Italien : Windschief ist charmant

Das Höhlenviertel von Matera in der süditalienischen Basilikata besticht durch morbiden Charme. Wer dort ein Hotelzimmer mietet, verliebt sich sofort.

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Foto: promo
Weltkulturerbe. Der antike Teil von Matera ist heute streng geschützt. In den fünfziger Jahren galt das Viertel als Schandfleck.

Bachs Choräle malen den Sonntag aus. So festlich klingt das in der schmucklosen Grotte, die vor langer Zeit einer Abtei als Kapelle diente, und in der jetzt das Hotel Sextantio Frühstück auf derbem grauen Leinen serviert. Wo einst Armut herrschte, werden nun Verzicht und frugale Schönheit stilvoll zelebriert. Der Tisch ist gedeckt wie fürs Abendmahl: kirschsüße Crostata, ofenwarme Focaccia mit Tomaten, reife Aprikosen und das krustige Hefebrot von Matera. Nur Josef und Maria fehlen in dieser biblischen Szenerie.

Es dämmerte bereits, als wir Matera am Vorabend erreichten. In einer kurzen Stunde von Bari her kommend, war die Stadt auf dem Hügel von ferne wie eine Erscheinung, so silbrig-grau schimmerte der aus der Erde geschlagene Tuffstein im abnehmenden Licht: die Häuser und Palazzi und darunter die in den Kalkberg geschlagenen uralten Höhlen. Bloß der schlanke Campanile des Doms stach als Scherenschnitt in den rosigen Abendhimmel. Falken und Dohlen drehten eine letzte Runde. Dann war es schlagartig dunkel. Nur die Lichter Altamuras im nahen Apulien funkelten.

Der Fahrer hatte uns im archäologischen Viertel am Fuße der Stadt Matera wohl vorm Hotel abgesetzt, den Koffer über abgewetzte Steinstufen ins Nirgendwo geschleppt und war schnell verschwunden. Wäre da nicht ein reizender Mensch aufgetaucht und hätte uns die riesige verwitterte Holztür zu unserer Schlafhöhle mit einem märchenhaft großen Schlüssel geöffnet – wir wären verloren gewesen. Nur Mauern und Steine vor uns. Kein großes Portal: Albergo Sextantio! Hinter uns bloß tiefe Felsabstürze und irgendwo diffus die Hochebene Murge.

Wir entzündeten ein paar Kerzen in unserer Grotte, inspizierten die wie eine halbe Eierschale auf dicken Erdsteinen ruhende Badewanne, den irdenen Waschtrog, ein paar bäuerliche Möbel und lauschten den letzten Grillen im Weinlaub vor der Tür. Dann wünschten wir uns gute Nacht in der stillen Stockfinsternis. Tief und fest schliefen wir unter alten handbestickten Leinentüchern, bis wir am Morgen vom Gebimmel der Kuhglocken geweckt wurden. Wir öffneten die Stalltür und schauten in die Weite einer felsigen Kalksteinlandschaft. Aus der nahen Schlucht hörten wir Frösche quaken. Diesseits des Tales und über uns schachtelte sich Matera hügelauf. Haus für Haus. Stein auf Stein. Sandfarben und aschgrau. Jetzt rächt sich, wer kein bequemes Schuhzeug dabeihat. Diese Stadt will erlaufen sein.

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