Reise : Im Labyrinth der Osmanen

Weiß und lecker. Eis aus Ziegenmilch wird viel verkauft in der Stadt. Foto: Kaiser
Weiß und lecker. Eis aus Ziegenmilch wird viel verkauft in der Stadt.Foto: Kaiser

Die beiden Damen mittleren Alters sind ganz außer Atem und der schieren Verzweiflung nah. „Pardon, Madame, pouvez vous nous aider, où est le grand parking?“ Dort, am großen Parkplatz stehe ihr Bus, der in fünf Minuten abfahren will. Leider kann man den Französinnen nicht helfen. Sucht ja selbst gerade das Hamam, an dem man doch gestern vorbeispaziert ist. Aber, in welcher Gasse war das noch? Kaleiçi, Antalyas historische Altstadt, ist ein Labyrinth. Eine beständige Herausforderung für den Orientierungssinn. Und eine Offenbarung, wenn man Zeit hat, sich einfach so hindurchtreiben zu lassen. Denn tief taucht man dabei ein in die Geschichte der Stadt.

158 vor Christus wurde die Siedlung auf dem Felsplateau von Attalos II., König von Pergamon gegründet. Im 1. Jahrhundert nach Christus soll Apostel Paulus hier auf Missionsreise gewesen sein. Im Jahre 130 kamen die Römer. Zu Ehren des römischen Kaisers wurde damals das Hadrianstor errichtet. Drei reich verzierte Bogen bilden es, flankiert von zwei wuchtigen Türmen. Einen würdigeren Zugang zur Altstadt kann man sich nicht wünschen. Nach wenigen Schritten schon verebbt der Lärm der modernen Millionenstadt Antalya und man wähnt sich in einem märchenhaften osmanischen Bilderbuch. Nach den Seldschuken im 12. Jahrhundert hatten die Osmanen die Stadt erobert. Ihre typischen Häuser mit zierlichen Erkern, Balkonen und roten Ziegeldächern säumen wie einst die schmalen, oft in krummen Bogen verlaufenden Straßen. Etliche Gebäude sind fein restauriert, manche halb verfallen. Gerade diese pittoreske Mischung macht den Reiz aus.

„Irgendwann möchte ich so ein Haus wie dieses kaufen und ein Hotel eröffnen“, sagt Reiseführer Olcay Yilmaz und deutet auf ein ziemlich marodes Gebäude. Aus den Fensterhöhlen wachsen Gräser, eine Katze räkelt sich vor der zerborstenen, hölzernen Eingangstür. Leider würde selbst für solch ein Objekt ein hoher Preis gefordert, bedauert Olcay. Jene fertig restaurierten, an denen manchmal ein Schild „Satilik“ (zu verkaufen) steht, seien ohnehin unerschwinglich.

Manche sind inzwischen zu sogenannten Boutiquehotels geworden. Kleine, feine Pensionen, oft nur mit zehn, zwölf Zimmern. Immer gehören üppig bepflanzte Innenhöfe dazu, bisweilen gibt es auch einen Pool. In der Vor- und Nachsaison kostet ein Zimmer in solch abgeschiedener Oase wenig. Denn Antalya hat vor allem Tagesgäste. Viele Ausländer machen Urlaub an der Türkischen Riviera ,kommen aber nur für eine Stippvisite in die Stadt. „Die Leute buchen einen Antalya-Ausflug und sind dann die meiste Zeit in einer Lederfabrik und in einem Goldshop“, erzählt Olcay, der für Öger-Tours arbeitet. Um potenzielle Kunden zu bekommen, sponserten die Läden die Ausflüge. Nur deshalb könne der Veranstalter die Fahrten so kostengünstig offerieren. „Ich biete den Gästen auch einen Rundgang durch Antalya an, gratis, denn ich stamme von hier und möchte meine Stadt zeigen“, sagt er. Aber nur wenige Urlauber seien interessiert. „Nach dem Einkauf wollen sich die Leute nur noch ausruhen“, bedauert Olcay. Nicht mal in die einzigartige Yivli-Minare-Moschee aus dem 13. Jahrhundert, mit ihren sechs Kuppeln und dem 38 Meter hohen, kannelierten Minarett, kann er sie locken.

In dem niedlichen Hafen dümpeln zahlreiche gediegene, dunkelbraune Holzschiffe. Küstentouren werden offeriert. Adem, der sein perfektes Ruhrpott-Deutsch in Essen gelernt hat, lockt zum Einsteigen. „40 Minuten für fünf Euro“, sagt er. Normalerweise koste es mehr als das Doppelte. Aber man habe Mühe, Gäste zu finden. „Die Touristen werden zu Läden gekarrt, in denen sie lange Zeit verbringen müssen“, sagt er. Die fehle ihnen dann für anderes. Eine schwedische Familie bleibt vor seinem Schiff stehen, ihre beiden Kinder zotteln an den Händen der Eltern und schauen begehrlich auf die Piratenfiguren am Bug. „Wir würden gern mitfahren, aber in einer Viertelstunde fährt unser Bus zurück“, sagt die blonde Frau. „Da hören Sie, es ist immer das Gleiche“, schimpft Adem. Die Leute hätten Interesse, aber die Veranstalter ließen ihnen keine Zeit. Natürlich könnten die All-inclusive-Urlauber auch allein nach Antalya fahren. „Alle 20 Minuten fährt ein Bus von Side hierher, aber die Feriengäste wissen das einfach nicht.“

Auch Mussafah hat an diesem Nachmittag noch nichts verkauft. Dabei hat der alte Mann etwas ganz Besonderes im Angebot. Aus winzigen Perlen fädelt er Fähnchen von Fußballklubs, die sich Fans dann an den Autospiegel hängen können. Die Embleme der Istanbuler Vereine Galatasaray und Fenerbahce natürlich, aber eben auch „die ganze Bundesliga“. Sogar die blau-weiße Hertha hat er korrekt zusammengefügt. Zwölf Euro kostet so ein Perlenunikat. „Ich brauche sechs Arbeitsstunden pro Exemplar“, sagt Mussafah.

Während man noch seine kleinen Kunstwerke bewundert, ertönt plötzlich der Ruf eines Muezzins und immer mehr erheben ihre Stimmen. Unversehens liegt ein wundersamer Klangteppich über der Stadt. Kommen die Gebetsrufe vom Band? „Natürlich nicht“, sagt Olcay lächelnd. „Das haben Sie vielleicht in Dubai so erlebt“, schiebt er hinterher, in der Türkei sei das verboten. „Bei uns ist alles live.“

Kurze Zeit später sitzen wir im „Leman Kültür“, einem Freiluftrestaurant in der Atatürk-Straße. „Große Portionen, faire Preise“, hatte Olcay versprochen, „mein Lieblingslokal“. Touristen kehrten hier selten ein. Mit Mühe finden wir einen freien Tisch, der Laden brummt. Vor allem junge Leute sitzen an den Tischen, Antalya hat rund 30 000 Studenten. Keine einzige Frau trägt ein Kopftuch. Trotzdem, dringt der Islam nicht stärker in den Alltag ein unter Premier Erdogan? Hinter den Hotelanlagen an der Türkischen Riviera erheben sich erstaunlich viele neue Moscheen. Olcay schüttelt lächelnd den Kopf. „Schauen Sie sich doch um, Antalya ist anders, lebendig und modern. Glauben Sie, man könnte hier alles zurückdrehen?“

Die Atatürk-Straße, in deren Mitte bald himmelhohe Dattelpalmen wachsen, ist nicht nur eine quirlige Einkaufsmeile, sondern hat auch Platz für überraschende Kunst. Hier steht ein bronzener Flötist, da hockt eine Figur mit einer Zeitung auf der Bank, dort steht ein kecker Römer mit seinem Schild. Während die Autos auf beiden Fahrbahnen oft im Stau stehen, kommt die Straßenbahn immer pünktlich. Früher fuhren die Wagen in Antalyas Partnerstadt Nürnberg, die Franken haben sie geschenkt. „Die bequemste Möglichkeit, um ins Archäologische Museum zu fahren“, hatte Olcay empfohlen. Man kann die zwei Kilometer auch zu Fuß gehen, durch Parks und Grüngürtel entlang der Küste. Aber ob man dann wirklich im Museum landet? Viel zu viele schöne Lokale locken zum Verweilen, auf deren Terrassen man ins Schwärmen kommt. Welche hinreißende Szenerie. Über dem azurblauen Meer schimmern die schneebedeckten Gipfel des Taurusgebirges. Von der Tram-Endstation am Museum ist man binnen einem Viertelstündchen am breiten, aber kieseligen Konyaalti-Strand. Die Einheimischen haben ihn meist für sich, denn die Touristen bevorzugen die feinsandigen Küstenabschnitte östlich von Antalya.

Olcays Museumstipp ist Gold wert. Wir betreten eine archäologische Schatzkammer. Reich verzierte Sarkophage, Göttergalerien, Mosaiken, Münzschätze. Sogar Herakles ist wieder in voller Schönheit zu bewundern. 1980 erst hatte man ihn im rund 18 Kilometer entfernten Perge gefunden, doch nur der untere Teil der Statue blieb in der Türkei. Der obere Teil gelangte „auf illegale Weise in die USA“, teilt eine Informationstafel mit. Nach zähen Verhandlungen war es 2011 so weit: „Herakles kommt zurück“, jubelte man in Antalya. Nun steht er da im Licht, ein stattlich schöner Mann. Wie hatte man ihn nur auseinanderreißen können? Nicht nur die wertvollen Exponate machen das Museum sehenswert, auch die Art ihrer Präsentation. Zu zahlreichen gezeigten Gegenständen werden etwa die Biografien jener Archäologen erzählt, die sie ausgegraben haben.

Erschöpft landen wir abends im Hope Pub, eine Bar von so vielen in der Altstadt. „Man muss etwas Besonderes bieten, wenn man bei all der Konkurrenz bestehen will“, erzählt Mali, ein junger Angestellter. Das Hope Pub versucht es mit ausgesuchten Weinen und englischer Livemusik. Gerade spielt eine dreiköpfige Band Eric Claptons „Wonderful tonight“. Gegenüber, zwischen den hohen Zinnen eines trutzigen Wehrturmes, flackern Fackeln. Ein junges Pärchen tritt an den Tisch. „Sorry, we are lost. Any idea, where the Aspen Hotel is?“ – „An der nächsten Ecke links, dann geradeaus und rechts.“ Da wohnt man auch. Leider nur noch kommende Nacht.

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