Reise : Jenseits von Zeit und Welt

Schon George Bernard Shaw war von der Magie der Insel Skellig Michael vor der irischen Küste fasziniert

Hubert Thielicke

Wie bitte? Über 700 Stufen einen steilen Felsen hinauf? Und das auf einer kleinen Insel im Atlantik! Doch die Reisebroschüre lässt keinen Zweifel – schließlich gehört das Klosterinselchen Skellig Michael zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten Irlands, ist eine von zwei Unesco- Weltkulturerbestätten des Landes. Also lässt man sich auch nicht von den Warnungen der Bed & Breakfast-Wirtin in Kenmare abbringen. Die Überfahrtmöglichkeiten seien begrenzt, täglich führen gerade mal 10 bis 15 Motorboote hinüber, und das nur bei gutem Wetter. Ungefährlich sei der Aufstieg auch nicht, es habe gerade erst wieder Unfälle gegeben.

Am Hafenpier in Portmagee stehen schon Dutzende Touristen, von denen die meisten Plätze vorbestellt haben. Mit etwas Glück findet sich jedoch noch ein Plätzchen auf dem Schiff von Dan und Donal McCrohan, das den verheißungsvollen Namen „Celtic Victor“ – Keltischer Sieger – trägt.

Die Wolken hängen am Morgen zwar noch tief, der Wind ist auch nicht ganz ohne, doch der Wetterbericht klingt hoffnungsvoll. Es geht los. Die kleine Armada entfaltet sich im Kanal zwischen Portmagee und der gegenüberliegenden Insel Valentia. Bald ist das offene Meer erreicht. Unser Schiffchen schlingert und stampft durch die Wellen. Gischt spritzt über Bord; bestenfalls gelingt jedes dritte Foto. Wie mag es den Mönchen ergangen sein, die vor mehr als 1000 Jahren die etwa zwölf Kilometer vor der Küste im Atlantik gelegene Insel mit ihren primitiven Kähnen ansteuerten? Dank moderner Navigationstechnik finden Dan und Donal den Weg trotz dürftiger Sicht. Hinten im offenen Fahrgastbereich fordert die See ersten Tribut. Eine junge Frau wechselt merklich die Gesichtsfarbe. Und schon springt Donal mit einem Plastikbeutel herbei ...

Langsam klart die Sicht auf, eine Insel erhebt sich aus dem Meer. „Das ist Little Skellig, die Vogelinsel. Die werden wir uns bei der Rückfahrt ansehen“, verspricht Dan. Nun wächst Skellig Michael förmlich aus Meer und Dunst. Im Unterschied zu ihrer kleinen Schwester ist sie um einiges höher. Nach einer knappen Stunde ist es schließlich geschafft. Eine winzige Bucht erlaubt immer nur einem Boot, am Betonkai anzulegen. Die Touristen klettern rasch an Land, die Boote warten die nächsten zwei Stunden auf See.

Anfangs führt der Weg an der Küste leicht bergan. Ringsum sitzen Papageientaucher auf den Felsen, flattern hinab zum Meer und kehren mit mehreren Fischchen im Schnabel zu ihren Nesthöhlen weiter oben am Berg zurück. Auf der Insel nisten um die 10 000 dieser possierlichen Tierchen, eine ihrer größten Kolonien weltweit. Wohl nirgends kommt man ihnen so nahe, kann sie fast streicheln und eingehend fotografieren.

Der Zug der Touristen stockt, eine Reiseführerin belehrt: Aufstieg auf eigene Gefahr, besonders auf die Kinder achten, Vorsicht an den steilen Treppen, die zudem noch nass sind. Und noch etwas: Hier gibt es keine Toiletten, notfalls muss man sich ein verstecktes Eckchen suchen. Das stellt sich angesichts des mehr oder weniger überschaubaren Weges und steiler Klippen als durchaus schwieriges Unterfangen heraus. Immerhin, der Aufstieg ist nicht so schwierig wie ursprünglich angenommen. Man lässt sich halt Zeit, legt ab und zu eine Verschnaufpause ein und beobachtet die Papageientaucher vor ihren Löchern am Rande des Treppenweges. Bald ist das Ärgste geschafft, das „Christus-Tal“ erreicht. Links, auf der alles überragenden südwestlichen Felsenspitze soll sich damals ein Eremit eingerichtet haben. Der steile, halsbrecherische Pfad ist gesperrt. Rechts geht es hinauf zum fast 200 Meter hoch gelegenen Kloster. Im Stillen bewundert man die Mönche, die im Laufe vieler Jahre die Stufen in die Felsen schlugen.

Endlich oben. Eine Mauer ragt auf. Durch eine niedrige Türöffnung betritt man die erste Terrasse, früher der Klostergarten. Einige weitere Treppenstufen und wir erblicken einige Rundhütten, die sich an den Hang zu klammern scheinen. Sie sehen aus wie überdimensionale Bienenkörbe. Und schon nimmt uns Patrick in Empfang. „Skellig Michael ist ein einzigartiges Monument des frühen irischen Christentums“, erklärt er. „Die Anfänge der Mönchssiedlung gehen zurück ins siebte Jahrhundert. In den sechs Hütten lebten wohl zwölf Mönche und der Abt. Auch die zwei Gebetshäuser wurden aus Steinen geschichtet.“ Eine solche Konstruktion hielt Wind und Wetter, aber auch Erdbeben besser stand als Mauerwerk mit Mörtel wie die kleine Kirche aus dem 11. Jahrhundert, die heute nur noch eine Ruine ist. Aber wovon ernährten sich die Mönche? „Im Garten bauten sie Gemüse und Heilkräuter an, vom Festland holten sie Getreide und Brennholz“, weiß Patrick zu berichten. Vielleicht hielten sie auch Ziegen und Schafe auf der grünen Wiese oberhalb des Klosters. Sie hatten Fische aus dem Meer und werden auch Seevögel und Robben nicht verschmäht haben.

Nun bleibt Zeit, sich alles anzusehen – die kargen Hütten, den kleinen Friedhof, überragt von einem großen Steinkreuz. Von hier oben eröffnet sich eine grandiose Kulisse: das Meer, die benachbarte Vogelinsel, im Hintergrund die Küste und die Berge von Kerry. Ab und an schwebt eine Möwe kreischend vorbei. Unwillkürlich versucht man, sich in die Lage der frühen irischen Mönche zu versetzen. In dieser unwirtlichen Einöde am Rande der damals bekannten Welt führten sie ein asketisches Leben, fühlten sich auf dem einsamen Felsen ihrem Gott besonders nahe. Der Platz gewährte zudem eine gewisse Sicherheit, wenn auch keine absolute. Mehrmals überfielen Wikinger die Einsiedelei, raubten sie aus und verschleppten die Mönche. Im 12. Jahrhundert wurde das Kloster schließlich aufgegeben.

Die Insel blieb ein heiliger Ort, wurde zum Pilgerziel. Sicher, hier gibt es keine majestätisch aufstrebende Kirchenburg, wie sie der ebenfalls am Atlantik gelegene „große Bruder“ Mont St. Michel in der Normandie darstellt. Auf Skellig Michael beherrscht die raue Natur alles. Und das wird wohl auch so bleiben. An den Tagen, an denen Wetter und Meer einen Besuch zulassen, sind es vermutlich nur etwa 200 Menschen, die auf die Insel gelangen.

Die Zeit ist schnell vergangen, nun vorsichtig bergab zu den Booten. Dan und Donal machen ihr Versprechen wahr und drehen eine Runde um die Vogelinsel. Tausende von Vögeln lassen sie wie von Schnee bedeckt erscheinen. Ringsum stürzen sich die Tiere auf der Jagd nach Fischen ins Meer. „Mehr als 20 000 Paare von Basstölpeln leben hier, die größte Kolonie in Europa. Ab und an kann man zwischen den Inseln Delfine und Wale, mitunter sogar Riesenhaie und Mondfische beobachten“, zählt Dan auf.

Bei strahlendem Sonnenschein tuckert das Boot nach Portmagee zurück. Nun genießt man die Fahrt, versucht, die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Der große irische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger George Bernard Shaw sprach von der Magie der Insel, die einen weit außerhalb von Zeit und Welt führen würde. Besser kann man das Gefühl nicht beschreiben. Inzwischen hat das Boot wieder im Hafen festgemacht. Zeit für einen Tee im kleinen Café am Parkplatz oder ein Guinness im Hafen-Pub, ehe einen der touristische Alltag wieder hat.

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