Reise : Harmonie am Berg

Wer im Schnee gern zu Fuß unterwegs ist, findet rund um Saas-Fee viele Pfade. Manche führen auch zu (Kultur-)Genüssen

Rolf Wilms
Rustikal mit Stil. Das Ortsbild von Saas-Fee ist überschaubar. Am besten natürlich vom Terrassencafé. Foto: Rolf Wilms
Rustikal mit Stil. Das Ortsbild von Saas-Fee ist überschaubar. Am besten natürlich vom Terrassencafé. Foto: Rolf Wilms

Am Ende der Welt wird es hell! Wer als Neuankömmling aus der dunklen Halle des Busbahnhofs tritt, reibt sich unwillkürlich die Augen und blinzelt hinauf zu den glänzenden Eisgipfeln, die das Walliser Gletscherdorf wie eine weiße Mauer umgeben. Nach der kurvenreichen Fahrt durch das enge Tal der Visper ist die Ankunft im weiten Kessel von Saas-Fee eine echte Überraschung. „Man steht ganz plötzlich vor einem Anblick, wie er mir nie und nirgends begegnet ist … am Ende der Welt und zugleich an ihrem Ursprung. … ein gewaltiger silberner Rahmen, Schneegipfel in einer Anordnung von unerklärlicher Harmonie …“. So schwärmte Carl Zuckmayer (1896 bis 1977) von dem kleinen Ort am Fuß des Feegletschers, den er und seine Frau Alice 1958 zu ihrer Wahlheimat machten.

Vielleicht würde der Dichter sein geliebtes Saas-Fee, das bis heute viele Erinnerungen an ihn aufbewahrt, kaum noch wiedererkennen. Die Tradition wird zwar hochgehalten, doch der Tourismus hat auch vieles verändert. Neben alten Heustadeln aus Lärchenholz erheben sich neue Hotels, die jedoch – und das versöhnt dann auch den traditionsverliebten Gast – mit ihrer Chalet-Bauweise an den Stil der Vergangenheit anknüpfen. „Saas-Fee ist gewachsen und wohlhabend geworden, aber immer noch ein Bergdorf geblieben“, sagt David Graefen vom Verkehrsbüro.

Eine 1991 erbaute breite Brücke, die zu den Seilbahnstationen führt, stört doch ein wenig die Dorfidylle, aber der Blick in das vereiste Bett der wilden Visper und auf das Gletscherpanorama im Hintergrund ist von hier aus besonders eindrucksvoll. Als Winterwanderer bevorzugt man den Schneepfad, der neben der historischen anglikanischen Kapelle hinab zum Rand der Schlucht führt. Das kleine Hotel La Gorge ist der zünftige Treffpunkt der Kletterer, die auch im Winter an Seilen und auf Leitern im Cañon das eisige Abenteuer suchen. Es ist aber auch ein Tipp für Gourmets, die im Schweizer Wallis gern französische Leckereien genießen. Besonders romantisch speist es sich hier auch deshalb, weil man deutlich das Rauschen des Wildbachs hört.

Alt und Neu begegnen sich auch in der Dorfmitte, wo die moderne Kirche mit dem frei stehenden dreieckigen Glockenturm einen hübschen Kontrast zu den beiden ältesten Hotels aus der Gründerzeit bildet. Lieblingsunterkunft der englischen Alpenpioniere im 19. Jahrhundert war damals das luxuriöse „du Glacier“, dessen klassischer Stil an die Zeit der Belle Epoque erinnert.

Am Ende des Winterspaziergangs durch das autofreie Gletscherdorf lockt ein Besuch des ältesten Hauses von Saas Fee, in dem jetzt ein Museum mit zahlreichen Exponaten aus der Geschichte des Almdorfes untergebracht ist. Im Obergeschoss steht der Besucher unvermittelt im schlichten, aber zweckmäßig eingerichteten Arbeitszimmer von Carl Zuckmayer, der hier seinen autobiografischen Roman „Als wär’s ein Stück von mir“ geschrieben hat. Alles wirkt so, als sei der Dichter nur mal eben aus dem Raum gegangen.

Das Saastal ist zwar auf alle Arten von Wintersport eingerichtet, doch längst haben die Einwohner ihr Herz auch für Gäste entdeckt, die der Pistenrummel auf den Nordhängen des Allalin kalt lässt und die den reichlich vorhandenen Schnee gemütlich zu Fuß genießen wollen. Rund 52 Kilometer Winterwanderwege existieren rundherum, die nach jedem Schneefall neu präpariert werden. Ein Schneemannsymbol auf den gelben Wanderwegweisern zeigt an, dass diese Wege exklusiv für Winterwanderer reserviert sind, so dass man in der Regel keine gefährlichen Begegnungen mit Ski- oder Rodelfahrern befürchten muss.

Der Neuling beginnt am besten auf dem Carl-Zuckmayer-Weg eine verblüffend aussichtsreiche Höhenwanderung oberhalb von Saas Fee. Gleich hinter dem ehemaligen Wohnhaus des Dichters geht es durch den verschneiten Winterwald hinauf zum Café Alpenblick. Aus der Vogelperspektive ist der Blick auf das Dorf, die Sportarena Kalbermatten mit Natureisbahn und den winterlichen Kinderspielplatz ein optischer Leckerbissen, aber auch das Saastal und die glitzernden Eisberge auf der anderen Seite, allen voran das Weissmies und das Fletschhorn, lohnen ein Erinnerungsfoto. Der Rundweg führt zurück nach Saas Fee. Wer noch einen Abzweig nimmt, geht in einer weiteren halben Stunde hinauf zum Aussichtsberg Hannig, wo eine Gaststätte Erfrischungen und die Seilbahn eine bequeme Rückfahrt bietet.

Für Winterwanderfreunde hält Saas Fee ein seltenes Erlebnis bereit: Eine leichte Hochgebirgswanderung auf 3000 Meter Höhe, für die man nicht einmal einen Bergführer benötigt, führt in eine grandiose Gletscherlandschaft. Der breite Panoramaweg beginnt am Felskinn (Seilbahnstation), das wie ein Turm aus den gewaltigen Eisblöcken des Feegletschers herausragt. Nur tausend Meter höher glänzt die Eiskuppel des Allalinhorns in der Sonne oder schaut malerisch aus den Gipfelwolken hervor.

Hoch über dem Saastal wandert man in knapp einer Stunde über den Chessjengletscher zur Britanniahütte, auf deren Aussichtsterrasse sich Winterwanderer, Schneeschuhläufer und Nordic Walker mit heißen oder kalten Getränken oder einem kräftigen Bergsteigeressen für den Rückweg stärken. Höhepunkt ist ein Abstecher von 20 Minuten hinauf auf den „Kleinen Allalin“ (3030 Meter) mit toller Aussicht auf die verschneiten Bergriesen ringsum. Viele Neulinge nutzen diese Möglichkeit, um ihren ersten „Dreitausender“ zu besteigen. „Wir prahlen ja nicht gern mit Rekorden, aber dieser Weg dürfte wohl einer der höchsten Winterwanderwege Europas sein“, meint Daniel Graefen. „Auf jeden Fall ist es einer der schönsten und zugleich bequemsten.“ Beim einstündigen Rückweg über das Egginerjoch faszinieren die Spitzen von Täschhorn, Dom und Nadelhorn, „... eine Kette gotischer Kathedralentürme ...“, wie Carl Zuckmayer voller Begeisterung schrieb.

Auf sportliche Wanderer mit guter Kondition und entsprechender Ausrüstung wartet am Mittelallalin der Aufstieg auf einen Viertausender, unter fachkundiger Führung natürlich. Weniger aktive Gäste genießen im höchsten Drehrestaurant der Welt (3500 Meter) den Panoramablick auf die Südalpen. Und für Romantiker und Feinschmecker gibt es noch einen besonderen Leckerbissen: Ein abendlicher Winterspaziergang auf dem beleuchteten Weg hinauf zu Hohneggs Fonduehütte wird getoppt von einem köstlichen Menü hoch über Saas-Fee.

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