Ilmtal-Radweg : In Goethes Natur

Mit jeder Pedalumdrehung geht es tiefer in die deutsche Geistesgeschichte: Warum der Ilmtal-Radweg so beliebt ist.

Gerhard Fitzthum
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Nur keine Eile auf dem Ilm-Radweg. Wer schnell durch die Natur braust, verpasst möglicherweise auch den Nachbau von Goethes...

Allzunah liegt fern der Welt. Eine Handvoll schiefergedeckte Häuschen in dem Dorf dämmern hier vor sich hin – in einer kleinen Lichtung ganz oben am Kamm des Thüringer Waldes. Die Genussradler kommen sich auf der Terrasse des kleinen Gasthauses etwas verloren vor – umgeben von Mountainbikern in dreckbespritzten Kampfanzügen, die sich den Rennsteigradweg als Härtetest auserkoren haben. Dass sie mit der Bahn heraufgekommen sind und nun locker-leicht ins Ilmtal hinunterradeln wollen, behalten die „Normalos“ da lieber für sich.

Warum gerade der thüringische Ilmtal-Radwanderweg? Nun, ganz einfach: Bei einer der vielen Studien, mit denen zurzeit der boomende Radtourismus untersucht wird, hat der scheinbar Unscheinbare unter den Flussradwegen die bekanntere Konkurrenz weit hinter sich gelassen: Mehr als zwei Drittel derjenigen, die die 125 Kilometer bis zur Saale- Mündung bisher abgeradelt hatten, wollten diese Route weiterempfehlen, und jeder Zweite gab an, die Strecke noch ein weiteres Mal fahren zu wollen.

Warum der Ilmtal-Radweg so viel Zuspruch erfährt, erahnt man schon auf den ersten Kilometern: Die Mittelgebirgslandschaft ist von einer faszinierenden Ursprünglichkeit. Außer Vogelgezwitscher ist nur das Rauschen des Wildbachs zu hören, der in unzähligen Windungen talwärts strömt. Noch idyllischer wird es, wo sich Taubach und Lengwitz zur Ilm vereinen. Nun geht es durch Feuchtwiesen, in die sich der schmale Naturweg perfekt einpasst. Überall gluckst es, Frösche tauchen ab, wenn man ihnen zu nah kommt. Dann rollen die Räder am Waldsaum auf einem Teppich von Tannennadeln dahin. Kaum zu glauben, dass auf einem ausgewiesenen Radfernweg die Natur so zum Greifen nahe ist.

Am Marktplatz von Ilmenau sitzt Goethe einsam auf einer Bank. Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar, sein Freund und Arbeitgeber, hatte ihn seinerzeit in das Bergbaustädtchen geschickt, um ein funktionierendes Steuersystem zu installieren und die Kupfer- und Silberminen wiederzubeleben. Während seiner zahlreichen Besuche wohnte der Dichter/Administrator im feudalen Obergeschoss des Amtshauses, vor dem er jetzt als Bronzefigur Platz genommen hat. Zahllose Spaziergänge führten den begeisterten Naturforscher das muntere Flüsschen entlang, in kaum betretene Seitentäler, bis hinauf ins waldreiche Gebirge.

Mit jeder Pedalumdrehung geht es nun tiefer in die deutsche Geistesgeschichte. Schließlich liegt das Ilmtal nicht nur geografisch im Herzen Deutschlands – von hier gingen Ende des 18. Jahrhunderts auch die entscheidenden Impulse für Literatur, Kunst und Musik aus. Ermöglicht wurden sie von einem jener kleinen Fürstentümer, die ihren chronischen Geldmangel durch Repräsentation zu kompensieren pflegten – und sich deshalb mit Dichtern und Denkern schmückten. Die zentrale Rolle spielte natürlich Weimar, Goethes eigentliche Wirkungsstätte. Doch das Ziel liegt noch weit.

Einstweilen geht es weiter entlang der Ilm – mal auf Asphalt, mal auf dem weißen Band gut befestigter Flurwege, die mit feinem Kalksplitt bestreut sind. Der Wildbach hat sich zu einem mit Weiden und Erlen gesäumten Flüsschen gemausert, das immer wieder auf Stegen und historischen Brücken gekreuzt wird. Dass die primäre Fortbewegungsart des modernen Menschen das Autofahren ist, mag man kaum noch glauben: Die Sträßchen, die der Radweg quert und gelegentlich auch mal für kurze Zeit benutzt, haben fast alle nur lokale Bedeutung, das Dauerrauschen von Schnell- und Umgehungsstraßen ist nirgendwo zu hören – im großen Unterschied zu vielen Flusstälern des Westens.

Mittagspause in Stadtilm – auf dem größten Marktplatz Thüringens. Das Städtchen besticht durch die mittelalterliche Marienkirche und das feudale Rathaus, das bis zur Reformation ein Zisterzienser-Nonnenkloster war. Wer sich in den Straßen und Gassen etwas genauer umschaut, wird allerdings nachdenklich: Von „blühenden Landschaften“ kann in diesem Teil des Ostens noch keine Rede sein. Neben einigen herausgeputzten Häusern findet sich viel Leerstand und Verfall. Schlimmer noch in Kranichfeld, in dem zwei mittelalterliche Burgen vom desolaten Stadtbild ablenken. Für junge Thüringer liegt der Westen zu nah, um nicht wegzugehen.

Nach Kranichfeld wird es wieder gebirgiger. Plötzlich ragen senkrechte Karstfelsen aus dem Wald hervor. Am spektakulärsten ist das Landschaftsbild dann in der Gegend von Buchfart. Eine uralte holzgedeckte Brücke überspannt hier die Ilm, direkt daneben dreht das Riesenrad einer restaurierten Getreidemühle geduldig seine Kreise.

In Weimar hat sich Schiller zu Goethe gesellt. Vor dem Deutschen Nationaltheater stehen ihre Bronzefiguren überlebensgroß und kollegial nebeneinander. Was soll man über die europäische Kulturhauptstadt 1999 sagen? Durch jede Gasse weht das kulturelle Leben der deutschen Klassik. Stadtschloss, Wittumspalais, Herzogin- Anna-Amalia-Bibliothek, Nietzsche-Archiv, Goethes Wohnhaus am Frauenplan, sein Gartenhaus – alles Punkte eines kulturtouristischen Pflichtprogramms, das der Radreisende nicht wirklich abarbeiten kann. Eine der Ausstellungen zum laufenden Bauhaus-Jahr sollte man sich aber wenigstens anschauen, am besten die im Neuen Museum.

Nach dem Trubel der Kulturstadt geht es zurück an stillere Orte wie Schloss Tiefurt, wo die Großherzogin ihre bescheidene Sommerresidenz hatte. Auf schmalem Weg geht es durch einen weitläufigen Park, durch den die Ilm mäandert. Fast jedes Dorf hat nun ein heruntergekommenes Schloss und eine halbwegs gepflegte Parkanlage. Das eindrucksvollste Ensemble ist der noble Gutshof von Oßmannstedt, in den sich Wieland vor dem Lärm und den Intrigen des Weimarer Hofes zurückgezogen hatte. Versteckt im Park steht des Dichters Grabmal – an einer markanten Biegung des Flusses.

Inzwischen haben sich zwei weitere Trümpfe des Ilmtalradwegs herauskristallisiert: Die beispiellose Fülle des kulturgeschichtlich Sehenswerten am Wegrand und die nie langweilig werdende Streckenführung. Statt den zweifelhaften Charme einer monotonen Zweiradautobahn bietet die Route einen belebenden Mix an verschiedenen Wegtypen und -formaten, wobei sie fast immer autofrei und vor allem stets fluss- und naturnah verläuft.

In gastronomischer Hinsicht braucht der Tourist hin und wieder Langmut. Bald nach Weimar tut sich ein Niemandsland auf, in dem es stundenlang keine attraktive Einkehrmöglichkeiten mehr gibt. Umso größer ist die Freude dann in Eberstedt. Hier wurde die historische Ölmühle zu einem gemütlichen Restaurant umgebaut. Auf einer verwegenen Terrassenkonstruktion sitzt man direkt über dem Mühlrad, eingehüllt in den beruhigenden Klangteppich des Wasserrauschens. Der Blick fällt in die liebliche Ilmtalaue und auf das schwimmende Hüttendorf, in dem Radler für kleines Geld übernachten können.

Erfreulich viel Innovation auch im nahen Bad Sulza. Der nicht gerade taufrische Kurort hat mit der Toskana-Therme eine architektonische Perle erhalten. Vom Außenbereich der soeben eröffneten Saunaanlage sieht man auf ein Fachwerkgebäude. Es ist jene 1:1-Kopie von Goethes Gartenhaus, die im Kulturstadtjahr im Weimarer Ilmpark stand. Die Unesco drängte darauf, dass dieser Fremdkörper möglichst schnell wieder aus dem Welterbeareal verschwand. So baute man es neben der 40 Kilometer entfernten Toskana-Therme wieder auf. Für Geschäftsführer Christian Lohmann ist es das Symbol einer Verbindung der Kulturhauptstadt mit ihrem stillen Umfeld – einer jener „Leuchttürme“ der Provinz, die zum Glück immer zahlreicher werden.

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