Italien : Der Zorn des Zauberers

Klangholz und Kirchenorgeln, Kräuter und Wein im Südtiroler Eggental.

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Foto: Stefanie Bisping
Foto: Stefanie Bisping

Hinter der Theke steht die Mutter, hinter einem Fenster sieht man den Bruder in der Käserei arbeiten. Der Vater betreibt die Viehwirtschaft des am Rand des Städtchens Deutschnofen gelegenen Lehrnerhofs. „Der Vater liefert die Milch, alles andere ist meine Sache“, erklärt Stefan Köhl selbstbewusst. Seit 2007 führt der 26-Jährige seine eigene Käserei mit Hofverkauf. Etwa 15 Tonnen Käse produziert er im Jahr – ausschließlich aus der Milch des hofeigenen Südtiroler Grauviehs. „Sie muss nicht entrahmt werden, weil sie weniger Fett enthält als die anderer Kühe“, erläutert Köhl. Besonders wohlschmeckend sei sie außerdem. Dafür sorgen die langen Sommer, die die Tiere auf kräuterreichen Almwiesen verbringen.

Stefan Köhl war 17, als er ein Praktikum in einer Hofkäserei absolvierte. Sofort wusste er: „Das mache ich zu Hause auch.“ Seine Familie, die den aus dem 14. Jahrhundert stammenden Hof in sechster Generation führt, hatte immer schon Grauvieh gehalten. Nun kam zu den Kühen der Käse. Sobald seine Ausbildung beendet war, ging es los. Heute stellt er neun kräftige Käsesorten her, für die er in Deutschland und Italien bereits jede Menge Preise abgeräumt hat.

Das Grauvieh weidet gleich vor der Tür. Die Luft ist erfüllt vom Läuten seiner Glocken. Jenseits der Bergwiese erheben sich schroffe Dolomitengipfel. Südtirol erscheint heute seiner wechselvollen Geschichte zum Trotz als ein vom Glück begünstigtes Land. Prachtvolle Landschaft, eine Küche, die Nord und Süd miteinander versöhnt, großartige Weine und eine erstaunliche wirtschaftliche Stabilität machen das Leben hier angenehm.

Stefan Köhl
Stefan Köhl

Zugleich vermittelt die Bergwelt eine Ahnung von Unendlichkeit. In der Bletterbachschlucht sind versteinerte Spuren von Dinosauriern erhalten, die hier vor 260 Millionen Jahren lebten. So faszinierend dies ist, so ist doch fast genauso erstaunlich, dass noch immer viele Menschen im selben Dorf zu Hause sind wie Generationen ihrer Ahnen. Gut erhaltene historische Bauten zeigen, wie diese hier einstmals lebten. Nicht weit vom Lehrnerhof steht das im 13. Jahrhundert erbaute Kirchlein St. Helena, dessen schon um 1420 entstandene Fresken in detailverliebten Bildern Schöpfungsgeschichte und den Lebensweg Jesu erzählen. Die umliegenden Höfe haben ihren Ursprung ebenfalls im 13. Jahrhundert.

Der Idylle und dem sichtlichen Wohlstand zum Trotz haben die Dörfer des Eggentals keine Menschen hervorgebracht, deren Ehrgeiz sich in der Pflege ihrer Balkonbepflanzung erschöpfen würde. „Ich habe immer das Gefühl, nicht genug zu wissen“, sagt der 18-jährige Johannes Kohler. Dennoch wurde er Anfang des Jahres, noch 17 Jahre alt, der jüngste Sommelier Italiens. Im Hotel Engel seiner Eltern in Welschnofen, dessen „Johannesstube“ unter Leitung von Küchenchef Markus Baumgartner seit 2011 ein Michelin-Stern krönt, war Wein immer ein wichtiges Thema. „Mit 14, 15 habe ich angefangen, mich wirklich damit zu beschäftigen“, erzählt er.

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