ICE Frankfurt-Berlin : Und dann naht die Glücksfee

Ohne Halt braust der ICE-Sprinter von Frankfurt am Main nach Berlin. Eine Testfahrt mit Höhen und Tiefen.

Gerhard Fitzthum
ICE
Nonstop bis zum Ziel: Nirgendwo erinnern einen aussteigende Menschen daran, dass man selbst noch nicht angekommen ist. -Foto: Imago

Fliegen ist out, Schiene ist in. Zwischen Frankfurt am Main und Berlin fährt sogar ein ganz schneller Zug: der ICE-Sprinter. Nur dreieinhalb Stunden braucht er für die knapp 600 Kilometer lange Stecke. Also ein Ticket gebucht, mit zehn Euro „Sprinterzuschlag“.

Anderntags auf dem Weg zum Frankfurter Bahnhof spüre ich einen Anflug von Lampenfieber: Wie wird er aussehen, der Zug? Wie die Menschen, die in ihm reisen? Wird es brechend voll sein oder gespenstisch leer? Werde ich vergeblich nach einer PC-Steckdose suchen müssen und am Ende nicht einmal rauchen dürfen?

Ich erreiche Gleis 9 fünf Minuten vor der fahrplanmäßigen Abfahrt. Es ist das einzige Gleis, auf dem kein Zug steht, und das einzige, an dem die Ansage ausgefallen ist. Ausgefallen ist untertrieben – die Front des Anzeigekastens ist heruntergeklappt, man schaut in die zerzausten Eingeweide des Apparats – kein gutes Omen.

An der Hauptanzeigetafel zeigt sich das ganze Ausmaß des Unheils: „Approx. 25 min. delay“, steht dort. Ich habe mir den einzigen Zug ausgesucht, der heute Verspätung hat. Also zum Service Point. „Gibt es eine schnellere Möglichkeit als die schnellste, um nach Berlin zu kommen?“ Der junge Mann starrt mich entgeistert an. „Ich meine, gibt es eine andere Möglichkeit, als auf den verspäteten Sprinter zu warten?“ – „Tut mir leid!“, antwortet er, bemüht freundlich. „Kommt der Zug wirklich in 25 Minuten?“ – „Sicher, nur ein Böschungsbrand bei Mannheim!“ – „Den Sprinter-Zuschlag erhält man ja wohl zurück!?“ – „Nur bei über 30 Minuten Verspätung!“ Ich bin überzeugt, das Geld schon in der Börse zu haben.

18 Uhr 50, fünfunddreißig Minuten nach Plan, fahren wir ab, vollbesetzt und unklimatisiert. Im Nachbarwaggon war die Klimaanlage ausgefallen. Beim Versuch, den Schaden zu beheben, hat das mobile Kompetenzteam der DB offenbar das ganze System außer Kraft gesetzt. Die Stimmung ist schlecht, trotz der kostenlosen Getränke, die nun angeboten werden. An unserem Nebentisch der erste Tobsuchtsanfall: „Wenn nicht innerhalb von zehn Minuten die Klimaanlage wieder geht, werde ich die Bahn verklagen,“ brüllt ein schweißgebadeter Mann den Zugchef an. Die Drohung zeigt Wirkung. Schon nach einer Viertelstunde beginnt es, merklich kühler zu werden. Auch schleppt man nun große Stapel von Gratiszeitungen ins Abteil – genug Lesestoff, um für weitere fünf Böschungsbrände gerüstet zu sein. „War es ein großes Feuer?“, frage ich meinen Sitznachbarn, der schon im Sprinter saß, als dieser noch als ganz normaler ICE durch Süddeutschland fuhr. „Nichts davon gesehen“, sagt er. „Eine der beliebtesten Ausreden!“, raunt der Choleriker vom anderen Tisch herüber, „glauben Sie kein Wort.“

Der Stachel der Verunsicherung sitzt tief. War vielleicht auch der Ausfall der Klimaanlage nur ein psychologischer Schachzug: Wer kurz vor dem Hitzekollaps steht und bemerkt, wie es langsam wieder kühler wird, gerät zwangsläufig in eine Haltung der Dankbarkeit! Mir geht’s gut. Draußen fliegen herrlich grüne Landschaften vorbei, ein stahlblauer Himmel wölbt sich über das nordhessische Idyll, und hier drinnen ist es angenehm kühl. Die meisten Köpfe der Mitreisenden stecken hinter aufgeschlagenen Zeitungen, nirgendwo plärrende Kleinkinder, kein Halbwüchsiger beschallt uns mittels Walkman und Kopfhörer. Zehn Euro sind offenbar ein gutes Schutzgeld. Von den Berufspendlern und Geschäftsreisenden scheint aller Stress abgefallen. Ein Teil von ihnen hockt friedlich vor dem PC, der andere hat sich in den verdienten Afterwork-Schlummer zurückgezogen.

Inzwischen ist mir auch der Hauptvorzug des Reisens ohne Zwischenhalt klar: Nirgendwo erinnern einen aussteigende Menschen daran, dass man selber noch nicht angekommen ist. Man ist einfach unterwegs, braust sorglos seinem Ziel entgegen, muss nicht einmal befürchten, versehentlich am falschen Bahnhof auszusteigen.

Um halb neun erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt. Einer Glücksfee gleich schlendert die Schaffnerin nun mit einem dicken Packen Zehn-Euro-Gutscheine von Sitz zu Sitz. Alle bekommen den Sprinter-Aufpreis zurück, selbst mein Nachbar, der gar keinen bezahlt hatte. Er kommt aus der Schweiz, wo die Schweizer Bahn (SBB) für ICE-Fahrscheine grundsätzlich ein Extraticket druckt. Ob die Angestellte dies nicht sah oder nur nicht sehen wollte, wird ihr Geheimnis bleiben. Wer mehrmals täglich von Frankfurt nach Berlin katapultiert wird, hält sich mit solchem Kleinkram nicht auf.

Exakt nach den versprochenen dreieinhalb Fahrstunden rollen wir in den Berliner Hauptbahnhof ein. Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, kein Flieger hätte da mithalten können – die Ein- und Auscheckzeit miteingerechnet. Vor allem wäre einem dort die belebende Mischung von Tief- und Höhepunkten entgangen.

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