Indien : Dämonen bitten zum Tanz

Zanskar, ehemals ein buddhistisches Königreich, liegt versteckt im westlichen Teil des Himalaja. Nur im Sommer führt eine Holperpiste hinauf.

Jörg Kersten
Harmonie am Berg. Das Höhlenkloster Puktal ist auch ein Beispiel für nachhaltige Architektur. Nur der Aufstieg für die Bewohner ist und bleibt beschwerlich.
Harmonie am Berg. Das Höhlenkloster Puktal ist auch ein Beispiel für nachhaltige Architektur. Nur der Aufstieg für die Bewohner...Foto: Jörg Kersten


Nun und Kun, die mehr als 7000 Meter hohen Riesen, beherrschen den Zugang. Zanskar, das „schöne weiße Land“, halb so groß wie Schleswig-Holstein, wird gut bewacht. Die vereisten Naturgiganten schüchtern wohl jeden Reisenden ein, der es wagt, sich dieser im Himalaja verborgenen Region Indiens zu nähern. Die vom Sturm getriebenen Schneefahnen auf den Gipfeln wirken wie das Fauchen von Drachen, so als wollten sie Eindringlinge davon abhalten, das buddhistische Wunderland zu betreten.

Tatsächlich konnte sich Zanskar, das ehemals buddhistische Königreich, mit seinen Klöstern, seinen tibetisch anmutenden Dörfern und Traditionen den Einflüssen der modernen Welt entziehen. Acht Monate im Jahr ist die Gebirgsregion wegen der verschneiten Pässe isoliert. Die einzige Straße, die nach Zanskar führt, ist nur in den Sommermonaten befahrbar und nicht viel mehr als eine 240 Kilometer lange Holperpiste.

Der Belag der 1978 fertiggestellten Straße ist schon längst zerbröselt. Der Tacho eines Autos hüpft selten über die 20-Stundenkilometermarke. Angestrengt steuert uns Muhammed Achmed mit seinem Jeep vom muslimischen Kargil aus Richtung Zanskar. Allmählich ändert sich die Gegend. Die fruchtbaren Felder des Surutals weichen grauen Hochtälern aus Geröll, an deren Rändern Gletscherzungen lecken. Über Stunden folgen wir der Piste – hinein in die Hochgebirgswüste. Es ist eine raue, leere Gegend ohne nennenswerte Vegetation und scheinbar ohne Menschen.

Aber dann sichten wir die ersten Gebetsfahnen und weiße Chörten. Wie Leuchttürme in schwerer See erscheinen uns die glockenförmigen Reliquienschreine der Buddhisten. Aus Steinen geschichtete Manimauern mit eingravierten heiligen Formeln zeigen an, dass wir uns Zanskar nähern.

Im Schnittpunkt von fünf Tälern gelegen, taucht endlich einer Festung gleich das Kloster Rangdum vor uns auf. Das „Kloster der langen Trompete“ gilt als Vorposten Zanskars und als die am weitesten nach Westen gelegene sakrale Stätte des tibetischen Kulturkreises. Von nun an wachen tibetische Gottheiten über den Ausgang der abenteuerlichen Reise.

Von der Fahrt auf rauer Piste noch ganz benommen, schwanken wir wie Matrosen auf Landgang den Hügel zur Abtei hinauf und bitten um Einlass. Uns öffnen tief vermummte Mönche, die in der Einsamkeit der Hochtäler ein eigenartiges Leben führen – dem eisigen Wind und dem Verfall der Anlage trotzend. Die Klosterbrüder zeigen uns gern die Figur des Yeshe Dragspa, der einst von Zentraltibet auf einem Adler hierher flog und dort, wo das Gebäude heute steht, meditierte. Keiner der Klosterbrüder bezweifelt die Wundertaten des Yogis. Legenden und Mythen – in Zanskar sind sie wahr.

Leider bleibt uns nicht viel Zeit, den unheimlichen Ort zu erkunden, denn das Schmelzwasser der umliegenden Schneegiganten schwillt mit jeder vorgerückten Stunde an. Eiswasserbäche entwickeln sich mit der zunehmenden Wärme des Tages zu kleinen Flüssen.

Der 4401 Meter hohe Pensi La Pass ist die letzte Hürde. Wir halten an der höchsten Stelle der gesamten Strecke. Die Aussicht ist fantastisch. Scheinbar aus dem Himmel stürzt wie eine gigantische Eisstraße der Durung-Drung-Gletscher zu Tal. Er gilt als einer der größten im Himalaja. Wir verharren andächtig still bei diesem Anblick. Allein ein paar fette Murmeltiere, die Granitblöcke als Ausguck nutzen, verpfeifen unsere Gegenwart. Die putzigen Tiere fördern Gold zu Tage, wenn sie ihre Wohnhöhlen graben – sagt eine Legende.

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