Reise : Jazz vor dem Altar

Das Zisterzienserkloster Neuzelle lockt mit musikalischen Highlights – und frisch gebrautem Bier

Philipp Eins

An kühlen Frühlingstagen erinnert die Ortschaft Neuzelle im östlichen Brandenburg an eine Geisterstadt. Rauer Wind weht durch menschenleere Gassen, grobmaschige Häkelgardinen versperren die Sicht in Wohnstuben und Schlafzimmer der Einfamilienhäuser. Mit steigenden Temperaturen beleben sich jedoch die Straßen des 2000-Seelen-Dorfs. Denn im Herzen der Ortschaft liegt eine touristische Rarität versteckt: Das einzige erhaltene Zisterzienserkloster Brandenburgs. Es ist ein beliebtes Ausflugsziel für Radwanderer und Wochenendtouristen.

Doch nicht nur mittelalterliche Gemäuer und barocke Ornamente locken viele Hauptstädter ins Umland: Im Kloster Neuzelle werden klassische Konzerte gegeben, Jazzmusik gespielt und Opern gesungen. „Open Air ohne Mikrofon, wo gibt es das schon“, sagt Walter Ederer vom Stift Neuzelle. Er steht im rechteckigen Kreuzhof des Klosters, vor ihm das spätgotische Brunnenhaus, über ihm der freie Himmel. Schlechte Akustik? „Das ist kein Thema“, sagt Ederer und klatscht in die Hände. Es schallt durch den Hof: Raum genug für „Die junge Gräfin“, einem Klassiker von Florian Leopold Gassmann, der am 24. Juli im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Oper oder Spree“ aufgeführt wird.

Die Darsteller sind junge Nachwuchstalente von den Musikhochschulen. Bühnenerfahrung ist nötig, um in Neuzelle aufzutreten – aber Vollblutprofis müssen die Sänger nicht sein. Die Proben im Frühjahr und im Sommer sind gleichzeitig Workshops: Die Teilnehmer erhalten vor ihrem Auftritt Unterricht in Gesang und Interpretation von erfahrenen Musikpädagogen. „Wenn es regnet, ist das kein Drama“, sagt Ederer. „Dann ziehen wir in die Klosterkirche."

Das Gotteshaus aus dem 14. Jahrhundert liegt wenige Schritte vom Kreuzhof entfernt. Zur schlichten Dorfkulisse passt es nicht: Die in kräftigem Gelb gestrichene Fassade ist mit gotischen Fenstern versehen, die Dachgiebel der Kirche tragen Zwiebeltürme. Die sakrale Einrichtung: eine barocke Pracht, wie in einem Museum. Geschwungene marmorfarbene Säulen schrauben sich wie Korkenzieher in den Boden. Vergoldete Ornamente prangen über dem Altar, Fresken leuchten in hellen Farben von der Decke. Vier große Konzerte finden diesen Sommer im Kirchenschiff statt. Die müssen nicht unbedingt barock sein: Außer dem Brandenburgischen Staatsorchester tritt auch der Jazztrompeter Daniel Schmal vor den Altar.

Für Brandenburg mag die Barockkirche ein seltener Anblick sein – nicht jedoch für die Niederlausitz. „Die gehörte nämlich bis ins 19. Jahrhundert zu Sachsen“, erklärt Ederer, während er zwischen den Bänken entlangschlendert. Das ehemalige Kurfürstentum war im Gegensatz zum Preußischen Königreich über Jahrhunderte katholisch geprägt. Prunk war Standard. Im Jahr 1815 ging die Niederlausitz durch Beschluss des Wiener Kongresses an das protestantische Preußen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Kloster an die Forst- und Domänenverwaltung überführt und 1955 verstaatlicht. Nach der Wende setzte sich der Kreistag für die Gründung einer öffentlich-rechtlichen Stiftung ein, die sich um Aufbau und Erhalt der Klosteranlagen kümmert. Sechs Jahre später war der Antrag besiegelt: Bis heute arbeiten Kunstrestauratoren an dem Mauerwerk des Klosters, legen mit Skalpell und chemischen Tinkturen mittelalterliche Wandgemälde frei.

Am aufwändigsten ist die Erneuerung des barocken Klostergartens hinter dem östlichen Kirchenschiff. Wege führen strahlenförmig zu einem runden Platz aus aufgeschüttetem Kies, der von Eibenbäumen begrenzt wird. Noch werden die Rosen am Wegrand mit einem Mantel aus Stroh vor Kälte geschützt. „Bäume pflanzen und Blumen züchten ist kein großer Aufwand“, sagt Walter Ederer, der mit knirschenden Schritten über die Kieselsteine läuft. „Doch unser Garten soll dem Original aus dem 18. Jahrhundert gleichen – und die korrekte Planung erfordert viel Kraft und Zeit.“ Vor über zehn Jahren begannen Fachleute, die Archive nach Gartenbauplänen aus Neuzelle zu durchforsten. In der Berliner Staatsbibliothek fanden sie einen Plan von 1758, der den vier Hektar großen Barockgarten im Original zeigt – inklusive einem Teich, in dem sich die Klosteranlage spiegelt.

„Von drei Abschnitten werden wir diesen Sommer zwei eröffnen", sagt Ederer. Zugänglich sind vom 7. Juni an der Spiegelteich und die Orangerie. Dort konnten die Mönche Orangenbäume züchten. Tropische Gewächse gibt es heute jedoch nicht mehr in Neuzelle: Die Orangerie wird daher vom Frühjahr an als Café genutzt. Im Sommer werden dort außerdem Folk-Konzerte veranstaltet. Tango- und Salsa-Abende stehen ebenfalls auf dem Programm, dazu wechselnde Ausstellungen von bildenden Künstlern.

Noch immer in Betrieb und ebenfalls offen für das Publikum ist die Neuzeller Klosterbrauerei. Seit dem Mittelalter wird dort Bier gebraut. In der Bundesrepublik durfte es jedoch lange Zeit nicht Bier heißen: Für den „Schwarzen Abt“ wird außer Wasser, Malz und Hopfen auch Zuckersirup als Zutat verwendet. Das entspricht nicht dem deutschen Reinheitsgebot – und führte zu einem jahrelangen Kampf zwischen der Klosterbrauerei und dem Gesetzgeber. Der Streit ist inzwischen geschlichtet. Doch umbenennen möchten die Brauleute ihren Malztrunk nicht: Er hat Neuzelle schließlich in die Presse gebracht – und damit ein Stück weit näher vom Mittelalter in die Gegenwart gehoben.

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