Reise : Im Prinzip muff

Schön, aber fremd: Innenansichten von der Schweiz

Hella Kaiser

So hohe Berge, so hübsche Dörfer, alles stilvoll und doch akkurat. „Die Schweiz ist schön“, jubeln Ausländer. Aber, was steckt hinter den schmucken Fassaden? Aufschluss gibt jetzt ein Buch, in dem über zwanzig Autoren das Land durchleuchten. Da ist der bitterböse „Schweizerpsalm“ von Friedrich Dürrenmatt, der seine Heimat gegen den Strich bürstet und stöhnt: „Was zum Teufel soll ich mit diesem Land anfangen?“

7,5 Millionen Einwohner leben in der Schweiz und sie verfügen über das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Glücklich sind sie deshalb nicht, sondern, wie der Schriftsteller Hugo Loetscher behauptet, mehrheitlich übelgelaunt. „Wir sind im Prinzip muff“, schreibt er. Immer gewappnet für die Unbill des Lebens und jauchzend nur, wenn etwas entdeckt wird, was noch nicht in Ordnung gebracht wurde. Und in Ordnung ist vieles in der Schweiz. Täglich werden in Bern Brünnen 283 Kilometer Toblerone gefertigt, einer der vielen Exportschlager des Landes.

Sie sind besonders, die Schweizer. Jeremias Gotthelf, dessen Schriften das bäuerliche Leben im 19. Jahrhundert widerspiegeln, bemerkte in seinem Aufsatz über Käsereien: „Nicht die feinsten Berliner und Petersburger Nasen merkten den Unterschied zwischen Alpen- und Talkäs.“ Noch immer hat jedes Dorf mindestens zwei Musikgesellschaften. Was typisch ist, bringt die Wahlschweizerin Sybille Berg auf den Punkt. Sie fährt in einer Seilbahn, die in großer Höhe plötzlich stoppt. Nichts rührt sich, doch in der Bahn herrscht Ruhe. Nach bald einer Viertelstunde sagt einer: „Jo, ich lueg emol, ob öpper ans Telefon geht.“ Beistimmendes Murmeln. Nach einer gefühlten Unendlichkeit fährt die Bahn weiter bis zum Gipfel, oben bedanken sich die Passagiere ruhig und gehen ihrer Wege. Wo sonst auf der Welt könnte man derlei erleben? Doch, wie lange noch? „Veränderungen drohen. „Zürichs Szenesprache sagt Ciao statt Grüezi“, hat Isolde Schaad beobachtet und bemerkt „ein neues Kosmopolitentum“. In den Bergen aber wird die Schweiz noch lange so bleiben, wie Ausländer sie lieben. Auch wenn sie ihnen nach dem Lesen dieses amüsanten und aufschlussreichen Buches nicht mehr ganz so makellos erscheint. Hella Kaiser





Franziska Schläpfer (Hrsg.): Reise in die Schweiz. Kulturkompass fürs Handgepäck. Unionsverlag, Zürich 2008, 222 Seiten, 9,90 Euro

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