer sitzen Kormorane und spreizen ihr Gefieder.

Am gegenüber liegenden Ufer des Spreehafens liegt eine lange Reihe bunter Hausboote. Umgebaute Schuten, Kleinfähren oder Barkassen, sämtlich stillgelegte Gefährte, die als Büros oder Filmkulissen vermietet werden. Farbe blättert von Holzwänden und Stahlrümpfen. Auf einem Ponton hat jemand eine Blockhütte gezimmert. Ein Windrad dreht sich auf dem Dach. Ein verrosteter Grill und Hängematten runden die Idylle ab.

Auf dem Deich hinter der Hausbootkulisse trennt ein hoher, grauer Zaun das Spreehafenareal von den Stadtteilen Veddel und Wilhelmsburg. Erst wenn diese Freihafengrenze verschoben wird, haben die Bewohner der Elbinsel einen Zugang zum Wasser. Der Spreehafen könnte die Alster der Elbinsel werden, mit Blick auf die Welt der großen Pötte. „Die beginnt bereits dort hinten“, sagt Stefan Rogge und zeigt in Richtung Westen, wo hinter dem Reiherstieg gewaltige Containerbrücken in den Himmel ragen. Lange sollte Wilhelmsburg einer Hafenerweiterung geopfert werden. Zumal die sehr tief gelegene Elbinsel von der Sturmflut 1962 besonders stark betroffen war. „Erst jetzt wird der Stadtteil wirklich entwickelt“, sagt Stefan Rogge.

Wir steuern die Durchfahrt zum Hansahafen an. Schlickige Streifen an der hohen Kaimauer markieren die unterschiedlichen Wasserstandslinien. „Hello“ hat jemand in großen, weißen Lettern auf das rissige Grau gepinselt. Oben auf dem Kai stehen vereinzelte blaue, rote und orangefarbene Container. Auf dem Areal daneben wächst Gras durch das Pflaster. An der Kante halten Angler ihre Ruten ins Wasser. Als wir vorbeifahren, heben sie grüßend die Hand. Die alten, grauen Stückgutkräne im Hansahafen müssten eigentlich Wahrzeichen der Stadt sein, so wie der dahinter sichtbare Fernsehturm, die St. Katharinen Kirche oder der Michel. Das „Museum der Arbeit“ unterhält auf dieser Seite des Hansahafens eine Art Hafenzweigstelle. In historisch gewachsenem Ambiente wird der Stückgutumschlag erklärt und gezeigt, wie ein Kran mit Dampfantrieb funktioniert. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens wird auf dem Fruchtterminal noch „in echt“ gelöscht. „Manchmal schwimmen hier deshalb Bananen im Wasser“, berichtet Stefan Rogge.

Auf dem Rückweg fallen Streifen fahlen Lichts durch die Zwischenräume der Träger und Streben der Eisenbahnbrücke. Kurz vorm Untergehen strengt sich die Abendsonne noch einmal an. Die Ziegeldächer der Siedlung am Reiherstieg leuchten in tiefem Rot.

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