Jubiläum : Die grüne Bühne

Das Heckentheater in Rheinsberg wird 250 Jahre alt. Und bietet feine Klassik für tausend Besucher.

Marion Hartig

Einen Tag dauerte es auf den sandigen Wegen mit der Kutsche von Berlin bis Rheinsberg. Die höfische Gesellschaft aus der Stadt nahm das in Kauf. Wenn der Schlossherr, Prinz Heinrich (1726 bis 1802), zu Fest und Kultur in die Natur einlud, sagte der Adel nicht nein. Die preußische Prominenz spazierte durch den Lustgarten, ließ sich sanft über den See schaukeln, speiste im Grünen – und genoss unter freiem Himmel Konzerte und Schauspiel im Heckentheater.

Heute braucht man nur noch eineinhalb Stunden mit dem Auto nach Rheinsberg. Das klassizistische Schloss am Grienericksee zieht Touristen aus aller Welt an. Leicht übersehen sie aber das einstige kulturelle Herz des Parks, das Heckentheater. Versteckt hinter Bäumen liegt die Bühne am Rande des Lustgartens. 1758 wurde das grüne Theater von Prinz Heinrich eröffnet. In diesem Jahr wird es 250 Jahre alt. An einigen Abenden im Sommer aber, wenn dort die „Kammerspiele Schloss Rheinsberg“ unter dem Sternenhimmel Opern und Konzerte geben, steht sie im Scheinwerferlicht. In dieser Saison spielt die Kammeroper „Die Entführung aus dem Serail“. Das Stück hätte auch ins Programm des Prinzen gepasst. Zwar ist der historische Spielplan des Heckentheaters nicht dokumentiert. Soviel aber ist sicher: Auch Prinz Heinrich mochte Wolfgang Amadeus Mozart.

Mitte des 18. Jahrhunderts beauftragte der Prinz den Baron von Rischwitz mit dem Bau eines Heckentheaters, erzählt Katrin Schröder. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Unter freiem Himmel sollte eine scheinbar in die Unendlichkeit reichende Bühne aus grünen Wänden entstehen, mit Orchestergraben davor und einem prächtigen Zuschauerraum, der an ein antikes Amphitheater erinnert. Statt bemalter Kulissen aus Holz wie im Barock wurden Hecken aus Buchenhain angepflanzt, die von beiden Seiten auf die sich zuspitzende Bühne ragten.

Die Hecken waren nicht nur optischer Blickfang, sie ließen sich auch in das dramatische Spiel einbauen, erklärt die Rheinsberg-Expertin. Darsteller konnten wie aus dem Nichts auftauchen, oder sich, je nach Bedarf, hinter der grünen Wand umkleiden.

Erlebnisse im Freien waren zu dieser Zeit in Mode. Nach dem Auftrag des Prinzen traf sich der Adel mit Schaufeln im Lustgarten. „Wir arbeiteten selbst die Erde um“, schrieb Graf Lehendorff 1753 in sein Tagebuch. Nicht nur Opern und Konzerte wurden unter freiem Himmel aufgeführt. War die preußische Prominenz zu Gast in Rheinsberg, Prinzessin Anna Amalie, Königin Friederike Luise, Friedrich Wilhelm II. oder der legendäre Husarengeneral Hans Joachim von Zieten, gab es auch leichtere Unterhaltung wie Jahrmarktkunst zu sehen. Bis zum Tode des Prinzen 1802 wurde das Theater regelmäßig bespielt. Dann jedoch geriet es mehr und mehr in Vergessenheit. Im 19. Jahrhundert wurde es gelegentlich für Militärkonzerte genutzt. Gardeschützen aus Groß-Lichterfelde gaben hier in den 1880er Jahren nach zehntägiger Schießübung ihr jährliches Abschlusskonzert.

Über das Heckentheater im 20. Jahrhundert gibt es nur wenige Aufzeichnungen. Lediglich in einem Reisebericht von 1930 wird das Theater mit seiner „lückenhaften Kulisse durch einreihige Hecken“ erwähnt. Die Bühne wurde kaum mehr bespielt.

Erst als der Park um 1970 restauriert wurde, erinnerte man sich auch an das Heckentheater. Überwachsen, aber nahezu unbeschadet, hatte es die Zeit überstanden. Einige neue Gehölze wurden gepflanzt und Bänke aufgestellt. Die grüne Bühne wurde wieder für Aufführungen genutzt. 1994 übernahm die Stiftung Schlösser und Gärten das Schloss und den Park und richtete ds Ensemble schließlich nach historischen Plänen wieder her. Der Zuschauerraum wurde vergrößert, die Sicht auf die Bühne verbessert. 1000 Besucher haben jetzt dort Platz, zu Heinrichs Zeiten waren es gerade einmal 100.

Heute gibt es im Heckentheater fast ausschließlich Stücke der Kammeroper zu sehen. Das Konzert der Leipziger Popband „Die Prinzen“ im vergangenen Jahr war eine Ausnahme, sagt die Wissenschaftlerin Katrin Schröder. Nach dem Konzert brauchte der Bühnenrasen lange, um sich zu erholen.

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