Reise : Im Versteck der Piraten

Die chilenische Insel Robinson Crusoe liegt weit im Pazifik. Die Unesco erklärte sie zum Weltbioreservat

Hans Dieter Kley

Der Archipel Juan Fernandez hebt sich wie ein dunkler Strich von der unendlichen Wasserfläche ab. Starker Gegenwind rüttelt die eingeschlafenen Passagiere wach, ein halbes Dutzend war vor zwei Stunden am Aerodrom am Stadtrand von Santiago de Chile. Der Landeplatz auf der Isla Robinson Crusoe liegt in einer Mondlandschaft zwischen Erdbuckeln und Buchten, die von versunkenen Vulkankratern übrig geblieben sind, in unmittelbarer Nachbarschaft der kleineren, geologisch älteren Insel Santa Clara. Vulkanischen Ursprungs ist auch die 180 Kilometer entfernte, nahezu unzugängliche Isla Alejandro Selkirk; ihre bis 1650 Meter hohen Steilwände taugen bestenfalls als nautische Erkennungszeichen.

Für den Tourismus wurde die Inselgruppe erst spät erschlossen, später als die flachere, sanftere, ebenfalls zu Chile gehörende Osterinsel. Bis Anfang der neunziger Jahre beschränkte sich der Verkehr zwischen dem kleinen Hafenort San Juan Bautista und Chiles Haupthafen Valparaiso auf unregelmäßige Schiffsverbindungen. Der Bau einer Flugpiste brachte dann Privatunternehmer dazu, Kleinflugzeuge nach Juan Fernandez zu entsenden. Schon 1966 war die Hauptinsel in Isla Robinson Crusoe umbenannt worden. In ihrer kurzen Geschichte spielt der schottische Matrose Alexander Selkirk die Hauptrolle.

Er muss ein arger Querkopf gewesen sein. Auf einem der britischen Kaperschiffe, die vor der Westküste Südamerikas spanischen Galeonen auflauerten, war er mit seinem Kapitän in Streit geraten. Selkirk bestand darauf, das Schiff zu verlassen. Er wurde auf der damals unbewohnten Pazifikinsel Juan Fernandez abgesetzt, 665 Kilometer vom südamerikanischen Festland entfernt. Beim Anblick der vom Urwald umwucherten, steil aus dem Ozean aufragenden Vulkanwände und der kahlen, von Erosion zernarbten, ausgelaugten Westseite soll Selkirk klein beigegeben haben. Doch der Kapitän segelte ungerührt ohne ihn weiter.

Auf dem bizarren Eiland traf Selkirk auf andere Ausgesetzte: verwilderte, von spanischen Seeleuten als Notproviant hinterlassene Ziegen. Die Insel in Form eines Korkenziehers war 1574 von Juan Fernandez, einem portugiesischen Seefahrer in spanischen Diensten, entdeckt worden. Den Spaniern jedoch stand der Sinn nicht nach entlegenen, wertlosen Inseln, sondern nach den Schätzen der Indianerreiche Südamerikas. In erster Linie kamen Piraten auf Inseln wie Juan Fernandez, um sich und ihre Beute hier zu verstecken. Und bis heute kommen immer wieder Schatzsucher auf den Spuren von Freibeutern wie Sir Francis Drake, William Dampier und Lord Anson.

Von der Flugpiste windet sich ein holpriger Weg hinunter zu einem Bootssteg. Auf die Ankömmlinge wartet eine Schaluppe. Nur ein paar Meter weiter tummeln sich Pelzrobben, ihre Flossen und Schwänze ragen wie schwarze Segel aus dem Wasser. Schwimmwesten werden ausgeteilt; über das offenen Meer, entlang wuchtiger Felswände, werden Besucher und Einheimische nach San Juan Bautista, der einzigen Siedlung der Inselgruppe, befördert. Während der einstündigen Fahrt ist der Wechsel von Trockenlandschaft zu überbordendem Regenwald aus der Froschperspektive zu erleben: Erdschichten in betörenden Farbtönen, erstarrte Lavaströme, ungewöhnliche Felsformationen machen den Mangel an Kulturdenkmälern wett. Im Gegensatz zur Osterinsel und ihren Mohais, diesen rätselhaften Skulpturen, deutet nichts darauf hin, dass vor der Ankunft der Europäer Menschen auf den drei Inseln gelebt haben.

Das Inselstädtchen, eine Ansammlung von baracken- und bungalowartigen Häuschen, von Fischerbooten und Antennen, Installationen der Post und der Marine, besticht durch seine Berg- und Felskulisse. Die wenigen Staubstraßen verlieren sich zwischen tropischen Blütensträuchern und uralten Baumriesen. Kaum Autoverkehr, nur einige Behörden- und Privatjeeps. Pferde, auch ein paar Kühe, grasen an Wiesenhängen. Angler hocken am Felsgestade und bringen erstaunlich rasch ein Fisch- und Langustenessen zusammen.

Die Strände sind pechschwarz, von Steinbrocken übersät, eher zum Barbecue geeignet als zum Schwimmen. Touristen, die nicht ihr eigenes Zelt mitbringen, finden Unterkunft in Gästehäusern. Die komfortabelste Hosteria der Insel liegt überaus romantisch in der Bahia el Pangal, erreichbar per Boot oder über einen Pfad, drei Kilometer von San Juan und der Cumberland-Bucht entfernt. Spätestens beim Studium des Inselprospekts erfährt man, dass man sich in einem Nationalpark befindet. Der Parque Nacional Archipielago Juan Fernandez umfasst den gesamten Archipel. Als beliebtestes Wanderziel wird der Mirador de Selkirk auf der Isla Robinson Crusoe aufgeführt. Die Parkverwaltung Conaf hat den Pfad ausgeschildert. Im Städtchen stehen Maultiere für den Aufstieg bereit.

Die erste Etappe führt durch den Eukalyptus- und Nadelwald. Der Weg wird steiler, vom Regen ausgewaschene Rinnen, gähnende Abgründe tun sich auf, glitschige Felsbrocken müssen erklettert werden. Riesenfarne, Dornengestrüpp, niedrige Baumäste behindern das Fortkommen. Mancher Ausflügler fürchtet um die Trittsicherheit der Mulis und steigt ab. Oben in 550 Meter Höhe angekommen, darf man den Kontrast umso mehr genießen: Umgeben von den Gewächsen des Regenwalds blickt man auf den drachenförmigen, vegetationslosen Inselteil.

Angeblich hat Selkirk jeden Tag diesen Gipfel erklommen, um nach Schiffen Ausschau zu halten. Vor Piratenschiffen musste er sich verstecken, um nicht vom Einsiedler zum Sklaven zu werden. Vier Jahre und vier Monate hat er in seinem Exil verbracht, zunächst in Höhlen, dann in einer Hütte. Als gelernter Segelmacher verstand er es, sich Kleidung aus Ziegenfellen anzufertigen und auch seine Behausung mit Fellen auszustatten. Zu den Utensilien in seiner Seekiste gehörten Bett- und Nähzeug, Schießpulver, Gewehrkugeln und Tabak, ein Beil, ein Messer, ein Feuerstein und ein Kochkessel, mathematische Instrumente, eine Bibel und andere Bücher. In den ersten Monaten der Isolation habe ihn Melancholie heimgesucht, bekannte Selkirk später seinen Rettern.

Im Februar 1709 kam wieder ein britisches Schiff nach Juan Fernandez – in den Freibeuterkreisen zwischen London und Kap Hoorn hatte man den Ausgesetzten nicht vergessen. Wood Rogers, Kapitän der Brigg „Duke“, schrieb einen Bericht über Selkirks Inselabenteuer. Davon ließ sich Daniel Defoe zu seinem Roman „Robinson Crusoe“ anregen. Er verlegte die Robinsoninsel in die Karibik und erfand der Eingeborenen Freitag. Alexander Selkirk diente noch eine Zeitlang auf der „Duke“ und auf anderen Schiffen. Er brachte es zum Leutnant und starb 47-jährig als wohlhabender Mann.

Erst um 1750 beschlossen die Spanier, Juan Fernandez zu kolonisieren. Zum Schutz gegen Piratenüberfälle wurde die Festung Santa Barbara erbaut. In den benachbarten Höhlen wurden Straffällige vom Festland, darunter politische Häftlinge, gefangen gehalten. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen europäische und nordamerikanische Robbenfänger auf die Inseln. Die endemische Pelzrobbenart wurde fast ausgerottet. Inzwischen hat sich Population leidlich erholt.

Die ferne Inselgruppe beheimatet viele andere endemische Arten wie den roten Kolibri, dessen Weibchen ein grünweißblaues Federkleid trägt, und den Jasus frontalis, einen ungewöhnlich großen, in den Restaurants von San Juan gern servierten Hummer. Zu einer Plage sind die von Fremden eingeführten Kaninchen, Ratten und Katzen geworden. Die Inselflora besteht immer noch aus annähernd 60 Prozent einheimischer Arten. Im Jahre 1977 wurde Juan Fernandez von der Unesco zu einem Weltbioreservat erklärt. In kaum einer anderen Weltgegend gibt es eine größere Artenvielfalt als hier.

Am Ortsrand von San Juan, auf dem Weg nach El Yunque, dem höchsten Berggipfel der Insel, hat der Schweizer Daniel Bruhin ein Traumplätzchen gefunden. Vor 15 Jahren kann er als junger Rucksackreisender nach Juan Fernandez. Seither verlässt er die Insel nur noch, um Fotoaufträge von Zeitschriften oder Postkartenagenturen zu erledigen. Zu dem Holzhäuschen, das er sich auf einer gerodeten Urwaldparzelle gebaut hat, gelangt man über einen Baumstamm, der einen munteren Bach überbrückt. Der zum Biologen mutierte Berufsfotograf möchte aus „La Quinta“ eine Ökofarm machen. Auf Fernsehen verzichtet er, keine der vielen unschönen Antennen von San Juan verunstaltet sein Refugium.

Von einem friedlichen Inselleben träumte auch Hugo Weber, der Überlebende eines Dramas, das sich am Sonntagmorgen des 14. März 1915 in der Cumberland-Bucht ereignete. Es war der Schicksalstag des deutschen Kreuzers „Dresden“. In der Seeschlacht bei den Falklandinseln war er einem britischen Flottenverband entkommen. Drei Monate lang dauerte die Verfolgungsjagd durch die Fjorde und Labyrinthe Feuerlands. Ein Funkspruch verriet die Position des deutschen Schiffes. Seine Besatzung war größtenteils an Land gegangen, als drei britische Kriegsschiffe vor San Juan auftauchten und das Feuer auf die „Dresden“ eröffneten. In aussichtsloser Lage gab der Kapitän den Befehl zur Selbstversenkung. Elf Matrosen starben; die Überlebenden wurden auf der Insel, später auf dem Festland interniert, unter ihnen der Funker Hugo Weber. 16 Jahre danach kehrte der Deutsche nach Juan Fernandez zurück, um sich in der grünen Wildnis niederzulassen.

Die „Dresden“ ist sogar in chilenische Schulbücher eingegangen. Auf dem Friedhof der Insel Robinson Crusoe hat die deutsche Kolonie von Valparaiso den Toten des deutschen Schiffes ein Grabmal errichtet. Im kleinen Inselmuseum wie auch in den Gästehäusern sieht man Modelle der „Dresden“, dazu Relikte des in 65 Meter liegenden, zuweilen von Spezialtauchern aufgesuchten Wracks. Es wurde zu einem Nationaldenkmal Chiles erklärt.

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