Holland : Rembrandts Affäre

Gouda: Bunte Fenster, schmale Kanäle, Gotik und geheimnisvolle Geschichten.

Laib für Laib. Der Käsemarkt im Mai ist Tradition in Gouda.
Laib für Laib. Der Käsemarkt im Mai ist Tradition in Gouda.Foto: picture-alliance/dpa

Der holländischen Stadt Gouda geht es wie Meißen mit seinem Porzellan oder Pilsen mit seinem Bier. Man denkt bei ihrem Namen nicht etwa an ein Städtchen mit schmucken Bürgerhäusern, sondern an ein Produkt, den Gouda-Käse. Dabei hat das 70 000-Einwohner-Städtchen bei Rotterdam so viel mehr zu bieten. Gouda, von schmalen Kanälen durchzogen, wirkt wie Holland in Miniatur. Selbst das gotische Rathaus hat mit seinen roten Fensterläden und zierlichen Skulpturen etwas Puppenstubenhaftes.

Größter Schatz der Stadt sind die „Goudse Glazen“, die „Gouda’schen Gläser“: 70 Buntglasfenster in der Sint Janskerk. Sie stammen aus den unterschiedlichsten Epochen, vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, und bilden doch eine Einheit. Den Kirchenbesuch muss man zwingend bei Sonnenschein besuchen, nur dann kommt das Farbenspiel der Gläser zur Geltung. Jedes Fenster erzählt eine eigene Geschichte. Da lässt sich zum Beispiel die Belagerung von Leiden nacherleben. Die Stadt war 1574 eines der letzten Bollwerke im Freiheitskampf der Niederländer gegen die mächtigen Spanier. Als die Lage schon aussichtslos schien, durchstachen die Rebellen des Wilhelm von Oranien die Deiche – und das unter dem Meeresspiegel liegende Land wurde überflutet. Die Spanier flohen, aber die Niederländer fuhren mit ihren Schiffen bis an die Stadtmauer und versorgten die hungernden Bewohner mit Lebensmitteln.

In vielen niederländischen Kirchen wurden die Farbfenster im 16. Jahrhundert von radikalen Calvinisten herausgerissen. Es war eine massenhafte Vernichtung von Kulturgut. Doch in Gouda kamen die Fanatiker nicht zum Zug. Die Stadt war ein Hort der Toleranz.

Wer heute die verschwiegenen Winkel Goudas erkundet, wird sich nur schwer davon überzeugen können, dass die Stadt auch ihre Schattenseiten hatte. Geradezu malerisch wirkt das „Lazaruspoortje“, doch einst war es das Tor zur Hölle – das Aussätzigenhaus. Im Gefängnis von Gouda ließ der Maler Rembrandt 1650 seine frühere Geliebte Geertje Dircx einsperren, nachdem er eine Affäre mit einer Jüngeren begonnen hatte. Erst fünf Jahre später wurde Geertje von einer Freundin befreit – gegen Rembrandts erbitterten Widerstand.

Auf dem Marktplatz hat sich sogar die Akustik Althollands erhalten. Vom Rathaus wehen jede halbe Stunde die Melodien eines Glockenspiels herüber – folgt man den Klängen, sieht man, dass die Spieluhr mit beweglichen Figuren ausgestattet ist. In solchen Momenten kann man „lekker wegdromen“, wie der Niederländer sagt: Erinnerungen nachhängen und die Gedanken schweifen lassen. Dafür ist Gouda wie geschaffen. (dpa/Tsp)

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