Harz : Alles ist Schach

In Ströbeck am Harz sitzen die Menschen gern und oft am Brett. Zum Fest im Mai verkleiden sich die Bewohner gar als Figuren.

Peter Münder
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Schachmatt! In der Grundschule von Ströbeck gehört das königliche Spiel (noch) zum Pflichtprogramm. Doch das Interesse der...Foto: H. D. Zinn/laif

Für Pokerspieler ist Las Vegas mit der WM in Binion’s Horseshoe Casino das ultimative Dorado, Tenniscracks träumen von Wimbledon. Und Schachspieler? Manche glühenden Anhänger des Brettsports pilgern heute noch nach Reykjavik, um in der Kongresshalle das legendäre Weltmeisterschaftsturnier zwischen Bobby Fischer und dem Russen Boris Spasski irgendwie nachzuerleben. Doch längst nicht alle haben bisher vom spektakulären Lebendschach-Festival im Harzerdörfchen Ströbeck gehört.

Unmittelbar vor den Toren des alten Bischofssitzes Halberstadt gelegen, signalisieren bereits die Hausfassaden mit ihren liebevoll an den Giebeln montierten Schachbrettern: Hier steht alles im Zeichen des königlichen Spiels. Der Besucher passiert den Schachturm, gelangt dann an den „Platz zum Schachspiel“ und erreicht schließlich das Schachmuseum. Doch dafür ist später noch Zeit. Gleich gegenüber liegt der Schachladen von Renate Krosch, Ehefrau des Bürgermeisters Rudi Krosch, wo die beiden Besucher Quartier beziehen wollen. Erste Frage: „Brauchen Sie noch ein größeres Brett?“ Dabei hat die gute Frau schon ein mittelgroßes ausklappbares Schachbrett ins Zimmer gestellt. Da geht natürlich jedem Schachspieler das Herz auf, vor allem, wenn man dann noch im Schachladen all die prächtigen Schachbücher, handgefertigten Holzbretter, Schoko-Schachfiguren, Taschen mit Schachbrettmustern und die mit Schachfeldern dekorierten Gardinen erspäht.

Da wundert es einen denn doch schon, dass im kleinen Bäckerladen am Schachplatz Brötchen an der Theke liegen, die tatsächlich keine Schachbrettmuster haben. Der Bäcker ein Skatspieler? Keineswegs: „Torten mit Schachbrettmuster kann ich Ihnen natürlich anbieten“, beruhigt die freundliche Bäckersfrau, „aber keine Brötchen. Ich bin ja selbst begeisterte Schachspielerin, war früher auch in der Schulschachtruppe und weiß natürlich immer noch ganz gut, wie man die Spanische Partie richtig behandelt.“

Ein Rundgang durch den mehr als 1000 Jahre alten Ort mit fast 1200 Einwohnern hebt die Stimmung: Fachwerkhäuser wie aus dem Bilderbuch, aus leeren Flaschen montierte Kronen und Körbe auf Häusersimsen, ein „Gasthof zum Schachspiel“ (derzeit ohne Betreiber), schließlich ein „Gasthaus Prinz von Preußen“ – das alles wirkt wie ein Blick ins Postkartenalbum einer romantischen Heile-Welt-Epoche. Wie kam es also zur allgemeinen Schachbegeisterung in Ströbeck?

Um die Hintergründe der ausgewiesenen Lust auf das Königsspiel zu eruieren, hilft ein Besuch im fein restaurierten Museum, in dem sogar ein Trauzimmer untergebracht ist. Im Medienraum zeigt Museumsangestellte Nancy Anglett einen Film über Ströbeck und seine Geschichte. Und so erfährt der Besucher zum Beispiel, dass im Jahr 1651 der große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg auf einer Inspektionsreise durch die nach dem Dreißigjährigen Krieg dazugewonnenen Landesteile auch den Flecken Ströpcke besuchte. Er schenkte den Bewohnern ein wunderschönes Schachbrett mit kunstvollen Einlegearbeiten und dazu silberne Schachfiguren (die leider irgendwann im Lauf der turbulenten Zeiten verloren gingen). Das Schachbrett des großen Kurfürsten hängt heute im Schachmuseum – Beweis der uralten Tradition des Dorfes. Im ersten Stock gibt es dann historische Fotos, Namenslisten berühmter Teilnehmer an Simultanturnieren, Urkunden der Lasker-Schachschule sowie ein dreidimensionales Schachspiel. Im Keller kann man Porträts der Weltmeister Capablanca, Aljechin und anderer bestaunen.

Bilder und Stiche verdeutlichen, worauf die Schachmanie der Ströbecker beruht und auf welche Legenden sie zurückgeführt wird. Im Grunde illustriert sie nur die grenzenlose Dankbarkeit der Einwohner, die sich dafür erkenntlich zeigten, dass ihnen ein um das Jahr 1000 im Turm eingesperrter Fürst, der von den Ströbeckern trotz allgemeiner kriegerischer Auseinandersetzungen gut behandelt wurde, das Schachspielen beibrachte.

Es gibt noch andere Versionen dieser Legende – mit kirchlichen und anderen Würdenträgern als Hauptfiguren –, aber es geht immer um die Dankbarkeit der Ströbecker, denen die Gnade früher Schachlektionen zuteilwurde, was sie seit 1000 Jahren mit dem beeindruckenden Lebendschach und anderen Schachritualen zelebrieren.

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Nur wenige Schritte entfernt, direkt neben dem Schachturm, hat der seit 1883 existierende Schachklub sein Spiellokal. Ganz ohne Sorgen ist man hier nicht, erfährt der Besucher. Das Engagement der Jugendlichen beginne zu bröckeln, heißt es. Nach der jüngsten Gebietsreform gebe es kein Gymnasium mehr in Ströbeck und Schach als Pflichtfach – jahrzehntelang in der DDR angeboten – werde nur noch in der 2. bis 4. Grundschulklasse praktiziert. Zu wenig Stimulation, meinen die Vereinsmitglieder. Auch am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Halberstadt wird Schach nur noch als sogenanntes Neigungsfach angeboten. Das allerdings von zwei sehr engagierten Trainerinnen.

Trotz dieser Eintrübung am Schachhimmel wird es ein anregender Abend mit den Schachfreunden. Es werden einige Blitzpartien gespielt und Vereinsaktivitäten besprochen. Dabei erfährt der Besucher auch von dem holländischen Partnerstädtchen Wijk aan Zee, wo regelmäßig zum Jahresanfang ein internationales Großmeisterturnier stattfindet. Die Ströbecker Spieler reisen schon seit einiger Zeit dorthin und nehmen an einem Parallelturnier für „normale“ Clubspieler teil. „Wir kommen dort immer privat unter und fühlen uns wie bei Freunden zu Haus – es ist jedenfalls eine wunderbare, harmonische Atmosphäre, und die legendären Großmeister wie Anand, Topalev, Short oder das junge norwegische Genie Carlsen kann man dort auch am Brett erleben“, schwärmt Christian Harig, der für die Jugendarbeit in Ströbeck zuständig ist. Auch die Holländer sind regelmäßig zu Gast im Ostharz – ein europäischer Sportsgeist, der früher undenkbar schien.

Ein Blick auf die mit Urkunden und Auszeichnungen gepflasterten Wände zeigt, dass hier die DDR-Epoche keineswegs ausblendet wird. Schließlich war es für die Dörfler auch eine besonders erfolgreiche Zeit in Sachen Schach. Zu entdecken ist etwa eine FDJ-Urkunde, die im Juli 1971 dem Schulklassenkollektiv der 5 A überreicht wurde „für vorbildliche Arbeit bei der Erfüllung des Pionierauftrags“, wie es heißt. In dicken roten Lettern prangt darüber die Losung: „An der Seite der Genossen – vollbringt hohe Leistungen zu Ehren der DDR“. Unterschrift: Egon Krenz. Nun ja, der Ruhm der Ströbecker Schacheleven vermochte zwar nicht die DDR zu retten. Doch immerhin: Das Dorf wurde durch die Leistungen am Brett prominent auf der neu gezeichneten Landkarte der deutschen und internationalen Schachwelt.

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