Havelland : Mittagsrast bei Wassersuppe

Auf einer Hausboottour durchs Havelland lernt der Freizeitkapitän nicht nur neue Ortsnamen kennen, sondern auch den Genuss der Langsamkeit.

Axel Pinck

Die frühe Morgensonne schickt ihre wärmenden Strahlen auf das Achterdeck. Leise glucksen die Wellen gegen den Rumpf des Hausbootes, ein Windhauch raschelt durch das Uferschilf der Havel. Brötchen gibt es frisch vom Dorfbäcker, alles andere stellt die Kombüse bereit, deren Vorräte im Supermarkt von Rathenow aufgestockt wurden. Ein neuer Urlaubstag an Bord der „Lurchi“ kann beginnen, mit einem Familienfrühstück unter freiem Himmel.

Nach einer ausführlichen Einweisung bei Übernahme des Hausbootes in Plaue, zu der auch das probeweise Auslaufen und Anlegen gehört, sind wir gestartet. Ein Bootsführerschein ist auf dieser Strecke nicht erforderlich. Die Havel schlängelt sich, schon mit dem Wasser der Spree im Gepäck, gemächlich durch die Mark Brandenburg. Ruhig zieht der Fluss vorbei an Pritzerbe, einem beschaulichen Fischerstädtchen mit langer Tradition. Mit drei Pkws huckepack zuckelt eine Autofähre quer über den Fluss.

Erste Station: Rathenow. Der Anleger gleich vor der Stadtschleuse liegt zentral, bestens, um das historische Zentrum mit seinen barocken Bürgerhäusern zu Fuß zu erkunden. Otto Lilienthal unternahm einst in der Nähe erste Flugversuche, der in der Stadt geborene Theologe und Optiker Dunker legte den Grundstein für die optische Industrie in Preußen. Im Optikpark von Rathenow, einst Schauplatz der Landesgartenschau 2006, lohnt sich ein Spaziergang durch die dekorative Blütenpracht. Doch die jüngeren Bordmitglieder suchen lieber Abenteuer auf den abwechslungsreichen Klettergerüsten des Spielplatzes.

Der nächste Morgen beginnt mit einer Herausforderung für die Bootscrew. Es geht durch die Stadtschleuse, glücklicherweise mithilfe des Schleusenwärters. Bei dem Manöver soll jeder Handgriff sitzen, es könnte sonst arg peinlich werden. Schließlich haben sich bereits mehrere freundlich interessierte Schaulustige am Ufer versammelt. Die Aufgaben sind vorher klar verteilt: Der Skipper, im Nebenberuf Mutter, steht am Ruder und gibt die Order, Deckshand Bug, ansonsten Sohn und Fußballer, sowie Deckshand Heck, an Land Tochter und Computerspezialistin, bedienen die Leinen. Vater und jüngster Sohn fotografieren das Ganze und beschränken sich auf fachmännische Kommentare. Wichtige Grundregeln: Nie den Arm über Bord hängen lassen und die Leinen zwar um die Poller an Land und eine Klampe an Bord führen, aber nicht mit einem Knoten belegen – so war uns bei der Bootsübernahme eingeschärft worden. Und trotz Herzklopfen, alles klappt wunderbar, ohne die kleinste Schramme geht es nach Öffnen der Schleusentore wieder auf die Havel hinaus. Klar, dass die gesamte Crew stolz ist und dass die beiden unfreiwilligen Zuschauer nun für die nächste Schleuse verantwortliche Positionen beim Manöver für sich beanspruchen.

Weiter die Havel flussabwärts. Der Schiffsbug teilt gleichmäßig die in der Sonne glitzernde Wasseroberfläche. Der Motor der „Lurchi“ brummt beruhigend. Bei gemütlichem Tempo von weniger als zehn Kilometer pro Stunde ziehen Schrebergartenkolonien vorbei, Kühe schauen interessiert von ihren Weiden der munteren Bootsgesellschaft zu. Bald begleiten mit dichtem Grün bewachsene Uferböschungen das Schiff, der blaue, von einigen Schäfchenwolken aufgelockerte Himmel spiegelt sich im Wasser des Flusses. Das blaue Band der Havel, ihrer Zuflüsse und der vielen mit ihr verbundenen Seen reicht weit nach Mecklenburg-Vorpommern.

Der Naturpark Westhavelland gehört zu den größten Binnenfeuchtgebieten Westeuropas. Hier bauen Biber ihre Dämme, tauchen Fischotter nach Beute. Seeadler, Störche, Kraniche, Wildgänse, Enten und ganze Heerscharen anderer Wasservögel fühlen sich in der Wasserlandschaft zu Hause. Flora und Fauna präsentieren sich an vielen Stellen noch so, wie sie Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschrieben hat.

„Besucht unbedingt den Hohennauer See“, war uns bei der Bootsübernahme geraten worden. Und so erreichen wir beim Stromkilometer 115,5 UHW (Untere-Havel-Wasserstraße) über einen eineinhalb Kilometer langen Stichkanal die Hohennauer-Ferchesarer Seenkette. Ein echter Geheimtipp, wir scheinen ganz alleine zu sein. Na ja, doch nicht ganz, jetzt sehen wir in der Ferne ein zweites Hausboot, und da tauchen noch zwei schnittige Jollen mit geschwellten Segeln aus einer versteckten Bucht auf.

Schon in den 1920er Jahren galten die Seen nördlich von Rathenow als „Perlen des westlichen Havellandes“. Heute hält sich der Auflauf in Grenzen. Zwei Campingplätze am Wasser, ein Golfhotel nicht weit entfernt und der Jachthafen am benachbarten Ferchesarer See. Wir suchen uns eine einsame Bucht nicht weit vom „Wasserwanderrastplatz Wassersuppe“, wo ein weiterer schmaler Kanal die Verbindung zum Witzger See eröffnet.

Der Name des Rastplatzes lässt bei den Kindern Befürchtungen über die Speisenfolge beim Abendessen aufkommen. Doch heute bleibt die Kombüse kalt, der Smutje hat Pause. Gegessen wird bestens zubereiteter Fisch im Restaurant Strandgut, auf der Haut gebratener Zander und gebackene Maräne, frisch aus dem See.

Spätabends dann ein Naturschauspiel der besonderen Art. Ein entferntes Gewitter macht den Himmel zur Bühne. Wetterleuchten, Blitze zucken über das Firmament, dazu dumpfes Donnergrollen. Tagsüber zeigt sich die Sonne wieder, als wenn nichts gewesen wäre. Nur das Grün von Schilf, Wiesen und Wäldern scheint eine Spur frischer und intensiver als am Abend zuvor. Ein herrlicher Sommertag am See, mit Luftmatratze und Wasserspaß, mit Buch und Dösen im Schatten der Mittagssonne. Kann Urlaub schöner sein?

Die gemütliche Rückfahrt stromaufwärts sieht uns die Schleusen bereits mit der Gelassenheit erfahrener Skipper meistern. Mit Wehmut verlassen wir im Hafen von Plaue „unseren Lurchi“, der für eine Woche gleichzeitig Zuhause und unser Fortbewegungsmittel war.

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