Reise : Im Tanzsaal des Tyrannen

Bis 1961, 30 Jahre lang, hat General Trujillo die Dominikaner regiert. Die Villa des Diktators steht noch – und verfällt

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Leere Fensterhöhlen sieht heute der Besucher, der sich der einst pompösen Lieblingsvilla des Diktators nähert. Foto: Elka Diáz
Leere Fensterhöhlen sieht heute der Besucher, der sich der einst pompösen Lieblingsvilla des Diktators nähert. Foto: Elka Diáz

Am Ortsausgang endlich ein Indiz. Ein Eisentor hängt schief in den Angeln. Dahinter eine Schotterpiste, sie führt steil bergan, zugewuchert von Sträuchern und Schlingpflanzen. Nirgends ein Hinweisschild, keine Markierung, nichts. Es dämmert, der Geländewagen knallt in eine Furche, der Motor heult auf, da ragt es plötzlich vor einem auf. Einsam, düster, drei Geschosse hoch: das Mahagoni-Haus. Hier entschied ein Mann 30 Jahre lang über das Schicksal einer Nation. Hier feierte er seine rauschenden Feste. Hierher ließ er sich Jungfrauen bringen. Hier tötete er seine Gegner. Und wurde selbst auf dem Weg hierher getötet. Das war im Mai 1961.

Und jetzt: Die Mauern sind kahl, glaslos die Fensterrahmen, in einer Ecke hat man Holzbretter gestapelt. Sie sind aus Mahagoni und Eiche, mit denen einst das ganze Gebäude verkleidet war. Jetzt gleicht es nur noch einem klappernden Skelett. Einzig die erhöhte Lage erinnert noch daran, dass dies einmal die Lieblingsvilla von Rafael Leónidas Trujillo war, 30 Jahre lang Staatschef der Dominikanischen Republik und einer der grausamsten, gierigsten und geilsten Diktatoren Lateinamerikas.

Die Eingangstür ist offen, es riecht modrig, man steigt eine Treppe hinauf und steht in einer Halle, die von der Abendsonne durchflutet wird. Der Raum ist an drei Seiten von Kippfenstern umgeben, alle stehen offen, in einigen fehlt das Glas. Darunter sind Holzbänke in die Wände eingelassen worden.

„Das war der Tanzsaal.“ Wie aus dem Nichts ist die Frau aufgetaucht. Sie sagt, sie lebe im Gartenhaus und passe auf das Anwesen auf. Dessen Restaurierung sei schon seit Jahren geplant, nur es passiere nichts. Also führt sie gelegentliche Besucher durch die Villa, die mit jedem Hurrikan weiter verfällt, obwohl sie zum historischen Erbe der Nation zählt. „Beachtet die Knöpfe neben den Bänken“, sagt die Frau, „wenn man sie drückte, kamen die Kellner mit Champagner. Dort drüben standen die Orchestermusiker, die extra aus Santo Domingo hergeschafft wurden.“ Ob sie sich nicht grusele in diesem verlassenen Haus, das von so vielen Legenden umrankt ist? „Nee, nee“, sagt sie. „Hier spukt keiner mehr. Trujillo ist tot, und das ist besser so.“

Rafael Leónidas Trujillo war der Archetyp des lateinamerikanischen Militärdiktators. Selbstherrlich, sadistisch, paranoid. 1930 putschte er sich mithilfe der USA an die Macht. Das Militär, die katholische Kirche und der Geheimdienst sicherten seine Herrschaft, man musste nicht einmal Kommunist sein, um ins Visier zu geraten. 1937 ließ Trujillo 30 000 Haitianer im Grenzgebiet zum Nachbarland massakrieren. Ähnlich rücksichtslos riss er sich die Wirtschaft des Landes unter den Nagel, 1960 war er der sechstreichste Mann der Welt. Seine Raffgier wurde nur von seiner Eitelkeit übertroffen: Er puderte sich, trug Fantasie-Uniformen und taufte den höchsten Berg des Landes in „Pico Trujillo“ um. In den Atlanten wuchs der Berg daraufhin um 100 Meter. Das Volk nannte ihn El Jefe – der Boss. Einen anderen Spitznamen hörte er ebenso gerne: Chivo – Ziegenbock.

Geboren wurde Trujillo in San Cristóbal an der Südküste der Dominikanischen Republik. Im Hinterland der Industriestadt ließ er 1940 das Mahagoni- Haus in dem Örtchen La Toma errichten.

„Hier, das Schlafzimmer.“ Die Fremdenführerin öffnet das schwere Vorhängeschloss an einer Holztür. Im ehemaligen Gemach des Tyrannen blättert die minzgrüne Farbe ab, der Spiegel in der Schranktür hat einen riesigen Sprung. Durch das Fenster sieht man fast bis zum Meer, vor einem liegen bewaldete Hügel, fruchtbare Täler, Neubaugebiete. Offenbar mochte der Diktator weite Ausblicke. Klangfetzen eines Merengues wehen herauf. An diesen Ort wurden also die vielen Frauen gebracht, die das unkontrollierte Verlangen des Diktators stillen sollten. Trujillo bevorzugte üppige Mulattinnen, später junge Mädchen, mit Vorliebe Jungfrauen. Aber auch die Gattinnen von Ministern und Generälen, die er demütigen wollte. Es heißt, der Raum sei stets mit Jasmin parfümiert gewesen, und Trujillo habe in den Nächten seines Triumphs Wert auf frische Blumen gelegt. Von dieser schwülen Stimmung ist natürlich nichts mehr übrig.

Am Abend des 30. Mai 1960 fuhr Trujillo in seinem dunkelblauen Chevrolet Bel Air zu solch einem Stelldichein nach La Toma. In dem Roman „Das Fest des Ziegenbocks“ beschreibt der Schriftsteller Mario Vargas Llosa die barocke Vorfreude des 69-Jährigen: „In dieser Nacht würde er durch die geöffneten Fenster des Mahagoni-Hauses den Duft der Bäume und Pflanzen einatmen und die Myriaden von Sternen am kohlschwarzen Himmel bewundern, und er würde den Körper eines nackten Mädchens streicheln (…), und er würde spüren, wie die Erregung in seinem Schoß aufstiege, während er die lauwarmen Säfte ihres Geschlechts schlürfte.“

Dazu kam es zum Glück nicht mehr. Unterwegs jagten ein halbes Dutzend Verschwörer Trujillo neun Kugeln in den Körper. „Dieser Falke bringt keine Hühnchen mehr um“, schrie der Anführer der Rächerbande. Einen ordentlichen Staatsstreich hatte man allerdings nicht vorbereitet. Trujillo hinterließ neun Kinder von sieben Frauen. Sein Lieblingssohn Ramfis folterte einige der Verschwörer persönlich zu Tode. Die Dominikaner waren nach dem Attentat erleichtert. Und geschockt. War es möglich, dass der „Vater des Vaterlandes“ nach 30 Jahren nicht mehr lebte? Bis 1996 regierte dann fast durchgehend Trujillos ehemalige rechte Hand Joaquín Balaguer in einer Pseudo-Diktatur.

Unter Trujillos Schlafzimmer befindet sich der opulente Speisesaal. Er ist nach Süden zum Karibischen Meer hin ausgerichtet, die Decke ist mit goldfarbenem Stuck besetzt, wo einst der Kronleuchter hing, klafft ein Loch, das Parkett wurde im Fischgrät-Muster verlegt. Die drei klobigen Klimaanlagen waren einst eine absolute Sensation. Man stellt sich vor, wie die feine Gesellschaft des Karibikstaats hier tafelte: biegsame Diplomaten, Zuhälter mit Schuppen, nimmermüde Spitzel, ordengeile Militärs, pomadige Profiteure und Mitläufer. Aber auch die Väter der Mädchen, die Trujillo begehrte, wurden eingeladen, um sie um das Recht der ersten Nacht „zu bitten“.

Vielleicht ist es ja nur verständlich, dass die Dominikaner Trujillos Anwesen der Natur überlassen haben. Man will keinen Personenkult um den Tyrannen, der in bestimmten Kreisen immer noch verehrt wird, weil er angeblich für Ordnung und Fortschritt gesorgt habe. Das Mahagoni-Haus bietet da einen widersprüchlichen und schmerzhaften Einblick in ein Land, das heute zumeist als geschichtsloses Postkartenidyll beworben wird. Auch um diesem Eindruck entgegenzuwirken, hat zum 50. Jahrestag von Trujillos Ermordung das Museum des Dominikanischen Widerstands in Santo Domingo eröffnet, das eine exzellente Ausstellung über die Folterherrschaft des Diktators zeigt.

Das Gegenstück zum Trujillo-Gruselkabinett liegt übrigens drei Autostunden entfernt, im Inselinneren. In der Ortschaft Salcedo, mitten in einem großen Kaffee- und Kakao-Anbaugebiet steht das ehemalige, prächtig erhaltene Wohnhaus der vier Schwestern Mirabal. Drei von ihnen wurden 1960 in einem fingierten Autounfall vom Geheimdienst ermordet, weil sie im Widerstand gegen die Diktatur waren. Patria, Minerva und María Teresa, Töchter eines wohlhabenden Pflanzers, hatten sich zudem den Avancen Trujillos verweigert. Vor einigen Jahren gestaltete die überlebende vierte Schwester Dedé das hölzerne Landhaus der Familie zu einem Museum um. Erhalten ist die rührende historische Einrichtung mit einem der ersten Gasöfen des Landes, originalen Kleidungsstücken und dem Haarzopf einer der Schwestern.

Im Jahr 2000 wurden die Gebeine der Frauen im Garten unter einem Flammenbaum bestattet und das Anwesen zu einer Außenstelle des Nationalpantheons in Santo Domingo erklärt. Im ganzen Land sind heute Straßen und Plätze nach den Nationalheldinnen benannt, deren Schicksal von der US-dominikanischen Autorin Julia Alvarez in dem Buch „Zeit der Schmetterlinge“ verewigt wurde. Das Mahagoni-Haus modert derweil vor sich hin. Wahrscheinlich nennt man das historische Gerechtigkeit.

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